Aus: Ausgabe vom 06.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Ungeniert vom Balkon herab

Zwischen Märchen und Reduktion: Die Rostocker Compagnie de Comédie führt »Cyrano de Bergerac« auf

Von Anja Röhl
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Tragen wir nicht alle eine Nase wie Cyrano der Bergerac im Gesicht? Aufführung der Compagnie de Comédie in Rostock

Ein wunderbares, kleines Theaterspiel hat die Compagnie de Comédie im Rostocker Klostergarten wieder auf die Bühne gebracht: Edmond Rostands (1868–1918) »Cyrano de Bergerac«, ironisch genannt: »Romantische Komödie«. Reiner Heise, früher unter anderem in Berlin an der Volksbühne, jetzt in Rostock, hat eine aufs Wesentliche reduzierte, auf das Freilufttheater zugeschnittene Fassung des Stücks geschrieben und bei der Inszenierung auch Regie geführt. Das Experiment ist gelungen, und man erfreut sich eines Theaterautors, den man bisher viel zu wenig kannte.

Die Handlung spielt im 17. Jahrhundert und ist schnell erzählt. Die Titel­figur Cyrano de Bergerac, Gardeoffizier, mit wehendem Umhang, Federbusch, weißem Rüschenhemd fühlt sich durch eine zu lange Nase verunstaltet. Er traut sich nicht, dem von ihm angehimmelten Fräulein Roxane seine Liebe zu gestehen. Sie liebt ohnehin einen anderen, Christian, neu im Regiment, zwar hübsch, aber recht schweigsam. Die Anfangsszene zitiert köstlich ironisch Romantik und Schmalz. Roxane, gespielt von Berit Möller, winkt ganz ungeniert vom Balkon herab ihrem Geliebten zu, der irgendwo im Hintergrund umher wandelt.

Sie hatte Cyrano gebeten, sich mit dem schüchternen Schwarm anzufreunden. Cyrano würde ihn lieber umbringen, beißt aber im Namen der Liebe die Zähne zusammen und tut, wie von ihm verlangt. Eine Freundschaft entwickelt sich zwischen den beiden Soldaten. Christian ist sprachlich ungeschickt und langweilig. Cyranos Worte hingegen sind reine Poesie, Verse mit Witz und Tiefe. Er wird seine Fähigkeiten für den Konkurrenten einsetzen, der so das Herz der Angebeteten gewinnen und sie sogar heiraten wird. Bevor es aber zur Hochzeitsnacht kommt, werden die beiden Soldaten ins Feld gezogen, das Briefeschreiben und Werben geht endlos weiter.

Überzeugend sind in der Inszenierung auch die von Manfred Gruber entworfenen Kostüme, die zwischen Märchenhaftem und Reduktion pendeln. Die Männer treten farbenprächtig auf, mit Federbüschen an feschen Hüten. Das alles wirkt weder luxuriös noch pompös und doch ist es der damaligen Zeit gemäß. Den Degen an der Seite, tänzeln und spurten die Schauspieler über die Bühne. Diese ist mit ihren angedeuteten Vorhängen wie ein Kasperletheater in Dunkelgrün und -rot gehalten. Requisite ist einzig ein zentral plaziertes, goldfarbenes, bewegliches Baugerüstteil. Reduktion ist das Prinzip der Compagnie aus Rostock. Mal ist das Gerüst der Schlossbalkon, von dem Roxane schaut, mal Wirtshaus, mal deutet es eine Straßenszene an. Während die Schauspieler kämpfen, debattieren oder monologisieren, drehen sie ­daran, klettern darauf herum, sie lassen die Bremsen mit ihren Füßen auf- und zuschnappen. Das hört sich an, als würden Sporen klappern, Türen oder Peitschen knallen, und insgesamt scheint es, als hätten alle etwas sehr Wichtiges zu tun.

Cyranos große Nase ist so gut modelliert, dass sie ihn nicht wirklich verunstaltet. Seine geistige Überlegenheit ist auch Schwäche, sie ist weich und originell. Christians Dummheit hingegen ist nie albern, spöttisch oder etwa clownesk. In der Interpretation von Marcus Möller ist sie eben eine Redehemmung, die sich typischerweise auch aus Verunsicherung einstellen kann.

Im Grunde trägt ja jeder eine Nase wie Cyrano de Bergerac im Gesicht. Das zu spärliche Haar, der zu dicke Bauch, die zu kurzen Beine, der zu kleine Penis: Wir vergleichen uns mit anderen, und immer schneiden wir schlechter ab. Das Geheimnis aber ist doch, dass wir uns, wenn wir lieben, schwach, klein und unsicher fühlen. Vor allem, solange diese Liebe unerwidert bleibt. Liebe hat etwas mit Mut zu tun, und der verlässt uns eben immer im falschen Moment. Das Theater Compagnie de Comédie schafft es, dies darzustellen.

Nächste Vorstellungen: 7., 13. und 22. Juli

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