Aus: Ausgabe vom 06.07.2018, Seite 15 / Feminismus

Immer wieder die erste sein

Ali Begum kandidiert in einer der konservativsten Ecken Pakistans gegen 23 männliche Konkurrenten als Unabhängige für das nationale Parlament

Von Thomas Berger
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Teilnehmerinnen der Wahl zum Bundesparlament Pakistans 2013 in Peshawar im Norden des Landes. Ali Begum hofft auf die Stimmen der Frauen in ihrem Wahlkreis

Es gab viele erste Male in ihrem Leben. Und mit 69 Jahren ist es für Ali Begum aus ihrer Sicht an der Zeit, dieser Liste einen weiteren Eintrag hinzuzufügen. Am 25. Juli will sie bei den Wahlen einen Sitz im Parlament erringen. Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht mutig. Schon in ihrem Wahlkreis hat sie 23 männliche Konkurrenten gegen sich. Zudem tritt sie als unabhängige Kandidatin an. Das ist schon in anderen Landesteilen schwierig. Doch ihre politische Karriere soll für sie ausgerechnet in einer Region beginnen, die als eine der konservativsten des ohnehin stark patriarchalisch geprägten südasiatischen Landes gilt. Sie kandidiert in den Stammesgebieten unter Bundesverwaltung, den »Federally Administered Tribal Areas« ­(FATA) im Nordwesten Pakistans, einem Gebiet, dessen Bevölkerung nicht nur unter Armut, sondern auch unter Terroranschlägen leidet.

Ali Begum lässt sich durch Hürden und missliche Umstände nicht beirren. Bei ihren ersten Wahlkampfauftritten und gegenüber den Reportern gab sie sich betont selbstbewusst und siegessicher: Ja, die Konkurrenz sei groß, aber am Ende werde sie gewinnen. Tatsächlich ist es Ali Begum seit frühester Jugend gewohnt, sich gegen heftige Widerstände durchzusetzen – unerschrocken, beharrlich, mit einer Mischung aus Selbstvertrauen, Überzeugungskraft und Starrsinn. Und dem Bewusstsein, dass irgendeine eben die erste sein muss.

Zwar stammt sie aus einer relativ gut situierten Familie. Aber Bildung für ein Mädchen war in den 1950er Jahren auch in solchen Kreisen alles andere als selbstverständlich. Sie war damals die einzige Schülerin in ihrer Klasse und der ganzen Schule – einer Einrichtung für Jungen. Doch sie vollendete ihre Ausbildung dort und nahm anschließend ein Studium am Frontier College for Women in Peshawar auf. Als sie in den pakistanischen Verwaltungsdienst eintrat, war sie in ihrer Heimatregion die erste Frau in einem solchen Job. Während sie die Prüfungen bestand, die Voraussetzung zur Aufnahme einer Beamtinnenlaufbahn waren, scheiterte ihr Mann daran. Er hatte ihr die Teilnahme erlaubt und es zeitgleich mit ihr versucht. Sie ließ sich auch nicht beirren, als Straßenproteste ihre Ernennung zur stellvertretenden Verwaltungschefin eines Distrikts zunächst verhinderten. 29 Jahre sollte sie im Verwaltungsdienst arbeiten, bis sie 2009 in den Ruhestand ging.

Frauen sind in der pakistanischen Politik durchaus keine Ausnahmeerscheinung. Viele aber entstammen namhaften Familien, werden als Witwen, Ehefrauen, Töchter oder Schwestern von einflussreichen Männern ins Rennen geschickt. So war es auch bei Benazir Bhutto, Premierministerin von 1988 bis 1990 sowie von 1993 bis 1996. Sie hatte einen »Bonus« als Tochter des früheren Premiers Zulfikar Ali Bhutto – und wäre im Januar 2008 wohl noch einmal in dieses Amt zurückgekehrt. Doch sie wurde am 27. Dezember 2007 von einem Attentäter ermordet.

Ein solcher Prominentenbonus fehlt Ali Begum, und auch ihre Familie war zunächst gegen die Kandidatur. Die hat sie inzwischen überzeugt und ist entschlossen, im nationalen Parlament eine starke Stimme für ihre Region und insbesondere für die Frauen zu werden, auf deren Stimmen sie hofft. Sie tritt im Distrikt Kurram an, einem Gebiet, das vom Fortschritt vergessen scheint und von den jahrelangen Kämpfen zwischen dem Staat und seiner Armee auf der einen und radikalislamischen Gruppen auf der anderen Seite gezeichnet ist. Frauen wagen hier selten, ihre Stimme zu erheben. Sie stehen im Schatten der Männer und haben unter den vielen Mängeln und Problemen am meisten zu leiden.

2013 kam es schon einer kleinen Revolution gleich, als 2013 mit Dr. Moin Begum in Kurram erstmals eine Frau zur Amtsärztin ernannt wurde. Ganz gleich, ob Ali Begum das Mandat für ihren Wahlkreis gewinnt: Allein ihre Kandidatur ist ein Signal, hat Vorbildwirkung. Bildung und Infrastruktur sind ihre wichtigsten Themen. Sie will gerade der unter hoher Arbeitslosigkeit leidenden Jugend eine Perspektive eröffnen – und damit die Gefahr verringern, dass junge Männer aus Frust ins Lager der Glaubenskrieger abwandern. Genau vor diesen Männern tritt sie im Wahlkampf auf, das zeigen Fotos auf ihrer Facebook-Seite. Und natürlich vor Frauen und Mädchen, für die sie eine Hoffnungsträgerin ist.

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