Aus: Ausgabe vom 09.07.2018, Seite 12 / Thema

Gestohlene Zukunft

Vorabdruck. In den entwickelten kapitalistischen Ländern des Westens wächst die Jugendarmut – die Folgen sind katastrophal

Von Werner Seppmann
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2016 gab es in Deutschland 330.000 Stromsperren, in 6,6 Millionen Fällen wurde die Sperrung angedroht. Kinder und Jugendliche sind in besonderer Weise von den Folgen von Armut betroffen. Durch sie wird ihre Entwicklung gehemmt

In diesen Tagen erscheint im Kölner Papyrossa-Verlag der Sammelband »Eine Welt zu gewinnen«. Das von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) in Auftrag gegebene Buch befasst sich mit den Erkenntnissen von Karl Marx, einer marxistischen Interpretation der Widersprüche unserer Zeit sowie den Klassenkämpfen des 20. Jahrhunderts. jW dokumentiert im folgenden den Beitrag von Werner Seppmann zur Jugendarmut. Wir danken dem Autor und dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Auch die konsequentesten Kapitalismuskritiker hatten es sich vor drei Jahrzehnten nicht vorstellen können, wie negativ und in welchem Tempo sich die sozialen Verhältnisse veränderten und dass kapitalistische Widersprüche wieder offensichtlich wurden, die in den Zeiten einer sozialstaatlichen Marktwirtschaft schon als überwunden galten.

Die Zustände variieren von Land zu Land, aber in fast allen, in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zusammengeschlossenen Ländern (35 entwickelte kapitalistische Staaten sind dort Mitglied) ging seit Beginn der neoliberalen Umwälzungen in den 1970er Jahren die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinander. Neben der sich ausbreitenden Arbeitslosigkeit entstanden überall prekäre Arbeitsverhältnisse,¹ in denen oft auch eine Vollerwerbstätigkeit nicht zum Lebensunterhalt ausreicht. Verelendung und Hoffnungslosigkeit, wie sie bis dahin nur aus der »Peripherie« bekannt waren, breiteten sich in vielen Industrieländern aus.

Diese Entwicklungen sind Ausdruck eines historischen Abwärtssogs, bei dem es sich um einen »kontinuierlichen Prozess schrittweisen Niedergangs (handelt), der sich zwar hinzieht, aber umso unerbittlicher durchsetzt«.²

Abwärtsdynamik

Die Bundesrepublik nimmt bei dieser sozialen Abwärtsdynamik in Konsequenz der Schröderschen »Agenda 2010« einen traurigen Spitzenplatz ein: Die Gefahren sozialen Abstiegs und die Armutsquote sind stärker gestiegen als in vielen anderen EU-Ländern. Diese Verhältnisse wurden (zur »Sicherung des Standortes«) von Banken und Konzernen im Einvernehmen mit den politischen Apparaten geschaffen. Mit sichtlichem Stolz stellte Exkanzler Gerhard Schröder (SPD) kurz nach dem Ende seiner Amtszeit fest, dass mit seiner tatkräftigen Unterstützung in Deutschland der größte Niedriglohnsektor Europas entstanden ist. Für eine Mehrheit derer, die in den Niedriglohnsektor abrutschen, ist das die berufliche Endstation. Der Niedriglohnsektor, von dem bei seiner Schaffung gesagt wurde, dass er die Chance böte, wieder in den »ersten Arbeitsmarkt« hinüberwechseln zu können, ist zur Armuts- und Ausgrenzungsfalle geworden.

Die Konsequenzen einer Ausdünnung der sozialpolitischen Sicherungssysteme in Kombination mit einschneidenden arbeitsrechtlichen Veränderungen, die beispielsweise Leiharbeit und Werkverträge erst in dem skandalösen Umfang ermöglichten, wie wir ihn heute kennen, sind dramatisch: 25 Prozent aller Beschäftigten stecken in der Bundesrepublik in prekären Arbeitsverhältnissen fest, die Armuts- und Bedürftigkeitszonen, in denen mittlerweile mehr als 20 Prozent aller Kinder leben, breiten sich immer weiter aus.

Auch die Angehörigen der sogenannten gesellschaftlichen Mitte leben in großer Sorge, zukünftig mehr verlieren als gewinnen zu können. Viele von denen, die vor wenigen Jahren glaubten, in gesicherten Verhältnissen zu leben, müssen zur Kenntnis nehmen, dass auch Bildungszertifikate und eine gute Berufsausbildung langfristig keine Garantien mehr sind, die erreichte Sozialposition zu halten.

