• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 14.07.2018, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Da hab’ ich gedacht: Der spinnt!«

Gespräch mit Günther Koch. Über Sprachverfall und die Fußball-WM, das Verhältnis von Sport und Politik, die Vorzüge Markus Söders und das Elend der Sozialdemokratie – und die große Zukunft des 1. FC Nürnberg

Interview: Jürgen Roth
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»Das Schlimmste sind die gewollten, künstlichen, verkrampften Witze! Die sind das Allerschlimmste.« Fraport-Promoter am Frankfurter Flughafen (27.6.)

Während des Spiels der Deutschen gegen Südkorea hat der ARD-Radioreporter einen legendären Satz von dir zitiert: »Wir melden uns vom Abgrund«. Der Satz stammt aus der unübertroffenen Bundesliga-Radioschlusskonferenz vom 29. Mai 1999, als sich der 1. FC Nürnberg, der Club, am letzten Spieltag zu Hause gegen den SC Freiburg endgültig anschickte, vom zwölften Tabellenplatz ins Nichts zu stürzen, also abzusteigen. Meine Frage wäre: Fällt den Reportern heute nichts mehr ein? Können die nur noch zitieren? Stagniert die Fußballsprache? Oder entwickelt sich irgend etwas weiter?

Eine Weiterentwicklung gibt es ganz sicher nicht. Dass in dem Fall dieser Radioreporter – nur im Radio spricht man übrigens von Reportern – diese Formulierung von mir verwendet hat, fand ich ganz nett, muss ich ehrlich sagen, wenngleich es übertrieben war. Der Club-Abstieg war sicher viel schlimmer als das Ausscheiden einer übersättigten DFB-Kompanie und ihrer Mannschaft in der Vorrunde. Bei den Fernsehkommentatoren bin ich sehr großzügig und sehr geduldig und neige dazu, mich eher zu amüsieren, als zu kritisieren. Was mich als Sprachmenschen und Germanisten jedoch erschüttert, ist diese Verkrümmung, diese Verkrustung, diese, der Bayer würde sagen: Verschandelung der schönen deutschen Sprache. Im Fußball würde man sagen: Rumpelfußball. Das ist eine Rumpelsprache! Und das Schlimmste sind die gewollten, künstlichen, verkrampften Witze! Die sind das Allerschlimmste.

Ansonsten stört mich das wenig, weil ich einfach weghöre und das Bild auf mich wirken lasse und mir Musik dazu vorstelle. Der einzige wirklich angemessene Kommentar zu einem Fußballspiel im Fernsehen wäre Musik. Aber manchmal freue ich mich auch über tatsächlich gute, gelungene Formulierungen. Die gibt’s ja auch!

Die muss man allerdings wie Perlen suchen.

Die muss man suchen. Es ist eben, glaube ich, ein Zeichen unserer Zeit, dass unser höchstes Gut, die Sprache, nicht so ernst genommen, nicht so gepflegt wird, wie sie es als Kulturgut verdient hätte. Ich habe meine Tätigkeit ja der Sprache wegen so geliebt – und auch der Stimme wegen.

Ja, die Stimmen – oft nur Stimmchen, noch dazu ohne jeglichen Wiedererkennungswert –, also die tun schon weh. Da, muss ich sagen, fehlen mir halt Stimmen wie früher, ob es ein Harry Valérien oder ein Oskar Klose oder ein Kurt Brumme oder sogar ein Waldemar Hartmann war – Waldemar Hartmann aber nur, was die Stimme anbetrifft!

Die Haltung zur Sprache und zum Klang ist das eine, die Haltung zum Fußballbetrieb ist das andere. Wenn ausgerechnet Bild dem ARD-TV-Kommentator Tom Bartels zweimal viel zu große Nähe zum DFB vorwirft, fragt man sich, ob die letzten Reste dessen, was mal Sportjournalismus genannt wurde, mittlerweile erodiert sind – und ob das eine organisierte Kumpanei zwischen Fernsehen und Fußball ist.

