Aus: Ausgabe vom 14.07.2018, Seite 12 / Thema

Deckname »Lixer«

Karl Hauke kämpfte als Jugendlicher in den Reihen der Leipziger Widerstandsgruppe »Internationales Antifaschistisches Komitee« – eine Spurensuche

Von Sabine Kebir
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Mit dem Theaterstück »Hochverrat« setzte ihm die Schriftstellerin Elfriede Brüning ein literarisches Denkmal – der Antifaschist Karl Iljitsch Hauke (8.6.1928–30.4.2016) im Alter von 15 Jahren

In Kriegen spielen nicht nur gekidnappte und als Kampfmaschinen missbrauchte Kinder und Jugendliche eine Rolle. Auch wenn sich Familien in einem Konflikt auf der Seite der Angegriffenen engagieren, werden ihre Kinder oft ebenfalls mit hineingezogen. Bei der Arbeit an einer Monographie über die Schriftstellerin Elfriede Brüning (1910–2014) stieß ich auf einen solchen Fall, sie behandelte ihn in ihrem Theaterstück »Hochverrat«. Das Stück, das zunächst den Titel »Lixer« trug, beruht auf einer wahren Geschichte. »Lixer« war der Deckname von Karl Hauke (8.6.1928–30.4.2016), der als 13jähriger 1941 aktives Mitglied des »Internationalen Antifaschistischen Komitees« (IAK) wurde, einer der größten Widerstandsgruppen in Leipzig, die mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern vor allem aus der Sowjetunion, aber auch aus anderen Ländern, zusammenarbeitete. 1944 geriet Hauke mit anderen Verhafteten in die Mühlen der Gestapo.

Das Leipziger Schauspielhaus hatte 1974 Brünings Stück einstudiert – mit dem Einverständnis Haukes, der mittlerweile Direktor einer Oberschule war. Aber mitten in den Proben wurde das Stück abgesetzt. Zunächst hieß es, Recherchen hätten ergeben, »Lixer« habe unter Folter die Namen von Genossen preisgegeben, der Stoff eigne sich daher nicht zur öffentlichen Darbietung. Elfriede Brüning wollte sich damit nicht abfinden. Sie beschwerte sich beim Kulturministerium, wo man ihr schließlich eröffnete, dass ihr Stück wegen einer Intervention des 1. Sektretärs der SED in Leipzig abgesetzt wurde, weil dieser der Meinung sei, dass die Widerstandsgruppe seines eigenen Vaters wichtiger gewesen sei als die, für die Hauke tätig gewesen war – eine Erklärung, die von Zeitzeugen heute in Zweifel gezogen wird. Die Wiederaufnahme der Proben in Leipzig konnte Brüning nicht erreichen. Die Uraufführung von »Hochverrat« fand schließlich 1975 im Berliner Theater der Freundschaft – dem heutigen Theater an der Parkaue – statt. In dem Kinder- und Jugendtheater blieb das Stück vier Jahre lang auf dem Spielplan.¹

»Danke, Genosse«

Nach Veröffentlichung meiner Biographie über Elfriede Brüning kam ich in Kontakt mit Helene Hauke, der Witwe Karl Haukes. Sie übergab mir etliche Materialien zur Geschichte von »Lixer«.

Karls Vater war der Schauspieler Maximilian Hauke. Er hatte bereits für die Bayrische Räterepublik gekämpft, war 1923 in die KPD eingetreten, erhielt 1936 Berufsverbot und musste sich und seine Familie seitdem mit Gelegenheitsarbeiten durchbringen. 1941 kam Karl, der den Zweitnamen Iljitsch trug, auf seinem Schulweg in Leipzig-Plagwitz an einer Holzfabrik vorbei, der ein Lager sowjetischer Kriegsgefangener angegliedert war, die sich in äußerst elendem Zustand befanden. Der Junge berichtete zu Hause davon. Schnell wurde beschlossen, den Menschen zu helfen.

In einem späteren Interview berichtete er davon: »Wir warfen nachts Medikamente und Lebensmittel über den Zaun.«² Bald kam die Familie auf die Idee, die Brennstoffknappheit, die dazu geführt hatte, dass sich Bürger aus der Holzfabrik Sägespäne abholen konnten, auszunutzen. Man versteckte »Zigaretten oder andere Dinge« in einen für den Transport der Sägespäne bestimmten Sack. Karl überbrachte den Sack, der von den Zwangsarbeitern entgegengenommen und mit Spänen gefüllt an den Jungen zurückgegeben wurde. Auf einem Zettel schrieben die Gefangenen: »Danke, Genosse«.