Wie gravierend sich die Verhältnisse vor allem für die unteren Gesellschaftsschichten verändert haben, wird durch einen statistischen Vergleich deutlich: Während 1965 nur jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen war, ist es heute fast jedes fünfte. Groß ist die Zahl der Heranwachsenden, die auch nach ihrer Kindheit in Armutsverhältnissen feststecken, weil es Familien, die einmal in der Prekarität gelandet sind, immer schwerer fällt, ihr wieder zu entkommen. Es wird nicht ohne Berechtigung von einer Vererbung der Armut gesprochen. Es haben sich »Kulturen der Armut (gebildet), die Jugendlichen das Gefühl vermitteln, dass sie ohne Chancen sind und sich in Armut einrichten müssen«.³ Heutzutage ist es so, dass, wer in einer Familie von Geringverdienern aufwächst, als Erwachsener mit 70prozentiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls in einer prekären Soziallage landet.

Aber auch jenen, die der Armut entkommen können, gelingt kein wirklicher sozialer Aufstieg, denn meist verbleiben sie in Zwischenbereichen der Unsicherheit, aus denen ein erneuter Abstieg jederzeit möglich und wahrscheinlicher als die Stabilisierung der Soziallage ist. Es muss davon ausgegangen werden, dass mindestens die Hälfte der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland in Armut bzw. Unsicherheit lebt.

Sozialpolitische Konterrevolution

Der reibungslose Ablauf und die Intensivierung dieser sozialpolitischen Rückwärtsentwicklung wurden von den arbeits- und sozialrechtlichen Angriffen der Schröder/Fischer-Regierung sichergestellt, deren Gipfelpunkt die Hartz-Gesetzgebung war. Die Verarmungseffekte und die von ihnen ausgehenden Disziplinierungswirkungen waren ebenso ein Ziel der Agenda-Politik wie die sozialen Spaltungswirkungen. Sie waren gleichzeitig Resultat und Bedingung, um die Umverteilung von unten nach oben vorantreiben zu können. Die Regierung Schröder/Fischer hat »in ihren nur sieben Regierungsjahren im internationalen Vergleich die größte bekannte Sozialproduktumverteilung der letzten Jahrzehnte zu Lasten der Lohnquote⁴ bewirkt (die Lohnquote sank von 2000 bis 2007 um neun Prozentpunkte), die Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts wieder in die Verteilungsverhältnisse der 1950er Jahre zurückkatapultiert hat«⁵.

Diese einschneidende Umgestaltung gelang so reibungslos, weil die Betroffenen durch die sozialrechtlichen Einschnitte eingeschüchtert wurden. Das Hartz-System verlangt geradezu Unterwerfung.

Die sozialpolitischen Angriffe haben eine gesamtgesellschaftliche Negativwirkung, weil sie »zu Verschlechterungen in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens geführt« und die sozialen Verhältnisse in der BRD »in einer bis dahin unbekannten Weise sozial polarisiert, fragmentiert und formatiert« haben.⁶

Dies ist der sozioökonomische Rahmen, in dem die Kinder- und Jugendarmutsentwicklung angesiedelt ist. Aber während die Kinderarmut zumindest in einer kritischen Öffentlichkeit als Skandal angesehen wird, ist das Bewusstsein über die Jugendarmut weniger entwickelt. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil sie mehr Menschen betrifft als in allen anderen Altersgruppen. Es ist davon auszugehen, dass fast jeder vierte Jugendliche in Armut oder an der Armutsgrenze lebt.

Die Jugendlichen waren in vielen EU-Ländern auch die Hauptleidtragenden der Finanz- und Weltwirtschaftskrise ab 2007/08. Die Jugendarbeitslosenquoten betrugen (vor allem in den südeuropäischen Ländern) bis zu 60 Prozent. Die Höchststände sind mittlerweile zwar überschritten, aber die Quoten betragen in Griechenland immer noch 45 Prozent, in Italien und Spanien bewegen sie sich zwischen 35 und 42 Prozent. Aber auch in Frankreich, Belgien und Finnland liegt der Anteil über 20 Prozent. Die Statistik weist für Deutschland mit knapp sieben Prozent zwar eine relativ niedrige Quote aus, das ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, denn allgemein ist die Erfassung der Erwerbslosigkeit bei Jugendlichen sehr lückenhaft. Sie sagt vor allem nichts über die Qualität und finanzielle Auskömmlichkeit der Beschäftigung aus. Der Praktikant und der für eine Probezeit Beschäftigte verschwinden aus der Statistik.

