Aus: Ausgabe vom 25.07.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Ausbeutung

Von Klaus Müller
S_Klasse_Produktion_54646412.jpg
Auch hier herrscht Ausbeutung, in sehr hohem Grade sogar: Arbeiter im Daimler-Werk in Sindelfingen

Viele verbinden den Begriff der Ausbeutung mit knechtenden Arbeitsbedingungen, langen Arbeitszeiten und Hungerlöhnen. Heute ist die Arbeitszeit kürzer, der Reallohn höher als vor 100 Jahren. Der Reallohn ist die Gütermenge, die man sich mit dem Nominallohn kaufen kann. Die Arbeiter der Industriestaaten fahren mit dem Auto zur Fabrik und zum Supermarkt, besitzen Fernseher und Computer, machen Urlaub im Süden. Auch wenn Millionen Menschen arm sind, viele trotz Arbeit, geht es den meisten besser. Gibt es heute noch Ausbeutung?

Ausbeutung ist das Verhältnis zwischen Menschen, den Eigentümern der Produktionsmittel auf der einen und denen, die es nicht sind, auf der anderen Seite. Die Eigentümer lassen die Nichteigentümer für sich arbeiten und eignen sich unentgeltlich das Mehrprodukt an. Das ist Ausbeutung. Das Mehrprodukt ist der Teil des Gesamtprodukts, der die Mittel für die Konsumtion der Arbeiter – das notwendige Produkt – und den Ersatzbedarf an Produktionsmitteln übersteigt. Arbeiter sind in der Lage, es zu erzeugen, wenn die Produktivkräfte und die Arbeitsproduktivität ein bestimmtes Niveau erreicht haben.

In den vorkapitalistischen Gesellschaften beruhte die Ausbeutung neben dem privaten Eigentum an Produktionsmitteln auf außerökonomischem Zwang. Herren zwangen Sklaven, leibeigene und hörige Bauern mittels Gewalt, Mehrarbeit – Sklaven- und Fronarbeit – zu leisten oder in Form von Zehnt und Zins zu geben. Die Ausbeutung im Kapitalismus beruht auf ökonomischem Zwang. Die Kapitalisten eignen sich das Mehrprodukt in Form des Mehrwerts an. Sie sind die Eigentümer der Produktionsmittel. Die Arbeiter sind doppelt frei. Sie sind frei von Produktionsmitteln und rechtlich frei. Niemand kann sie vom rechtlichen Standpunkt aus zur Arbeit zwingen. Sie sind allerdings ökonomisch gezwungen zu arbeiten. Sie verkaufen ihre Arbeitskraft dem Kapitalisten und erhalten von ihm das Geld, das sie brauchen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Mehrwert ist der Teil des Wertes, den der Arbeiter über den seiner Arbeitskraft hinaus schafft. Er ist seinem Wesen nach unbezahlte lebendige Arbeit und tritt auf als Unternehmergewinn, Zins und Grundrente.

Von seinen Gegnern wird Marx unterstellt, er sei der Meinung gewesen, Ausbeutung gebe es, weil Kapitalisten den Arbeitern weniger Lohn zahlten, als ihnen zustehe. Das ist falsch. Marx hat die Forderung der Sozialdemokraten, den Arbeitern stehe der »volle Ertrag ihrer Arbeit« zu, in seiner »Kritik des Gothaer Programms« zurückgewiesen. In den »Randglossen zu Adolph Wagners ›Lehrbuch der politischen Ökonomie‹« hat er sich gegen die Fehlinterpretation des Mehrwerts als Diebstahl gewehrt: Er betont, dass der Kapitalist »nicht nur ›abzieht‹ oder ›raubt‹, sondern die Produktion des Mehrwerts erzwingt, also das Abzuziehende erst schaffen hilft«. Er zahlt dem Arbeiter den Wert seiner Arbeitskraft und gewinnt »mit vollem (…) dieser Produktionsweise entsprechenden Recht den Mehrwert«.

Die Kapitalisten bereichern sich nicht dadurch, dass sie das Wertgesetz beim Kauf der Arbeitskräfte verletzen, sondern indem sie es anwenden. Sie kaufen die Arbeitskraft ihres Gebrauchswertes wegen – ihrer Fähigkeit, mehr Wert zu schaffen, als sie selbst hat. Sie zahlen den Wert der Arbeitskraft und erhalten den Mehrwert. Bei der Ausbeutung geht es tauschgerecht zu. Dies nachgewiesen zu haben ist nach Engels Marxens »epochemachendster Verdienst«. Wachsende Ausbeutung heißt, dass der Mehrwert oder die Profite steigen. Da auch die Löhne steigen, wenn auch langsamer als die Profite, ist eine verstärkte Ausbeutung vereinbar mit einer Verbesserung der materiellen Lebenslage der Ausgebeuteten.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton