Aus: Ausgabe vom 14.07.2018, Seite 15 / Geschichte

Schwindender Einfluss

Mit der Operation »Blue Bat« versuchten die USA und Großbritannien im Juli 1958, ihre Vorherrschaft im Nahen Osten zu behaupten

Von Knut Mellenthin
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14.000 Soldaten schickten die USA im Juli 1958 in den Libanon – U. S. Marine in der Nähe von Beirut

Am 15. Juli 1958 ordneteder republikanische US-Präsident Dwight D. Eisenhower die Militäroperation »Blue Bat« (Blaue Fledermaus) an. Innerhalb von 48 Stunden wurden nach Plänen, die schon im Mai ausgearbeitet worden waren, mehr als 14.000 Soldaten in die libanesischen Hauptstadt Beirut und ihre Umgebung geflogen. Darunter waren 8.500 Armeeangehörige und 5.700 Offiziere sowie Mannschaften des Marine Corps. 70 Kriegs- und Hilfsschiffe mit 40.000 Mann Besatzung waren zu ihrer Unterstützung zusammengezogen worden.

Als Zweck und Rechtfertigung der Operation gab Eisenhower Beistand für die Regierung Libanons zur »Bewahrung ihrer territorialen Integrität und politischen Unabhängigkeit« an. Bedroht waren diese dem Präsidenten zufolge durch aufrührerische Rundfunksendungen aus Kairo und Moskau sowie durch Waffenlieferungen, Geld und Personal für die libanesische Opposition, die über die syrische Grenze eingeschleust worden seien.

Parallel dazu, seit Wochen mit zivilen und militärischen Stellen der USA abgesprochen und mit der Operation »Blue Bat« eng koordiniert, schickte Großbritannien am 17. Juli 1958 2.000 Fallschirmjäger in die jordanische Hauptstadt Amman. Ihr Startpunkt waren die britischen Stützpunkte auf der Insel Zypern, die ihre staatliche Unabhängigkeit erst zwei Jahre später erlangte.

Die letzten US-Truppen verließen den Libanon am 25. Oktober 1958; die britischen Soldaten zogen wenige Tage später aus Jordanien ab. Nennenswerte militärische Aktionen hatten weder Amerikaner noch Briten durchgeführt.

Über eine militärische Unterstützung für den mit einer breiten Opposition konfrontierten libanesischen Präsidenten Kamil Schamun und das ebenso unpopuläre jordanische Königshaus war in Washington und London seit Anfang 1957 diskutiert worden. Vor allem die US-Regierung war sich der schweren politischen Nachteile in der arabischen Welt bewusst, die mit einer direkten Militärintervention verbunden waren. Entsprechend unentschieden wurde das Thema monatelang behandelt. Den Ausschlag für die amerikanisch-britische Operation gab schließlich ein Militärputsch im Irak am 14. Juli 1958, der von einer Geheimorganisation nationalistischer, zum Teil auch progressiver Offiziere geplant und geleitet worden war.

Stabilitätsfaktor bedroht

Das Land war bis dahin von einem Königshaus regiert worden, das mit dem Jordaniens eng verwandt war. Aus Sicht der USA und Großbritanniens war der Irak der wichtigste und scheinbar zuverlässigste »Stabilitätsfaktor« in der Region gewesen, nachdem zuerst Anfang der 1950er Jahre Ägypten und seit 1956 auch Syrien einen Kurs der nationalen Unabhängigkeit eingeschlagen hatten, der beide Länder zu einer immer engeren Zusammenarbeit mit der Sowjetunion führte.

Irak war bis zum Putsch Mittelpunkt eines 1955 gegründeten prowestlichen Militärbündnisses, das zunächst METO (Middle East Treaty Organization) und seit August 1959 Cento (Central Treaty Organization) hieß. Da sich der Sitz der Allianz in der irakischen Hauptstadt befand, sprach man oft auch vom Bagdad-Pakt. Geschlossen hatten ihn zunächst im Februar 1955 der Irak und die Türkei, Großbritannien folgte im April, Pakistan im September und der damals von Schah Resa Pahlewi autoritär regierte Iran im November 1955. Die USA erwogen einen Beitritt zum Pakt, unterließen das aber wegen der befürchteten negativen Reaktionen in der arabischen Welt.

Bezeichnend ist, dass der Putsch vom 14. Juli 1958 hauptsächlich von Militäreinheiten durchgeführt wurde, die einen Marschbefehl nach Amman erhalten hatten, um das schwankende Regime von König Hussein zu stützen, der ein Vetter des irakischen Monarchen Faisal II. war. Die beiden Staaten waren seit dem 14. Februar 1958 föderativ miteinander verbunden. Das war eine von den USA und Großbritannien ermutigte, wenn nicht sogar veranlasste Reaktion auf den Zusammenschluss von Ägypten und Syrien zur Vereinigten Arabischen Republik, der am 1. Februar 1958 erfolgt war.

