Aus: Ausgabe vom 21.07.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nach Drehbuch

Arnold Schölzel

Von Arnold Schölzel
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Mann mit selbstgebastelter Bombe in Masaya, Nicaragua (11.7.2018)

Eine Meldung aus der Nacht zum Mittwoch: »Bei dem Angriff regierungstreuer Kämpfer auf die Oppositionshochburg Masaya in Nicaragua sind Aktivisten zufolge am Dienstag mindestens zwei Menschen getötet worden. Bei den Toten handele es sich um ›eine erwachsene Frau und einen Polizeibeamten‹, sagte die Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Cenidh, Vilma Nuñez, der Nachrichtenagentur AFP. Die Lage im umkämpften Stadtteil Monimbó sei ›schrecklich‹. Die Staatsmedien bestätigten den getöteten Polizisten, machten darüber hinaus aber keine Angaben.«

Ein »Bericht« aus dem Stehsatz. Der Name des Landes kann ersetzt werden, die Jahreszahl ändert sich: Libyen 2011, Syrien 2011, Ukraine 2013/2014. Historisch Interessierte fügen vielleicht noch hinzu: DDR 1953, Iran 1953, Guatemala 1954, Ungarn 1956, Chile 1973, Polen 1980, Grenada 1983, DDR 1989, Jugoslawien 1991, Serbien 1998 und 2000, Georgien 2003, Ukraine 2004 usw. usf. bis Venezuela oder Russland oder Nicaragua 2018.

Das Stichwort heißt »Volksaufstand«. Am Anfang stehen in der Regel berechtigte Unzufriedenheit mit der Regierung, Missachtung von Protest oder gar gewaltsame Unterdrückung. Nicht immer gibt es dabei Tote, das ändert aber nichts an dem, was sich anschließend wiederholt: Die Wertegemeinschaft äußert ihre tiefe Sorge wegen Menschenrechten und Demokratie. Die Medien des Westens berichten danach unter Berufung auf »Aktivisten« von »Schrecklichem«.

Das Drehbuch sieht weiter vor: Irgendwann meldet sich der UN-Generalsekretär und warnt im Namen der »internationalen Gemeinschaft« vor Einschränkung der Demokratie. Im Fall Nicaragua geschah das am Dienstag, ungefähr zu dem Zeitpunkt, da die schießwütigen Regierungsgegner in Masaya das Weite suchten. António Guterres verlangte ein sofortiges Ende der Gewalt in Nicaragua, gerichtet war das wie stets allein an die Regierung.

Neu hinzugekommen sind in jüngerer Zeit die unter dem Fake-News-Namen eingeführten »sozialen Medien«. AFP: »Auf Videos in sozialen Netzwerken im Internet waren Rebellen in Monimbó zu sehen, einige waren mit selbstgebauten Mörsergranaten bewaffnet.« Es folgen: Behinderung der freien Presse und vermutete Greueltaten des Staates, verübt vom »Machthaber«, später »Schlächter« genannt. AFP: »Eine Gruppe von Journalisten, darunter auch AFP-Reporter, die versuchte, nach Monimbó zu gelangen, um sich ein Bild von der Lage zu machen, wurde von regierungstreuen Kämpfern beschossen. Nach Angaben von Bewohnern rückten am Dienstag mehr als tausend Männer mit Schnellfeuerwaffen in das 100.000 Einwohner zählende Masaya vor.«

Drängt die Regierung aber die Bewaffneten zurück, herrscht wieder Frieden, und gibt es – noch schlimmer – Verhandlungen, ist die Zeit reif für eine »humanitäre Intervention«. Ob Bomber den Rest erledigen, hängt von der strategischen Bedeutung und den Verbündeten des betreffenden Landes ab.

PS: Das Drehbuch für den betreuten Volksaufstand wurde dem Film »Sturm über Afrika – ein Kontinent unter Einfluss« (L’Orage africain – un continent sous influence) des aus Benin stammenden Regisseurs und Schauspielers Sylvestre Amoussou entnommen. Er zeigt das von AFP über (weniger aus) Nicaragua Gemeldete in einem fiktiven afrikanischen Staat. Beim panafrikanischen Filmfestival FESPACO in Burkina Faso erhielt er 2017 die zweithöchste Auszeichnung, im Westen ist er höchstens auf Filmfestivals zu sehen.

PPS: Der UN-Sicherheitsrat erklärte am Donnerstag abend, er stehe bereit, Maßnahmen in der Demokratischen Republik Kongo zu ergreifen. Die UNO hat seit fast 20 Jahren rund 20.000 Mann in dem Land stationiert, deren Aufgabe unklar ist. Bisher trug diese größte UN-Truppe vor allem zur Schürung des Bürgerkriegs bei, der in dem rohstoffreichen Land seit der Unabhängigkeit 1960 herrscht.

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