Ich beobachte im regionalen Nürnberger Bereich – aber auch im überregionalen Bereich – mit einer Mischung aus Überraschung und Sorge, dass ich immer wieder mal sagen muss: »Die Bild-Zeitung legt den Finger in die Wunde.« Wir sind so tief gesunken, dass in vielen Bereichen die Bild-Zeitung oft den besten Sportjournalismus macht. Und das ist ja … Also, das ist … Ich weiß nicht. Damit komme ich gar nicht klar. Aber ich bin froh, dass es wenigstens die Bild-Zeitung macht – und zwar nicht nur in Sportfragen. Die Bild-Zeitung hat halt die Macht und die Kraft, und sie variiert die Berichterstattung natürlich auch so, wie es ihr gerade passt und wie es ihre Interessen erfordern. Das muss ich ja keinem sagen.

Noch mal zum Fernsehen: Da zeigt sich dann eine Art Kumpanei etwa dergestalt, dass der ZDF-Experte Christoph Kramer nach dem Spiel gegen Schweden fordert, dass »die Presse mit der Mannschaft eine Einheit bildet«. Sein ARD-Kollege Thomas Hitzlsperger hat sich ähnlich geäußert, obschon ein wenig vorsichtiger. Da werden zwangsharmonische Verhältnisse herbeigeredet. Das kann doch nicht sein! Oder ist das implizit ohnehin gang und gäbe, weil man ökonomisch aneinandergekettet ist?

Nein, nein, bei Thomas Hitzlsperger muss ich dir widersprechen. Thomas Hitzlsperger leistet saubere Arbeit, und da darf man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Wenn der im Liveinterview sinngemäß sagt, man solle harmonisch zusammenarbeiten, dann meint der als Fußballer, dass man sich austauscht und dass man sich die Meinung sagt. Der meint damit nicht, dass man sich streichelt.

Das lassen wir so stehen. – Was für mich keine Petitesse ist: Am vergangenen Montag hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für den 1. FC Nürnberg, weil der aufgestiegen ist, einen sage und schreibe Staatsempfang ausgerichtet, den obendrein das bayerische Fernsehen live übertragen hat. Du warst dabei. Wie war’s denn?

Für mich war’s natürlich aus den verschiedensten Gründen sehr interessant und amüsant. Ich wurde von vielen Leuten angesprochen, und viele haben sich bei mir bedankt wegen meiner Tätigkeit im Club-Aufsichtsrat, weil ich in bezug auf bestimmte Personen der Vergangenheit hartnäckig gewesen bin. (Gemeint sind der Exfinanzvorstand Ralf Woy und der Exsportdirektor Martin Bader; beide wurden 2015 maßgeblich auf Betreiben von Günther Koch entlassen; jW)

Es war ein harmloses, freundliches Fest, und Söder benahm sich natürlich sehr jovial. Aber man hat auch Stimmen gehört und gelesen, die schon gefragt haben, ob ein Aufstieg einen Staatsempfang verdient hat – ob das nicht ein bisschen übertrieben ist und ob das nicht eher eine politische Veranstaltung sei.

Eben. Wird bei so einer Inszenierung nicht der Fußball ganz offen politisch instrumentalisiert?

Es haben alle aufgepasst, dass das nicht passiert. Meine Kollegen aus dem Aufsichtsrat und ich haben darauf sehr geachtet – und auch die Spieler, die heutzutage – und das ist jetzt mal eine positive Entwicklung im Fußball – viel intelligenter und viel besser ausgebildet und viel kritischer sind als früher. Die haben von Anfang an durch ihre Haltung und in sämtlichen Gesprächen klargemacht, dass es bei diesem Empfang einzig und allein um den Fußball ging. Nein, so war die ganze Angelegenheit schon sehr schön und letztlich unverfänglich, denn alle Anwesenden wussten: Wir feiern jetzt halt den Club, das kommt sowieso alle hundert Jahre nur einmal vor, und Politik ist Politik, und die vergessen wir mal für zwei Stunden.

Dein Leben besteht zum großen Teil einerseits aus Fußball und andererseits aus Politik. Nun hast du Herrn Söder in Nürnberg schon länger verfolgt und miterlebt. Wirft man einen Blick in die jüngst erschienene Biographie »Markus Söder – Politik und Provokation« (von den SZ-Reportern Roman Deininger und Uwe Ritzer, München 2018), stößt man alle naslang auf Titulierungen wie »schamlos«, »gierig«, »egomanisch«, »skrupellos«, »überheblich«, »eiskalt und knallhart«, ein übler Chef, ein Intrigant und ein Spitzel sei er, und so geht das weiter. Wie sieht dein Bild von Söder aus, zumal vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen? Du hast – seit 1970 Parteimitglied – in Nürnberg seit den achtziger Jahren etliche Straßenwahlkämpfe für die SPD gemacht und ihn auch dabei früh kennengelernt.