Letztlich blieb der von den EU-Bürokraten versprochene Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit ein leeres Versprechen. Konzepte zum Kampf gegen den Armutsskandal bei Kindern hat es noch nicht einmal auf dem Papier gegeben.

Wie bei den Erwachsenen, ist auch bei den Jugendlichen die Arbeitslosigkeit bzw. die Beschäftigung in Überausbeutungsverhältnissen, also die Erwerbstätigkeit mit einer Bezahlung, die unter dem eigentlichen Wert der Ware Arbeitskraft liegt, eine der Hauptursachen von Armutslagen. Gerade Jugendliche müssen sich sehr oft mit befristeten Arbeitsverhältnissen zufriedengeben, die oft schlecht oder, wenn sie als Praktikum deklariert werden, mitunter überhaupt nicht bezahlt werden.

Gesundheitliche Probleme

Noch offensichtlicher als bei Erwachsenen (die unter ihr leiden und psychisch destabilisiert werden) ist die Armut von Kindern und Jugendlichen ein zivilisatorischer Skandal, denn es handelt sich um mehr als nur eine zeitweilige Phase der Unsicherheit, Bedrückung und Perspektivlosigkeit. Die Betroffenen werden für ihr ganzes Leben negativ geprägt. »Angst, Ohnmacht, Hunger, Verkürzung der geistigen und psychischen Perspektive auf das unmittelbare und notfalls kriminelle Überleben, politische Ausgrenzung, Einsamkeit, das schamhafte Sich-Verstecken und Sich-Verstellen, die prinzipienlose Übernahme asozialer Werte, also mannigfache Formen der Entwürdigung: Sie gehören zur Armut.«⁷

Kinder aus Armutsverhältnissen bleiben regelmäßig in ihrer geistigen und emotionalen, aber auch in ihrer körperlichen Entwicklung zurück. Die Beherrschung ihres Körpers, die Sprache und der Umfang des alltäglichen Orientierungswissens weisen beträchtliche Defizite auf. Auch gesundheitlich sind sie oft angeschlagen: Wer in seiner Kindheit Phasen der Armut erlebt hat, ist auch in seinen späteren Lebensjahren öfter und intensiver krank als Menschen, die in gesicherten Verhältnissen aufgewachsen sind. Aber zu den Konsequenzen von Armut und Bedürftigkeit gehören auch kulturelle Ausgrenzungen und Erfahrungen sozialer Isolation. Auch wer nicht in einem Ghetto lebt, kommt als verarmter Mensch selten aus seinem Stadtteil heraus.

Die neurobiologische Forschung hat auf die dramatische Tatsache verwiesen, dass Armutserfahrungen und soziale Bedrängung nicht nur in einem unmittelbaren Sinne die psychische Befindlichkeit von Kindern und Jugendlichen prägen, indem sie resignative Lebenseinstellungen und eine tiefsitzende Unsicherheit und Angst hervorrufen, sondern mit negativen Langzeitkonsequenzen bis in die Gehirnstrukturen hinein wirken. Wenn Kinder in Armutsverhältnissen leben, wird ihre psychische und intellektuelle Entwicklung gestört, weil fundamentale Gehirnverknüpfungen unterbleiben. Dadurch erlangt das Gehirn nicht den optimalen Stand an Differenziertheit, der für anspruchsvollere geistige Funktionen und bestimmte emotionale Reaktionen unverzichtbar ist.

Durch die Ausgrenzung aus dem Arbeitsleben bleiben Jugendliche aus einem elementaren, für ihre Entwicklung wichtigen Wirklichkeitsbereich ausgeschlossen; nicht grundlos fühlen sie sich an den Rand gedrängt. Es bleibt ihnen verwehrt, lebenswichtige Fähigkeiten auszubilden, die eigene Leistungsfähigkeit zu erleben und ein damit verbundenes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ihre Ausgrenzung aus dem Berufsleben führt zu einer gleichgültigen Hinnahme ihrer krisenhaften Lebenssituation.