Karl, der ein paar Worte Russisch beherrschte, kam mit den Gefangenen ins Gespräch und erhielt einen weiteren Zettel, auf dem Auskunft über den Frontverlauf erfragt und das Angebot gemacht wurde, dass die 107 Zwangsarbeiter bereit wären, den deutschen Genossen zu helfen, die Naziherrschaft zu beenden. Da jedoch in diesem Kassiber auch gefragt wurde, wie viele deutsche Hitlergegner den Kontakt zu ihnen gesucht hatten, entstand bei Familie Hauke Misstrauen. Eine solche Frage widersprach eklatant den Regeln illegaler Arbeit. Die Eltern ließen Karl mit Hilfe des Arztes Fritz Gietzelt, der ebenfalls im Widerstand aktiv war und Medikamente für die Zwangsarbeiter zur Verfügung stellte, krankschreiben. Der Junge sollte für eine Weile nicht mehr am Gefangenenlager vorbei in die Schule gehen müssen.

Nach einiger Zeit gelang es Karls Mutter Elsa, die nun den Transport der Säcke übernommen hatte, die entstandenen Irritationen aufzulösen. Die Versorgung der Kriegsgefangenen mit Lebensmitteln ging weiter. Ab und zu wurde für sie sogar in der Laube, in der die Familie wohnte, ein Läuferschwein geschlachtet. Da das Schwarzschlachten verboten war und möglichst wenig Geräusche davon nach außen dringen durften, kletterte Karl auf einen Baum und gab, kurz bevor sich die vorbeifahrende Straßenbahn quietschend in die Kurve legte, ein Signal. So wurde der Schuss, mit dem sein Vater das junge Schwein tötete, übertönt.

»Lixer« – wie Karl bei allen an der illegalen Arbeit Beteiligten fortan hieß – kam bald in Kontakt mit zwei Zwangsarbeitern, die in den Mitteldeutschen Motorenwerken im nordöstlich von Leipzig gelegenen Taucha arbeiteten, dem Schlosser Boris Lossinsky und dem Dreher Nikolai Rumjanzew. Sie wollten Kontakte zwischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in verschiedenen Lagern herstellen, auch zu deutschen Kommunisten, die wie Max Hauke als »wehrunwürdig« eingestuft, begehrte Arbeitskräfte in den Betrieben waren. Die Zusammenarbeit im IAK wurde erleichtert, als Tassija Tonkonog zu der Gruppe stieß. Als angeworbene Zwangsarbeiterin konnte sie sich anders als die Kriegsgefangenen etwas freier bewegen. Sie war als Dolmetscherin in der Maschinenbaufirma Karl Krause beschäftigt und hatte dort die Erlaubnis erhalten, zweimal in der Woche an einem Übersetzerkurs in Leipzig teilzunehmen, den sie aber nicht besuchte. Statt dessen dolmetschte sie für das IAK, das Verbindungen in verschiedene Zwangsarbeiterlager unterhielt. Hauke erinnerte sich: »Im Leipziger Nordosten gab es Verbindungen zu den Lagern der Elguwa (Flügel und Polter), der Wollkämmerei, der HASAG und den Mitteldeutschen Motorenwerken. Im Leipziger Westen bestanden Verbindungen zu den Lagern an der Antonienstraße, Meyer und Weichelt, zur Holzfirma Seidel und zu anderen.«

Aufstandspläne

»Lixer« half bei der Herstellung von Flugblättern, die der Information der Gefangenen und Zwangsarbeiter in den verschiedenen Lagern sowie der Kommunikation zwischen ihnen und den deutschen Antifaschisten dienten. In der Uniform des Deutschen Jungvolks, der Organisation der Hitlerjugend für Zehn- bis Vierzehnjährige, ging er in Schreibwarengeschäfte und sorgte für Nachschub an Papier, Wachsmatrizen und Tinte. Später konnte auch mit Hektographiermaterialien gearbeitet werden. Nikolai Rumjanzew schrieb die Flugblätter zunächst selbst und verteilte sie auch. Der Bedarf stieg ständig, da das Komitee sein Kontaktnetzwerk immer mehr ausweitete. Schließlich gab es Verbindungen in bis zu 70 Lager.