Richtig persönlich kennengelernt habe ich ihn erst 2003 im Zuge meiner eigenen Kandidatur auf der SPD-Liste für den Bayerischen Landtag und im Rahmen der monatelangen öffentlichen Auseinandersetzungen darüber, ob ein Landtagsmandat mit meiner Tätigkeit als ganz harmloser Fußballreporter beim BR vereinbar wäre. Da hat Söder – er war damals Leiter der CSU-Medienkommission – mir gegenüber eine regelrechte Verhinderungspolitik betrieben. Da ist er rücksichtslos und gnadenlos – wenn es ihm nämlich um seine, aus seiner Sicht berechtigten machtpolitischen Interessen geht. Da gibt’s gar nix.

Andererseits ist er weder hinterhältig noch raffiniert oder falsch – das soll es in der Politik ja auch geben –, sondern immer sehr direkt und offen, und jeder weiß, woran er ist. Das muss man ihm zugute halten. Er ist alles andere als ein Trickser. Er ist kein Falschspieler. Er ist halt ein Alphaquadrattier.

Er ist kein Heuchler? Er zeigt, wer er ist?

Ja. Und was er will! Er hat auch mir damals gesagt: »Koch, das geht nicht! Entweder Reporter oder Abgeordneter.« Da hab’ ich gedacht: Der spinnt! Das gibt’s doch gar nicht! Aber ich hab’ ihn und die CSU unter- und die SPD, diese jämmerliche baldige Nummer vier in Bayern, maßlos und furchtbar überschätzt.

Du hast 2003 einige Erfahrungen mit deinen Damen und Herren Genossen machen dürfen, nachdem du dein Mandat nicht angenommen hattest, weil du als Fußballreporter weiterarbeiten wolltest. Von Unterstützung war da nicht mehr viel zu spüren, im Gegenteil. Von gewissen Fraktionen der Partei bist du regelrecht zur Persona non grata erklärt worden, oder?

Ja. Es war die härteste Zeit in meinem Leben. Ich wurde mit Häme, Missgunst, Neid, Unterstellungen, Boshaftigkeiten und sogar Drohungen überschüttet. Einmal kam sogar die Polizei zu mir nach Hause und fragte, ob ich Klage gegen Unbekannt einreichen wolle. Die Polizei hatte einen anonymen Brief erhalten, in dem ich als Betrüger dargestellt und ernsthaft und konkret bedroht wurde. Das war ganz schlimm. Aber das bezog sich wohlgemerkt ausschließlich auf das Nürnberger Vetternwirtschafts- und Intrigenumfeld. Vom SPD-Landesverband habe ich große Unterstützung auch nach der Wahl erhalten, etwa als es darum ging, eventuell doch noch gerichtlich klären zu lassen, ob die auf Betreiben der CSU formulierte Dienstanweisung des BR, die erst kurz vor der Wahl wegen meines Falles erlassen worden war, einem Berufsverbot gleichkomme.

Na ja, im Nürnberger Bereich tummelten sich halt kleinkarierte Erbsenzähler.

Das ist heute nicht anders, nehme ich an. Die Partei ist ja sogar hier, in dieser traditionellen Hochburg, in einem rasanten Niedergang begriffen.

Ja. Weil es hier nicht wenige anderweitig womöglich Zukurzgekommene oder Neidhammel oder kopfnickende Mitläufer gibt und vielleicht auch solche, die nicht selten im kommunalen Hoheitsgewebe wie zum Beispiel im städtischen Schulwesen Vorteile oder zumindest Sicherheiten suchen und aus meiner Sicht vor allem deswegen in der SPD sind. Ich persönlich – das mag pervers klingen – bin stolz darauf, mich im staatlichen und damit CSU-Schuldienst als Genosse gegen viele Widernisse bis nach ganz oben gekämpft zu haben. (Neben seiner Tätigkeit als Sportreporter unterrichtete Koch bis zu seiner Pensionierung die Fächer Deutsch, Englisch und Evangelische Religion; jW )

Allerdings haben wir es ja auch in der großen Politik erlebt, wie Helmut Schmidt abgesägt wurde. Sobald sehr gute Leute, und wir hatten in der Vergangenheit großartige SPD-Politiker unterschiedlichster Couleur, an die Spitze kamen, wurden die von den eigenen Leuten demontiert. Die SPD hat den krankhaften Zwang, Verlierer sein zu wollen! So was gibt’s.

