Aus: Ausgabe vom 24.07.2018, Seite 11 / Feuilleton

Warten auf den Zauberbutt

Anfütterung, Beifang, Fischzüge: Eindrücke von der 29. Zappanale in Bad Doberan

Von Peter Wawerzinek
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Was sagen die Fische? Fahne auf der Zappanale vor knapp zehn Jahren

Hurra, die Fischbude war wieder da. Nach vier Jahren. Auf der Zappanale in Bad Doberan, die am Sonntag zu Ende ging. Bückling geht nicht so, hieß es hinterm Tresen, aber ansonsten würden sich alle aneinander freuen. Ich nehme den letzten, einsamen Bückling für sagenhafte Zwei-fünfzig. Ein unschlagbarer Preis, ein ganz vorzüglicher Genuss frisch aus dem Räucherofen.

Ich könnte meinen Bericht über dieses Festival in Mecklenburg-Vorpommern, das zum 29. Mal zu Ehren von Frank Zappa, dem 1993 verstorbenen »Meister der verrückt-ironischen Musik« (junge Welt) stattfand, mit weiteren Nebenschauplätzen füllen, die mit Meeresbewohnern zu tun haben. Da war ganz in der Nähe der Rennbahn Heiligendamm, auf der das Festival stattfand, ein Schweinswal angelandet. Zwei Hände voll Helfer versuchten das Tier vom Sandstrand wieder ins Wasser zu bringen, was auch mehrfach gelang. Allein das Tier schwamm immer wieder stur auf den Strand zu, bis es vor Erschöpfung schließlich kollabierte und selbst durch einen medizinischen Sondereinsatz nicht mehr zu retten war.

Diesen dramatisch-traurigen Vorfall könnte ich ganz bewusst mit dem Zappa-Festival in Verbindung bringen. Denn das mit Fischschuppen-Glanz hochgehandelte amerikanische Trio Terry Bozzio, Patrick O’Hearn und Warren Cuccurullo ging völlig baden. Das Trio nervte bereits nach einer Stunde mächtig, spielte aber drei Stunden. Man hatte den Zauberbutt erwartet, und nun zuckten und klatschten da nur drei lahme Schwanzflossen, röchelten Superstars ihre Leben mit Duran-Duran-Klängen und dem letzten Atem der Beach Boys aus. Die Band degradierte sich zum unliebsamen Beifang der Zappanale und spielte davon unbeeindruckt weiter toter Mann auf der Bühne. Diesem musikalischen Fischsterben konnte selbst Denny Walley mit seiner Gitarrenkunst nicht mehr beikommen.

Die Leute hatten einfach ihre Angeln, Netze und Boote eingeholt und diesen Abend als einen kräftigen Faustschlag ins Brackwasser eingestuft. Und dabei hatte man doch die Fans mit ganz köstlichen Ohrenschmaus bereits schön angefüttert. Die Formation Sex without Nails Bro’sis hatte das Publikum fett an der Angel und unterm Motto »The Torture Never Stops« zum musikalischen Mehrgängemenü durch Zappas Küchen der Jahre 1968 bis 1992 eingeladen. Man hatte die polnische Band Tatvamasi auf der Nebenbühne genießen dürfen, die zu meinem Liebling wurde. Auch das Programm für die Ausnahmeerscheinung Lindsay Cooper (1951–2013) wäre als ein gelungener Fischzug zu titeln. Was die Keyboarderin Yumi Hara, der Drummer Chris Cutler und das Musikgenie Tim Hodgkinson feilboten, war zigmal saftiger als dieses trockene Fischmehl von Co und Cuccurullo. Ich konnte zum Glück dann den Frust mit all den anderen Angeschmierten vor der Kleinen Bühne, Mystery genannt, herauslassen. Das heißt, ich konnte ordentlich tanzen, übermutig und munter wie ein Fischlein nach Gitarrenklängen schnappen, mit dem gesamten Leib zur Musik zappeln.

Und ich sage einmal voraus: Coogans Bluff sind im Kommen, weil die einfach junge Wilde sind, die souverän im guten alten Hippie-See schwimmen. In Woodstock wären sie mit ihrer Musik in jener Nacht weltberühmt geworden. Hier spielten sie als letzte Band des Tages in den Morgen ­hi­nein, von dem man hoffte, dass sich der Fisch nicht noch einmal so heftig in den Schwanz beißt.


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