Nach der Schlacht um Stalingrad, über deren für die Sowjetunion erfreulichen Verlauf man durch Radio Moskau und den britischen Rundfunk informiert war, entstand die Idee zu einem bewaffneten Aufstand in Leipzig, der beim weiteren Vorrücken der Front im Osten ausgelöst werden sollte. Die deutschen Mitglieder des IAK meinten, dass ein solches Unternehmen nur unter Einbeziehung der sowjetischen Kriegsgefangenen möglich sei, schließlich hatten allein sie eine militärische Ausbildung. Der Plan war, während einer größeren sowjetischen Offensive möglichst viele Polizeireviere, Kasernen und Telegrafenämter zu besetzen – und den Leipziger Rundfunk, über den zu Erhebungen in anderen Gebieten aufgerufen werden sollte. Über einen Erfolg machte man sich keine Illusion. Die Mitglieder des IAK waren sich vielmehr darüber im klaren, dass mit einer heftigen Gegenreaktion der Nazis zu rechnen sei. Deshalb war vorgesehen, möglichst viele Lastwagen zu beschlagnahmen und sich mit erbeuteten Waffen und Lebensmitteln nach Böhmen durchzuschlagen, um sich dort Partisanengruppen anzuschließen. Rumjanzew hatte auch Verbindung zu einem Offizierslager geknüpft, in dem ein sowjetischer Oberst inhaftiert war, der sich bereit erklärte, die militärische Führung des Aufstands zu übernehmen.

Um ihre illegale Arbeit in Leipzig – deren Zentrum die Laube der Haukes war – besser organisieren zu können, wandten die bislang noch in Taucha arbeitenden Rumjanzew und Lossinsky eine List an. Sie meldeten sich beim Leipziger Arbeitsamt, behaupteten, ihre Kolonne in Taucha verloren zu haben, und boten sich für eine Arbeit bei der dortigen Niederlassung des Rüstungskonzerns HASAG an. Weil man dort dringend Arbeitskräfte benötigte, glückte der Plan. Bei dieser Gelegenheit konnten sich die beiden auch neue Identitäten zulegen.

Als »Lixer« Anfang 1944 eine Einberufung als Luftwaffenhelfer erhielt, stellte ihm Fritz Gietzelt ein Attest aus, das ihm bescheinigte, eben erst die Gelbsucht überstanden zu haben. Um den geschwächten körperlichen Zustand zu unterstreichen, zog sich der nun Fünfzehnjährige einen zu großen Mantel und zu große Schuhe an und setzte sich einen zu großen Hut auf. Dank dieser Maskerade befand der zuständige Militärarzt, dass er tatsächlich noch leidend war und stellte ihn frei. Das rettete ihm vermutlich das Leben, zwei Tage später wurde die Luftwaffeneinheit, in der er den Dienst hätte antreten sollen, bombardiert.

Etwa zur selben Zeit beschloss Rumjanzew, sich ganz der illegalen Arbeit zu widmen und unterzutauchen. Er wohnte nun in der Laube der Haukes. Karl Hauke erinnerte sich, dass sein Vater und andere Mitglieder des IAK mit anderen Widerstandsgruppen in Kontakt standen und dass heftig um die Frage gestritten wurde, ob ein Aufstand gegen Hitler nicht die alleinige Sache der Deutschen sein müsse. Max Hauke sei der Meinung gewesen, »dass die ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen nicht nur für ihre soziale, sondern für ihre nationale Befreiung kämpfen würden. Sie wären eine Armee, die man nur bewaffnen und mobilisieren müsste«. In anderen Widerstandsgruppen habe es auch die – möglicherweise durch Nazispitzel vertretene – Position gegeben, dass man die Russen auf jeden Fall daran hindern müsse, Deutschland zu erobern, weil sie mit »uns Deutschen dann nicht gerade zimperlich« umspringen würden.

Das IAK, das etwa 50 deutsche Mitglieder zählte, hielt an seinem Aufstandsplan fest. Man ging davon aus, 7.000 bis 8.000 Menschen mobilisieren zu können – nicht nur Russen, sondern auch Angehörige anderer Nationen.