Interessant, dass du das sagst. Denn mit Söder verbindet dich offenbar etwas. In besagter Biographie heißt es, er »ist ein Freund des Wettbewerbs, er braucht immer einen Gegner«. Das trifft sich sehr gut. Das gilt für dich genauso, nicht wahr?

Ja.

Du bist ein sportiver Mensch durch und durch, geistig wie körperlich, ein Mensch des Wettbewerbs.

Ja. Ja! Bis heute, Gott sei Dank. An manch einem Tag bis Mitternacht sechs Stunden Sitzungen, vorher zwei Stunden Staatsempfang oder was anderes … Auch in den Sitzungen, da rumpelt es. Aber ich liebe das. Und ich finde, das bringt die Menschen auch einander näher. Der Streit ist ein wunderbares Mittel, um Menschen kennenzulernen und sie vielleicht sogar verstehen zu können. Das ist allemal besser als geheuchelte Freundlichkeit. Das ist das, was mich ankotzt! Dieses Theaterspielen! Und das kann man einem Söder zum Beispiel nicht vorwerfen. Mir auch nicht. Da hast du recht. Das hast du gut beobachtet. Da sind Söder und ich uns sehr ähnlich.

Um auf die Zielgerade unserer Plauderei einzubiegen, denn du musst ja zum Club-Training …

Muss nicht, aber ich will.

Wie schätzt du die Zukunftsaussichten des 1. FC Nürnberg ein? Der Verein steht wie viele andere Klubs vor gravierenden Entscheidungen. Kommt nicht schnell sehr viel Geld rein, spielt er in der neuen Saison gleich wieder gegen den Abstieg.

Der Club spielt von vornherein immer erst einmal gegen den Abstieg. Der Club ist aber mehr als nur ein Fußballverein. Er ist einer der größten deutschen Fußballvereine und, historisch gesehen, nach dem FC Bayern der zweiterfolgreichste Klub hierzulande.

Er sucht nun nach neuen Wegen, und was ich sehr unterstütze, ist, dass der Club, was in der Öffentlichkeit weitgehend untergeht, nicht bloß nach wie vor andere Sportabteilungen hat, vom Schwimmen und vom Tennis übers Boxen bis zum Ski, er hat auch eine Sozialabteilung. Die Abteilung Corporate Social Responsibility unter der Leitung von Frau Fritsch kümmert sich um Flüchtlinge, um Behinderte, um viele andere Bedürftige. Das heißt, der Verein tut sehr viel für die Inklusion in der Gesellschaft. Das ist unterstützenswert!

Sportlich gesehen: Wir haben ganz fabelhafte, auch neben dem Platz sehr aufmerksame Spielerpersönlichkeiten – ich nenne nur Behrens, Margreitter, Valentini, Leibold, Kerk, Mühl –, und mit denen wird es der Club schaffen drinzubleiben. Und dann geht es ’19/’20 erst richtig los.

Und weshalb haben’s deine geliebten Engländer wieder nicht gepackt?

Zu unerfahren, zu brav, zu jung! Und Mandzukic, Modric und Perisic sind mit mehr als allen Wassern gewaschen. Da sollen sich die Franzosen mal nicht zu sicher sein!

Damit darfst du jetzt zum Training fahren.

Sehr gut! Endlich!

Günther Koch

Der Literaturwissenschaftler und Publizist Helmut Böttiger schrieb über Günther Koch mal: »Er hat die Fußballradioreportage zu einer neuen künstlerischen Gattung gemacht, in der auf bisher ungeahnte Weise Existentielles verhandelt wird.«

Günther Koch, die »Stimme Frankens«, ist der einzige Sportjournalist, dessen Reportagen auf mehreren CDs verewigt wurden. Heute ist er Mitglied im Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg, und nach wie vor als Experte für deutschen Fußball für die BBC tätig. Er ist mit Jürgen Roth befreundet, der gerade Kochs Biographie schreibt.

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