Durch den Umsturz im Irak, der angeblich von den westlichen Geheimdiensten nicht vorausgesehen worden war, erlitt das amerikanisch-britische Herrschaftssystem im Nahen Osten einen schweren Schlag. Die Verlegung von Truppen in den Libanon und nach Jordanien am 15. und 17. Juli diente neben anderen Zielen auch der Bereitstellung einer militärischen Option, um gemeinsam mit der Türkei die alten Verhältnisse im Irak wiederherzustellen. Denn zunächst war in Washington und London nicht vorauszusehen, ob sich die irakischen Streitkräfte in ihrer Gesamtheit den putschenden Offizieren in Bagdad anschließen würden und wie die Bevölkerung reagieren würde. Innerhalb weniger Tage zerschlugen sich aber die westlichen Hoffnungen auf eine Konterrevolution.

Eisenhower-Doktrin

Die US-amerikanisch-britische Militärintervention im Juli 1958 folgte im wesentlichen der sogenannten Eisenhower-Doktrin. Der US-Präsident hatte diese am 5. Januar 1957 in einer Botschaft an den Kongress dargelegt; Abgeordnetenhaus und Senat stimmten ihr im März 1957 zu. Im Kern besagte diese »Doktrin«, dass die USA jedem darum ersuchenden Staat des Nahen Ostens Beistand, einschließlich der Entsendung von Truppen, leisten würden, der einer »offenen bewaffneten Aggression irgendeiner vom internationalen Kommunismus kontrollierten Nation« gegenüberstehen würde.

Diese Voraussetzung war 1958 weder für den Libanon noch für Jordanien gegeben. Zwar war Libanons Präsident Schamun, der einen Teil der christlichen Oberschicht repräsentierte, seit Mai 1958 mit bewaffneten Aktionen einer breiten Opposition konfrontiert, die angeblich von Ägypten materiell unterstützt wurde. Aber die Ursachen dieses Konflikts waren rein innenpolitischer Natur. Schamun hatte einen Teil seiner Bündnispartner auch unter den christlichen Führern verloren. Sein Vorhaben, sich im September 1958 durch das Parlament, das im Vorjahr aus gefälschten Wahlen hervorgegangen war, verfassungswidrig für eine zweite Amtszeit bestätigen zu lassen, verstärkte seine Isolierung.

Der Kommandeur der libanesischen Streitkräfte, Fuad Schebab, selbst ebenfalls Christ, weigerte sich, die Truppen gegen die Opposition einzusetzen. Der von den meisten politischen und religiösen Honoratioren des Landes unterstützte, aber auch für die USA akzeptable General wurde am 31. Juli zum Präsidenten gewählt und trat am 24. September 1958 sein Amt an. Die Militärintervention wäre nicht nötig gewesen, um dieses Ergebnis zu erreichen.

Gestern war ein Tag ernster Entwicklungen im Nahen Osten. Im Irak wurde die ordnungsgemäß gebildete Regierung durch einen hochorganisierten Militärputsch gestürzt (…). Ungefähr zur selben Zeit wurde eine Verschwörung zum Sturz der rechtmäßigen Regierung Jordaniens entdeckt.

Durch diese Entwicklungen gewarnt und alarmiert, sandte der libanesische Präsident Schamun mir eine dringende Bitte, die USA möchten einige Militäreinheiten im Libanon stationieren, um unser Eintreten für die Unabhängigkeit Libanons deutlich zu machen. Dieses kleine Land ist seit etwa zwei Monaten inneren Unruhen ausgesetzt. Diese wurden aktiv geschürt durch sowjetische und Kairoer Rundfunksendungen und unterstützt durch erhebliche Mengen an Waffen, Geld und Personal, die über die syrische Grenze in den Libanon geschleust wurden.

Präsident Schamun erklärte, dass die Regierung des Libanon ohne sofortige Demonstration der Unterstützung der USA nicht in der Lage wäre, sich gegen die Kräfte zu behaupten, die in der Region freigesetzt wurden.

Nachdem ich über dieses Ersuchen gründlich nachgedacht und Rat von führenden Mitgliedern der Regierung ebenso wie des Kongresses eingeholt hatte, beschloss ich, der Bitte nachzukommen. Vor wenigen Stunden ist ein Bataillon der U. S. Marines gelandet und hat Stellungen in und um Beirut bezogen.

Der Auftrag dieser Kräfte besteht darin, amerikanische Leben zu schützen – es gibt rund 2.500 Amerikaner im Libanon – und durch ihre Anwesenheit der Regierung des Libanon bei der Wahrung der territorialen Integrität und politischen Unabhängigkeit des Landes beizustehen.

Aus der Stellungnahme von US-Präsident Dwight D. Eisenhower, 15. Juli 1958

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