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In der Gruppe »Internationales Antifaschistisches Komitee«, in der »Lixer« aktiv war, kämpften auf russische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter – an sie und ihren Widerstand erinnert seit 2001 eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Gelände des Rüstungskonzerns HASAG in Leipzig (zwei ehemalige Zwangsarbeiter bei der Eröffnung, 12.12.2001)

Verhaftung durch die Gestapo

Aber zum Aufstand kam es nicht. Am 31. Mai 1944 wurde Rumjanzew beim Austragen von Flugblättern verhaftet, am 11. Juni traf es Tassija Tonkonog, am 14. Juni Boris Lossinsky.³ Karl und seine Mutter wurden am 19. Juni von der Gestapo festgenommen. In dem Auto, in das man sie verfrachtete, saß auch Rumjanzew. Das war eine der Taktiken der Gestapo: Um Verbindungen herzustellen, wurden Beschuldigte ohne Vorankündigung gegenübergestellt. Als Rumjanzew Karl zuflüsterte: »Wissen alles«, wurde dieser »wütend, weil er damit ja bereits Kontakte zu uns zugab und uns unnötig in Gefahr brachte«. Wahrscheinlich wollte der Russe den Jungen damit aber vor allzu großem Heldentum bei den Verhören warnen. Maximilian Hauke wurde einige Tage später in Breslau verhaftet, wo er wegen des geplanten Aufstands mit Vertretern tschechischer Widerstandsgruppen zusammengetroffen war.

Karl wurde ins Polizeigefängnis in der Leipziger Wächterstraße gebracht, wo er, um ihn »mürbe« zu machen, mehrere Tage allein in einer Zelle zubringen musste. Bei seinem ersten Verhör, das um acht Uhr morgens begann und um 16 Uhr endete, wurde er nicht, wie er erwartete, Rumjanzew gegenübergestellt, sondern Lossinsky. »Hierbei ging es um die Zusammenarbeit mit Gietzelt. Ich musste bei den Vernehmungen mitansehen, wie er zusammengeschlagen wurde, mit welcher Wucht der Knüppel auf seinem Körper zerbrach.«

Durch Verlegung an andere Haftorte und Zusammenlegungen bei Fliegeralarm konnte Karl mehrfach die Mutter, den Vater und etliche Bekannte treffen. Bei seinem letzten Verhör drohte ihm der Vernehmer mit dem Tod. Ihm wurde das rechte Handgelenk zerschlagen. Da die Behandlung durch den Gefängnisarzt in der Wächterstraße nicht anschlug und die Wunde sich entzündete, wurde Karl in das Gefängnis Beethovenstraße verlegt. »Natürlich tat ich mein übriges dazu, dass sich der Zustand nicht unbedingt verbesserte«. Lange konnte der Krieg nicht mehr dauern. Außerdem wusste er, »dass Misshandelte und Zerschlagene keinem Richter vorgeführt wurden, bevor sie nicht wieder zusammengeflickt wurden«. Auch sein Vater Max setzte auf einen Krankenhausaufenthalt, um Zeit zu gewinnen: Er verschluckte in der Haft Kopierstifte und das Glas einer zerbrochenen Glühbirne.

Da auch der Gefängnisarzt in der Beethovenstraße Karls Verletzung nicht beikommen konnte, wurde er mehrere Male in Begleitung zweier Wachmeister und mit gebundenen Händen in eine Praxis in der Liebigstraße gebracht, wo die Fesselung als eine Ursache für die schlechte Heilung benannt und beendet wurde.

Rote Fahne gehisst

Als Karl am 1. November 1944 nur von einem Wachtmeister begleitet wurde, nutzte er die Chance zur Flucht. Er wollte nach Plagwitz zu seiner Tante, wurde aber gewarnt, dass dort bereits die Gestapo auf ihn wartete. In den folgenden Wochen und Monaten wechselte er immer wieder das Quartier. Um den letzten großen Fliegerangriffen zu entgehen – »das war eigentlich eines der wenigen Male, dass ich Angst hatte« – holte er sich sein altes Fahrrad aus der verlassenen Laube seiner Eltern, damit wollte er zu seinem Großvater ins 30 Kilometer südlich gelegene Borna fahren. Dabei geriet er mehrfach zwischen die Fronten von SS und US-Armee. Soldaten der letzteren zwangen ihn, mit einer weißen Fahne auf die SS zuzugehen und sie zur Kapitulation zu bewegen. Die SS schoss, aber Karl konnte sich in einen Graben retten. Die Amerikaner hätten ihn dann »vorne auf einen Jeep gesetzt« und bis Lobstädt mitgenommen. »Dann ging ich weiter zu Fuß nach Borna. Ich war eher in Borna als die Amerikaner. Zwei Tage später ging ich zur KPD und wollte die kommunistische Jugend aufbauen. Ich blieb drei bis vier Wochen bei den Großeltern. Von meinen Eltern wusste ich nur, dass mein Vater zum Tode und meine Mutter zu Zuchthaus verurteilt worden war.« Mit einem selbst zusammengebauten Fahrrad fuhr er schließlich zurück nach Leipzig. »Ich habe den Schlüssel für unsere Laube geholt und hisste die rote Fahne auf dem Dach. (…) Aus einem Blockhaus des einstigen Zwangsarbeiterlagers gleich hinter der Gartenanlage kamen vier Kriegsgefangene auf mich zu und umarmten mich.«

