Aus: Ausgabe vom 04.07.2018, Seite 4 / Inland

»Eine Art Befreiung«

NSU-Prozess: Zschäpe will als »mitfühlender Mensch« gesehen werden. Schuldbewusst wirkte aber nur einer der Angeklagten beim »letzten Wort«

Von Claudia Wangerin, München
RTX28BN5.jpg
Nach fünf Jahren NSU-Prozess äußerte sich die Hauptangeklagte Beate Zschäpe das erste Mal selbst

Beate Zschäpe will ein mildes Urteil, nicht als eiskalte Neonaziterroristin dastehen – und es sich trotzdem nicht mit jenen Mitangeklagten verscherzen, die nach wie vor stramm rechts auftreten. Sie akzeptiere deren politische Meinung, das ändere aber nichts daran, dass diese Ideologie in ihrem Leben keine Rolle mehr spiele, sagte sie am Dienstag im Münchner NSU-Prozess im »letzten Wort«, das den Angeklagten zusteht.

Als sie sich am 8. November 2011 der Polizei gestellt habe, sei dies »eine Art Befreiung« für sie gewesen, erklärte sie mit fester Stimme und ließ den ungewohnten Fahndungsdruck außen vor. Ihre damals protokollierte Äußerung, sie habe sich nicht gestellt, um nicht auszusagen, sei »keine leere Phrase« gewesen, betonte sie.

Dann stand sie vor der schwierigen Aufgabe, zu erläutern, warum sie doch bis Ende 2015 geschwiegen hatte, um dann eine kaum überzeugende Erklärung abzugeben und Fragen nur schriftlich nach Rücksprache mit ihren Anwälten zu beantworten. In dem abgelesenen Schlusswort beklagte sie sich über die Medien und darüber, dass ihr jedes Mitgefühl mit den Angehörigen der zehn Mordopfer abgesprochen werde, nur weil sie es nicht gezeigt habe. Sie sei »sehr wohl ein mitfühlender Mensch« und habe das Leid der Angehörigen sehen und spüren können. Aber sie habe sich schon immer schwer getan, Gefühle zu zeigen. Sie neige dazu, sie zu verbergen. »So verfahre ich schon seit frühester Jugend«, versuchte Zschäpe »das völlig falsch interpretierte Selbstbewusstsein« vom Tisch zu wischen, das ihr zahlreiche Zeugen attestiert hatten. Die Bundesanwaltschaft sieht sie als gleichberechtigte Planerin der Mord- und Anschlagsserie und hat für sie eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert.

Zschäpe betonte am Dienstag, sie habe bis heute »keinerlei Kenntnisse«, warum genau diese Menschen an diesen Orten als Opfer ausgewählt worden seien. Sie habe inzwischen Tatortfotos mit grausamen Einzelheiten gesehen und sehr wohl erfasst, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getan hätten. Sie bedauere sehr, dass sie sich nicht von Böhnhardt habe lösen können, betonte die heute 43jährige, die fast 14 Jahre lang mit den 2011 zu Tode gekommenen Neonazis im Untergrund gelebt hatte, nachdem sich das Trio gemeinsam im »Thüringer Heimatschutz« radikalisiert hatte.

In ihrer aktuellen Erklärung seien »keinerlei anwaltliche Formulierungen« enthalten, versicherte Zschäpe. »Bitte verurteilen Sie mich nicht stellvertretend für etwas, das ich weder gewollt noch getan habe«, appellierte die Hauptangeklagte an das Gericht.

Insgesamt machten vier der fünf Angeklagten vom »letzten Wort« Gebrauch. Nach echter Reue klang nur das von Carsten S., dem zur Tatzeit noch heranwachsenden Überbringer der Ceska-Pistole, die später als Tatwaffe der Mordserie identifiziert wurde. »Die Schuld, die ich auf mich aufgeladen habe, lässt sich nicht abtragen. Aber ich werde daran arbeiten, als ließe sie es sich«, sagte der heute 38jährige, der sich in einem Zeugenschutzprogramm befindet. Er sei sehr dankbar für das Treffen mit den Angehörigen des ermordeten Theodoros Boulgarides, die Worte der Hinterbliebenen von Enver Simsek und Mehmet Kubasik, aber auch über die Rückmeldungen der Anwälte weiterer Familien, sagte S. am Dienstag mit Blick auf deren Bereitschaft, ihm zu vergeben. S. hatte schon zu Beginn der Hauptverhandlung ausgesagt und kämpfte am Dienstag erneut mit den Tränen.

Der ebenfalls als NSU-Helfer angeklagte Holger Gerlach trug hastig vor, auch er wolle die Gelegenheit nutzen, sich bei den Hinterbliebenen zu entschuldigen. Der Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben, dem Beihilfe zu neun Morden vorgeworfen wird, weil er Carsten S. zur Beschaffung der Mordwaffe angestiftet habe, erklärte dagegen, er habe 2015 schon alles gesagt und wolle sich den Ausführungen seiner Verteidiger anschließen. Bei deren Plädoyers hatte es sich zum Teil eher um rechte Propaganda gehandelt als um klassische Strafverteidigung. Allerdings hatten sie auch in Zweifel gezogen, ob die in Wohllebens Auftrag übergebene Pistole tatsächlich die spätere Tatwaffe war. Für Wohlleben hat die Bundesanwaltschaft zwölf Jahre Gefängnis gefordert, allerdings hätte er durch die Untersuchungshaft seit 2011 schon den größten Teil hinter sich – anders als André Eminger, der erst wegen Fluchtgefahr in U-Haft musste, als die Ankläger in ihrem Schlusswort für ihn ebenfalls zwölf Jahre verlangt hatten. Der Neonazi wollte sich am Dienstag erwartungsgemäß nicht äußern. Das Urteil soll am 11. Juli verkündet werden.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Wieviel Staat steckt im NSU? Der Prozeß gegen Beate Zschäpe und die Rolle des Verfassungsschutzes

Ähnliche:

Mehr aus: Inland