Zwar kann die Erfahrung von Widersprüchen auch in den jugendlichen Lebensräumen jenseits der Arbeitswelt zur Herausbildung kritischer Einstellungen führen, jedoch haben diese nicht die Prägekraft von betrieblichen Erfahrungen. Erfolgversprechende Versuche der Rückeroberung einer selbstbestimmten Wirklichkeit haben ihre Basis im Arbeitsleben als einem Ort, an dem kollektives Handeln zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation zumindest naheliegt – und unter bestimmten Voraussetzungen auch möglich ist.

Politische Konsequenzen

Die Entwicklungsmöglichkeiten von Selbstachtung und Verhaltenssicherheit sowie die Orientierungskompetenz in den Alltagsverhältnissen, also Eigenschaften und Fähigkeiten, die auch für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung bedeutsam sind, bleiben durch die Randständigkeit unterentwickelt. Ein geduckter und von Selbstzweifeln geplagter Jugendlicher kann sich kaum zur Eigeninitiative, geschweige denn zum Widerspruch aufraffen.

Es gibt keinen Automatismus, aber die sozial bedrängten und psychisch oft angeschlagenen Jugendlichen stellen eine Zielgruppe rechter Propaganda dar. Ihre belastende Lebenslage ist ein Einfallstor für neofaschistische Orientierungen: Der rechte Ungeist vermittelt in einer Situation lebensgeschichtlicher Orientierungslosigkeit und emotionaler Defizite durch seine völkischen Gemeinschaftsmythen das Gefühl, der als bedrohlich erlebten Welt nicht ganz hilflos ausgeliefert zu sein. Alleine schon die sozialen Bedrückungserfahrungen auf andere umlenken zu können, entlastet die Verunsicherten: Sie können ihre Sorgen und Ängste auf die vermeintlichen Problemgruppen übertragen (in historischer Abfolge auf die »Juden«, »Ausländer«, »Arbeitslosen«, »Islamisten« und »Flüchtlinge«) und somit ihre diffusen Ängste konkretisieren. Völkische Gemeinschaftsideologien (»Stolz, ein Deutscher zu sein«) fungieren zusätzlich als »Geist geistloser Zustände«, als Sinnersatz in einer Lebenssituation der Perspektivlosigkeit.⁸

Es wäre aber ein Irrtum zu meinen, dass diese Prozesse sozialer Degradierung und individueller Demütigung nur Ausdruck bedauerlicher Fehlentwicklungen wären. Das Gegenteil ist der Fall: Die sozialen Zerstörungs- und zivilisatorischen Verfallseffekte sind gewollt, da es im Interesse des Kapitalismus liegt, einen Teil der nachwachsenden Arbeiterklasse so einzuschüchtern und psychosozial zu prägen, dass sie Beschäftigungen in den untersten Bereichen der Arbeitswelt akzeptiert. Wichtiges Druckmittel für prekär Beschäftigte ist die reale Abstiegsgefahr in die Arbeitslosigkeit. Dank des technischen Fortschritts wird insgesamt immer weniger Arbeitskraft benötigt. Das führt aber nicht zu kürzerer Arbeitszeit, sondern zu Arbeitslosen auf der einen und zu Menschen, die sich kaputtschuften, auf der anderen Seite. Eine »industrielle Reservearmee«, wie Karl Marx das Heer der Arbeitslosen nannte, auf die je nach Konjunkturlage flexibel zugegriffen werden kann und die gleichzeitig noch als Lohndrücker wirkt, kommt den Unternehmern natürlich sehr gelegen.

Die Abstiegsautomatik dient als Zwangsanordnung, um die nicht mehr benötigten Facharbeiter im Falle der Arbeitslosigkeit so unter Druck zu setzen, dass sie aus Angst vor dem Absturz, aber auch aus Scham wegen ihres vermeintlichen Versagens bereit sind, Beschäftigung auch in den Schattenbereichen prekärer Arbeit zu akzeptieren.

Kein Schicksal

Die Frage nach den Funktionsgesetzen des Kapitalismus ist die eine Seite der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie. Aber die Theorie gipfelt in der Frage nach den kollektiven Handlungs- und Reaktionsmöglichkeiten der Lohnabhängigen. Beim Übergang zu diesem Problemkomplex schlägt die Sozial- und Ökonomieanalyse in eine Theorie des politischen Handelns um. Sie wird in einem unmittelbaren Sinne zur Philosophie der Praxis.

