Aus: Ausgabe vom 25.07.2018, Seite 16 / Sport

Man kann nicht alles haben

Von André Dahlmeyer
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WM vorbei: Der Fußball-Normalverbraucher trägt wieder sein Telefon vor sich her, um sich über die Aktienkurse seines Vereins zu informieren

Einen wunderschönen guten Morgen! Noch 1.581 Tage bis Katar! Am besten, Sie richten dem Fußballmuffel oder der -in an Ihrer Seite schon mal fürsorglich ein Spendenkonto für einen Erholungsurlaub nach Wahl ein.

Der Montag nach Moskau war Schontag, schließlich saß da noch jedermensch im Flieger, Zeppelin oder als Kanonenkugel verkleidet in einem dunklen fensterlosen Rohr ohne Fernsehanschluss. Jetzt ist aber wieder alles gut. Der Fußball-Normalverbraucher trägt wieder sein blödes Handtelefon vor sich her, um sich über die Aktienkurse seines Vereins zu informieren, und läuft dabei auf dem Trottoir gemeine Fahrradfahrer über den Haufen. Natürlich ist es nicht sein Verein, dessen Aktien ihn tangieren. Sein Verein hat keine Aktien. Glückseligkeit hat ihre Schattenseiten. Man kann nicht alles haben.

Die Fahrradfahrer radeln auf dem Trottoir umher, um Personenkraftwagensteuerern auszuweichen, die sie auf dem Kieker haben. Ihre gesamte letzte Lohntüte hatten sie auf Belgien gesetzt, und jetzt machen die Geschröpften eben Jagd auf alles, was sich bewegt.

Drahteselreiter sind ebenso gewieft wie verblüfft. Gewieft, weil sie nicht auf der Straße fahren. Das ist viel zu gefährlich. Man muss auf der Hut sein. Ständig rollen zwischen fahrenden SchrottBerge Bälle auf die Straße. Man kann die Uhr danach stellen. Dahinter stecken immer kleine Wonneproppen die Blut sehen wollen. Nicht auszudenken, was die anstellen würden, wenn sie Schweinchen Dick noch mitgekriegt hätten. Ganz klar: An der Straße streunende Blägen, die so tun als würden sie »Ballspielen«, sind verhinderte Bombenbauer. Schläfer. Chemie ist ihr Lieblingsfach und Sachenfinden auf der Müllkippe ihr bevorzugter Zeitvertreib. Sie haben Augen, so rund wie Fußbälle. Doch dahinter versteckt sich die schwarzgelbe Nacht. Schießpulver, Schwefel und Borussia Dortmund. Keine Ahnung, warum diese kleinwüchsigen Mitternachtsgeschöpfe neuerdings in Scharen Griezmann-Trikots am Leib tragen. Das ist gar keine Zeichentrickfigur. Sakra.

Unsere Freunde auf dem hohen Ross sind glücklicherweise über all das gut informiert, machen Sie sich keine Sorgen, und deswegen quetschen die sich auf den unbequemen Sattel und maulen nicht. Während in den Straßen lustige Beschleunigungsrennen ausgetragen werden – von Polypen, Weißkitteln und Leuten, die Feierabend haben und die so rasch wie möglich Distanz zur Stechuhr suchen. Auch wenn die WM natürlich längst vorbei ist und das Leben ja keinen Sinn mehr macht, aber der Groschen ist eben noch nicht gefallen.

Der Fahrradfahrer hat all das gut im Blick. Sein Sattel sitzt viel höher als der eines schnöden Blechboliden. Er hat den Überblick. Er sieht die Gefahr schon von weitem anrollen. Nicht wie Hummels. Oder Boateng. Einer, der auf »Nummer sicher« geht. Ein verdammter Kontrollfreak.

Unser Mann ist einfach verblüfft. Der SC Freiburg ist schon wieder nicht Weltmeister geworden, Preußen Münster auch nicht, dafür schon wieder mal Eintracht Frankreich. Kein Bürger weit und breit, keines dieser blutrünstigen Blägen in Sicht, mit denen man Streit anfangen und denen man den Ball stibitzen oder kaputt machen könnte. Aber da vorne naht immerhin so ein blödes Handtelefon, das einen dieser Fußball-Normalverbraucher hinter sich herzieht. Das ist doch mal ein Anfang. (Gibt dem Esel die Sporen.)

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