Aus: Ausgabe vom 21.07.2018, Seite 15 / Geschichte

»Der dumme Krieg«

Vor 80 Jahren beendeten Bolivien und Paraguay ihre militärische Auseinandersetzung im »Gran Chaco«

Von Volker Hermsdorf
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Mobilmachung. Paraguayische Truppen im Fort Alihuta im Jahr 1932

Mit der Ausrufung Lateinamerikas zur »Zone des Friedens« endete am 29. Januar 2014 in Havanna das zweite Gipfeltreffen der Gemeinschaft lateinamerikanischer und karibischer Staaten (CELAC). Die 33 Mitglieder des Staatenbundes (alle Länder Amerikas mit Ausnahme Kanadas und der USA) wollen künftig jede Art kriegerischer Auseinandersetzung vermeiden. Zwischenstaatliche Konflikte in der Region sollen ausschließlich durch Dialog gelöst werden. Die Erklärung gilt als Meilenstein für die Friedenspolitik auf dem Kontinent. 80 Jahre zuvor war dessen südlicher Teil durch den »Chacokrieg« zwischen Paraguay und Bolivien erschüttert worden, der als blutigste Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts in die Geschichte Lateinamerikas einging. Der von 1932 bis 1935 dauernde Krieg wurde erst drei Jahre später, am 21. Juli 1938, mit einem Friedensvertrag in Buenos Aires endgültig beendet. Die Gefechte, in denen auch ausländische Söldner mitgemischt hatten, forderten auf beiden Seiten mehr als 92.000 Todesopfer, über 12.000 Menschen galten zudem als »verschwunden«.

Interessen der Ölmultis

In Bolivien wird der Chacokrieg heute auch oft als »La guerra estúpida« (Der dumme Krieg) bezeichnet. Seine Folgen wirkten bis ins 21. Jahrhundert nach. Erst am 28. April 2009 unterzeichneten die Präsidenten Evo Morales (Bolivien) und Fernando Lugo (Paraguay) einen Grenzvertrag, der die letzten Unstimmigkeiten über den Verlauf der Grenzregion beseitigte. Über die Hintergründe, die am 15. Juni 1932 zum Ausbruch des Krieges führten, gibt es unterschiedliche Theorien. Der »Gran Chaco« ist ein dünn besiedeltes Gebiet zwischen Argentinien, Bolivien und Paraguay, das sich mit knapp 650.000 Quadratkilometern fast über die doppelte Fläche der Bundesrepublik Deutschland (rund 357.000 Quadratkilometer) erstreckt. Da die Grenzverläufe bis 2009 unklar waren, beanspruchten alle drei Länder Teile des riesigen Areals. Mitte des 19. Jahrhunderts verschärfte sich der Konflikt. Bolivien, das seit dem Salpeterkrieg gegen Chile (1879–1884) als einziges Land Lateinamerikas über keine direkte oder indirekte Verbindung zu einem Ozean mehr verfügte, versuchte sich wieder einen Meereszugang über Flüsse zu sichern, die den Chaco durchqueren und in den Atlantik münden. Einige Historiker sehen darin einen möglichen Grund für den Krieg. Andere Geschichtswissenschaftler verweisen auf die Interessen der Ölmultis »Standard Oil of New Jersey« in Bolivien und »Royal Dutch Shell« in Paraguay. Sie sehen in der Einflussnahme der Ölfirmen auf die jeweiligen Regierungen die wahrscheinlichere Ursache des Kriegsausbruches (siehe unten). Historisch belegt ist, dass es seit 1927 verschiedene militärische Auseinandersetzungen zwischen beiden Ländern in der Region gab. Mehrere Versuche, die Streitigkeiten auf diplomatischem Weg beizulegen, scheiterten.

Im Jahr 1932 begannen beide Seiten mit der Mobilmachung. Zugleich wurde der Konflikt durch ausländische Interessen beeinflusst. Sowohl die Ölmultis als auch Rüstungsunternehmern in den USA und Europa sahen eine Chance, von dem aufziehenden Krieg zu profitieren. Die Regierung Boliviens hatte bereits vor dessen Ausbruch mit den tschechoslowakischen Skoda-Werken verhandelt und schließlich mit dem britischen Maschinenbau- und Rüstungskonzern Vickers-Armstrong, der Anfang der 1930er Jahre auch zu den Sponsoren der NSDAP gehört haben soll, einen für diesen lukrativen Vertrag abgeschlossen. Paraguay kaufte Geschütze, Gewehre und andere Rüstungsgüter unter anderem in Belgien, Deutschland, Frankreich, Spanien und den USA. Von ausländischen Konzernen hochgerüstet, waren beide Seiten schließlich bereit für den Krieg, an dem sich auch Militärs und Söldner aus verschiedenen Ländern beteiligten. Die aus 250.000 Mann bestehenden bolivianischen Truppen wurden von militärischen »Beratern« aus der Tschechoslowakei, chilenischen Soldaten und deutschen Söldnern unterstützt. Der deutsche General Hans Kundt, ein Kommandeur des ersten Weltkriegs und seit 1923 Kriegsminister Boliviens, organisierte bis 1930 den Aufbau der Armee. 1928 holte Kundt den NSDAP-Funktionär und späteren SA-Führer Ernst Röhm nach Bolivien, wo dieser im Rang eines Oberstleutnants als Militärinstrukteur tätig war. 1930 mussten beide das Land verlassen, doch bereits im Dezember 1932 kehrte Kundt zurück und wurde zum Befehlshaber im Chacokrieg ernannt.