Jedoch hat Marx sich immer von der Einsicht leiten lassen, dass gesellschaftliche Konflikt- und Bedrängungserfahrungen nicht automatisch in systemverändernde Haltungen umschlagen, sondern politische Handlungsbereitschaft nur das Resultat kollektiver Lernprozesse sein kann. Denn die kapitalistische Gesellschaft ist in der Lage, mit ihren Widersprüchen auch verzerrende Denkmuster zu produzieren. Gegenwärtig drückt sich das beispielsweise darin aus, dass die Krisenopfer, die Arbeitslosen und prekarisierten Jugendlichen ihre gesellschaftliche Randstellung sehr oft als Konsequenz eines eigenen Versagens ansehen.

Zur Ausbildung und Entwicklung von Klassenbewusstsein und der Bereitschaft zum gesellschaftsverändernden Handeln sind Vermittlungsschritte nötig. Auf eine Formel gebracht ist organisierte Aufklärung durch eine aufgeklärte Organisation unumgänglich. »Nicht die ungefilterte Erfahrung der Massen allein, sondern bewusste Reflexion über Erfahrung entscheidet letztlich darüber, ob im Protest eine neue Form sozialen Bewusstseins entsteht oder nicht.«⁹ Die Arbeiterklasse wird sich nicht zum realen Subjekt der Veränderungen entwickeln können, wenn ihre Mitglieder keine Phasen der Schulung und der praktischen Kämpfe durchlaufen, die gleichzeitig als konkrete Lernprozesse organisiert sind.

Offensichtlich besteht auch bei Jugendlichen kein automatischer Zusammenhang zwischen Prekaritäts- bzw. Armutslagen und Protest- und Widerstandsverhalten. Aber ihre konkreten Widerspruchserfahrungen können eine Voraussetzung dafür sein, um die Bereitschaft zu fördern, die »Zukunft einzuklagen« (Engels). Zur Entwicklung einer Aktionsbereitschaft jedoch »muss sich ein Bewusstsein bei jungen Menschen entwickeln, dass die prekären Verhältnisse, in denen sie leben, nicht ›normal‹ oder ›unabdingbar‹ sind«. Und die unter Armut leidenden Jugendlichen müssen ein »bestimmtes System als für ihre prekären Verhältnisse verantwortlich erkennen«.¹⁰

Anmerkungen:

1 Prekäre Arbeitsverhältnisse sind durch Unsicherheit und weniger soziale Teilhabe gekennzeichnet. Sie sind in der Regel geprägt durch geringe Entlohnung, Befristung und fehlende soziale Absicherung.

2 Wolfgang Streeck: Wie wird der Kapitalismus enden? In: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2015), H. 4, S. 120

3 Ronald Lutz: Jugendarmut als Prozess der Erschöpfung. Verfestigung sozialer Ungleichheit. In: Yvonne Ploetz (Hg.): Jugendarmut. Beiträge zur Lage in Deutschland, Opladen/Berlin/Toronto 2013, S. 33

4 Die Lohnquote bezeichnet nach Definition den Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen. Vereinfacht gesagt, zeigt sie auf, wie sich die Löhne im Verhältnis zu Vermögens- und Unternehmenseinkommen entwickeln.

5 Wolfram Elsner: Warum der verrottete Finanzkapitalismus Demokratie nicht mehr gebrauchen kann. In: Marxistische Blätter (2012), H. 1, S. 104

6 Christoph Butterwegge: Hartz IV und die Folgen. Auf dem Weg in eine andere Republik. Weinheim 2015, S. 9

7 Werner Rügemer: Arm und reich. Bibliothek dialektischer Grundbegriffe. Bd. 3, Bielefeld 2002, S. 12

8 Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. In: Marx-Engels-Werke. Bd. 1, Berlin 1988, S. 378

9 Peter Brückner (1982): Psychologie und Geschichte, Berlin 1982, S. 260

10 Jonas Boos: Gegenwehr – Jugendproteste in Europa. In: Yvonne Ploetz (Hg.): Jugendarmut, a. a. O., S. 80

Werner Seppmann schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 9./10. Juni 2018 über das bedingungslose Grundeinkommen.

Lena Kreymann/Paul Rodermund (Hg.): Eine Welt zu Gewinnen – Marx, der Kapitalismus von heute und was wir tun können. Papyrossa-Verlag, Köln 2018, 231 Seiten, 10 Euro

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