Alle drei Mitglieder der Familie Hauke waren von den Nazis wegen Hochverrat, Feindbegünstigung, der Herstellung und Verbreitung von Flugblättern und wegen des Hörens feindlicher Sender angeklagt worden. Und alle drei überlebten.

Max Hauke war später lange Zeit Stadtverordneter in Leipzig. Karl Hauke begann im Januar 1946 ein Pädagogikstudium und wurde Russischlehrer. Da in der Sowjetischen Besatzungszone alle Lehrer, die in der NSDAP gewesen waren, entlassen wurden, musste er schon ab dem 1. September 1946 vor der Klasse stehen. »Oft war ich meinen Schülern im Unterricht nur eine Lektion voraus.« Später war er Schulleiter in Berlin, Plauen und schließlich wieder in Leipzig.

Öffentliche Erinnerung

Sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter wurden in ihrer Heimat zunächst mit Verratsvorwürfen, dem Misstrauen der Behörden und nicht selten mit erneuter Lagerhaft konfrontiert. Das war sicher einer der Gründe, warum das politische Zusammenwirken von Gefangenen und Zwangsarbeitern mit deutschen Antifaschisten zunächst keine öffentliche Wertschätzung erfuhr. 1960 wurde im Südosten von Leipzig eine Straße nach Nikolai Rumjanzew benannt, 1964 ein Denkmal für ihn, Lossinsky und Tonkonog eingeweiht.

Karl Hauke hatte nach dem Ende des Faschismus ebenfalls mit Misstrauen aus den Reihen antifaschistischer Verbände zu tun. Die Meinungsverschiedenheiten zur richtige Taktik im Widerstand hielten an, auch gab es teilweise starke Rivalitäten untereinander. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich die Absetzung von Elfriede Brünings »Lixer«–Stück im Leipziger Schauspielhaus erklären.

Die Nikolai-Rumjanzew-Straße blieb von den Umbenennungskampagnen nach 1989 verschont, und dank der Vereinbarungen über den Abzug der Sowjetarmee ist auch das Denkmal für die Widerstandskämpfer erhalten geblieben. An sie erinnert auch die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, die 2001 auf einem ehemals der HASAG gehörenden Gelände in der Permoserstraße eröffnet wurde.

Anmerkungen:

1 Sabine Kebir: Frauen ohne Männer? Selbstverwirklichung im Alltag. Elfriede Brüning (1910–1914): Leben und Werk, Bielefeld 2016, S. 569–571

2 Das Gespräch wurde am 9. März 2005 aufgenommenen. Die Aufnahme befindet sich im Archiv des Verbandes der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten in Leipzig. Alle nicht weiter gekennzeichneten Zitate entstammen diesem Interview.

3 In den Materialien aus Haukes Privatarchiv sind unterschiedliche Daten der Verhaftung sowohl der Familie Hauke als auch der Russen angegeben. Ich richte mich nach den von Helene Hauke übergebenen Kopien einer zeitgenössischen Haftverwaltung, die nachträglich handschriftlich um Informationen über das Ende von Rumjanzew, Lossinsky und Tonkonog ergänzt wurden. Wie auch andere Verhaftete des IAK wurden sie am 2. August 1944 nach Auschwitz gebracht. Ihr Todesdatum ist der 5. August 1944. Für Rumjanzew ist angegeben: »ermordet«, für Lossinski und Tonkonog »vergast«.

Sabine Kebir schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. April 2018 über die Buchenwaldstudie »Ein Leben gegen ein anderes« der französischen Historikerin Sonia Combe: Wahrheiten aus der Grauzone

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