Auch Paraguay hatte sich mit Unterstützung ausländischer Militärs auf den Krieg vorbereitet. Offiziere wurden in Frankreich ausgebildet und exilrussische Exmilitärs kämpften in der Armee. Europäische und US-Konzerne lieferten moderne Waffen und jedes gewünschte Kriegsgerät. Obwohl das ärmere Paraguay mit einer Truppenstärke von nur 140.000 Mann deutlich schlechteren Chancen hatte, konnte das Land sich kriegsentscheidende Vorteile sichern. Das bolivianische Heer wurde trotz zahlenmäßiger Übermacht in zahlreichen Schlachten geschlagen. In den letzten Kriegsjahren verfügte Paraguay über soviel erbeutetes Kriegsgerät, dass die Männer fehlten, es zu bedienen. Als Argentinien schließlich die Transportwege für Nahrungsmittel- und Waffenlieferungen nach Bolivien blockierte und die Luftwaffe Paraguays mit Piloten unterstützte, schien der Ausgang unaufhaltbar. Zwar korrigierte Argentinien die einseitige Parteinahme später etwas, doch durch mangelnden Nachschub waren tausende Bolivianer bereits verhungert. Im Friedensvertrag vom 21. Juli 1938 konnte Paraguay sich mit 233.000 Quadratkilometern einen großen Teil des Chacoterritoriums sichern. Bolivien behielt die großen Erdöl- und Gasreserven und handelte einen Zugang zum Río Paraguay aus, der über den Paraná-Fluss und den Río de la Plata in Argentinien in den Atlantischen Ozean mündet.

Gesellschaftlicher Umbruch

Der Krieg, in den Bolivien vor allem indigene Soldaten aus dem Hochland unter schrecklichen Bedingungen an die Front geschickt hatte, gilt dort als nationale Katastrophe und leitete einen gesellschaftlichen Umbruch ein. Die traditionell herrschenden Gruppen verloren an Einfluss und wurden zeitweise von sozialreformerischen Kräften zurückgedrängt. Die linksliberalen Präsidenten José David Toro (1936/37) und Germán Busch (1937–1939) verstaatlichten die in Bolivien tätige »Standard Oil«, gründeten das staatliche Erdölunternehmen »Yacimientos Petroliferos Fiscales Bolivianos« (YPFB) und erließen erste Arbeitsgesetze sowie eine Bildungsreform. Die Verfassung von 1938 sah erstmals staatliche Regulierungen der Wirtschaft vor. In Paraguay wurden – nach den Opfern unter der einfachen Bevölkerung – zunehmend Debatten über die ungleiche Verteilung des Grundbesitzes im Land geführt. Präsident Fernando Lugo, der Jahrzehnte später erstmals entsprechende Reformen angekündigt und 2009 mit seinem sozialistischen Amtskollegen Evo Morales den Vertrag zur Beilegung der letzten noch offenen Grenzstreitigkeiten abgeschlossen hatte, wurde jedoch 2012 von den Vertretern der alten Oligarchie mit einem parlamentarischen Putsch aus dem Amt entfernt.

Der 2015 verstorbene uruguayische Journalist und Schriftsteller Eduardo Galeano schreibt in seinem Standardwerk »Die offenen Adern Lateinamerikas« über die Ursachen für den Ausbruch des Chacokrieges:

Das Erdöl hat in Lateinamerika nicht nur Staatsstreiche, es hat auch einen Krieg und zwar den Chacokrieg (1932–1935), zwischen den beiden ärmsten Völkern Südamerikas hervorgerufen: Den »Krieg der nackten Soldaten« hat René Zavaleta die gegenseitige Schlächterei Boliviens und Paraguays genannt. Am 30. Mai 1934 erschütterte der Senator für Louisiana, Huey Long, die Vereinigten Staaten mit einer heftigen Rede, in der er die Anklage erhob, dass die »Standard Oil of New Jersey« den Konflikt künstlich hervorgerufen habe und dem bolivianischen Heer finanziellen Beistand leiste, um sich mittels seiner des paraguayischen Chacos zu bemächtigen, den sie zur Legung einer Ölleitung von Bolivien bis an den Fluss benötige und der außerdem vermutlich reich an Erdöl sei: »Diese Verbrecher sind dorthin gegangen und haben sich Mörder gedungen«, sagte er. Die Paraguayer zogen ihrerseits von der Shell angetrieben zur Schlachtbank. Während ihres Vormarsches nach dem Norden entdeckten sie die Bohrlöcher der »Standard« auf dem Schauplatz des Konfliktes. Es war ein Streit zwischen zwei Unternehmen, die gleichzeitig Feinde und Partner innerhalb desselben Kartells waren; doch nicht sie waren es, die das Blut vergossen. Schließlich gewann Paraguay den Krieg, verlor aber den Frieden. Spruille Braden, ein notorischer Agent der »Standard Oil«, stand der Kommission vor, die die Verhandlungen führte und die für Bolivien und für Rockefeller mehrere tausend ­Quadratkilometer bewahrte, die Paraguay beanspruchte.

Eduardo Galeano: Die offenen Adern Lateinamerikas, 2. Auflage, Wuppertal 1981, S. 187 f.


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