Aus: Ausgabe vom 10.07.2018, Seite 4 / Inland

Arbeitslos in die Ferien

Trotz Lehrermangels: Tausende Kollegen werden zum Schuljahresende entlassen. Länder sparen sich so einige Millionen Euro

Schueler_in_Bayern_s_46133881.jpg
Anders als ihre Schützlinge können Tausende Lehrer und Referendare nicht unbeschwert den Sommer genießen. Letztere bekommen nicht einmal Arbeitslosengeld

Weil die Länder zu lange nicht genug Nachwuchs ausgebildet haben, fehlen jetzt an Tausenden Schulen Lehrer. Unterrichtsausfall ist alltäglich. Inzwischen sind viele Pensionäre aus dem Ruhestand zurückgekehrt. Zudem behilft man sich mit Schnellkursen für Quereinsteiger. Vielerorts ist zumindest in Ostdeutschland nicht einmal mehr ein abgeschlossenes Studium, etwa der Ingenieur- oder Sportwissenschaften oder in Sprachen, Voraussetzung für die Übernahme in den Schuldienst. In Sachsen hat mittlerweile nur noch jeder zweite neu eingestellte Grundschullehrer einen pädagogischen Abschluss.

Trotz des Mangels wird offenbar in einigen Bundesländern immer noch an der Praxis festgehalten, gerade jüngere Kollegen nur befristet einzustellen und zu Beginn der Sommerferien in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Das belegt eine von der Deutschen Presseagentur durchgeführte Umfrage bei den Kultusministerien, deren Ergebnisse sie am Montag veröffentlichte. Dadurch spart man sich Ausgaben in Millionenhöhe auf dem Rücken der Pädagogen – und motiviert sie so, in andere Länder abzuwandern, wo die Bedingungen besser sind. Betroffen sind vor allem Vertretungslehrer im Angestelltenverhältnis. Allein im von Grünen und CDU regierten Baden-Württemberg endet der Arbeitsvertrag von 3.300 Lehrern spätestens mit Beginn der Sommerferien am 26. Juli. Damit gibt das Land 12,5 Millionen Euro weniger aus, als wären die Kollegen festangestellt. (jW-Bericht)

In den Sommerferien 2017 hatten sich nach einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit (BA) rund 4.900 Lehrkräfte arbeitslos gemeldet. Auch damals wurden in Baden-Württemberg die meisten registriert, allerdings mit 1.680 nur halb so viele wie in diesem Jahr. In Bayern meldeten sich zu diesem Zeitpunkt 860 Lehrerinnen und Lehrkräfte erwerbslos, in Niedersachsen 470. Insgesamt war die »Sommerarbeitslosigkeit« laut BA 2017 geringer als in den drei Jahren zuvor.

Nach Einschätzung von Marlies Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), war und ist die tatsächliche Zahl der Betroffenen deutlich größer, denn längst nicht alle meldeten sich arbeitslos. Vor allem zeige sich, »dass die südwestlichen Bundesländer wieder in den Sommerferien nicht zahlen, in jedem Fall nicht Baden-Württemberg, auch Rheinland-Pfalz nicht«, sagte Tepe gegenüber dpa.

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, forderte 50.000 neue Planstellen. Er nannte es gegenüber Bild (Montagausgabe) »skandalös«, dass sich trotz Lehrermangels und großen Unterrichtsausfalls »viele Bundesländer weigern, befristete Verträge in dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse umzuwandeln«. Junge, motivierte Kollegen würden als »beliebig verschiebbare Manövriermasse missbraucht«, sagte Meidinger. Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, kritisierte, Menschen, die mitten im Schuljahr für erkrankte und Kollegen in Elternzeit einspringen und hohe Anforderungen erfüllen müssten, derart zu behandeln, sei »dreist«.

Die Verantwortlichen wiegelten derweil ab. Ein Sprecher des Kultusministeriums in Baden-Württemberg betonte, befristete Beschäftigung sei im Südwesten mit drei Prozent aller Lehrer die »große Ausnahme«. Es handele sich um Vertretungslehrer, die bei längeren Krankheiten oder Ausfällen durch Mutterschutz und Elternzeit einsprängen. Vertreter der meisten anderen Ministerien äußerten sich ähnlich.

Wie viele Menschen dieses Jahr tatsächlich betroffen sind, war aber längst nicht überall klar. So läuft in Mecklenburg-Vorpommern zum Ende des Schuljahres für 171 Lehrer an öffentlichen Schulen die befristete Anstellung aus. Wer nach den Ferien aber wieder beschäftigt wird, bekommt das Gehalt für die sechs Wochen nachbezahlt. In Rheinland-Pfalz sollen ab 2019 alle Vertretungslehrer über die Sommerferien bezahlt werden. Davon würden die rund 1.000 Pädagogen profitieren, die jetzt noch in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. Die Mehrausgaben betragen laut Bildungsministerium rund 2,5 Millionen Euro. Laut dem erwähnten BA-Bericht war die Zahl der im Sommer erwerbslosen Lehrer in Rheinland-Pfalz wie auch in Hessen bereits im vergangenen Jahr um rund drei Viertel zurückgegangen.

GEW-Chefin Tepe machte darauf aufmerksam, dass auch Tausende Referendare in den Sommerferien nicht bezahlt werden. Bei den Nachwuchslehrern in der Praxisausbildung kommt hinzu, dass sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Denn als Beamte auf Widerruf sind sie während des Vorbereitungsdienstes nicht in der Arbeitslosenversicherung versichert. (mit dpa)

Der richtige Begleiter für den Sommer im Marx-Jahr!

Unser Aktionsabo der gedruckten Ausgabe (62 Euro statt 115,20 Euro): Sechs Tage in der Woche, mit vielen Hintergründen und Analysen, mit thematischen Beilagen und am Wochenende acht Seiten extra. Das Abo endet nach drei Monaten automatisch. Als Zugabe gibt es das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Wissen ist Macht Bildungsprivilegien und -benachteiligungen

Ähnliche:

Mehr aus: Inland