Aus: Ausgabe vom 03.07.2018, Seite 2 / Inland

Opfer gehen leer aus

»Colonia Dignidad«: Auswärtiges Amt will keine Entschädigungen zahlen

Von Michael Merz
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Suche nach vermissten und ermordeten Angehörigen am Zaun der »Colonia Dignidad«, heute Villa Baviera, in Chile

Vor einem Jahr sah es ganz danach aus, dass die Verbrechen in der Sektensiedlung »Colonia Dignidad« in Chile umfassend aufgeklärt und die Opfer entschädigt werden würden. Sexueller Missbrauch, Folter und Zwangsarbeit waren in dem Lager, 1961 von dem ehemaligen Wehrmachtsangehörigen Paul Schäfer gegründet, bis in die 1990er Jahre an der Tagesordnung – gedeckt von deutschen Diplomaten, Politikern und Geheimdienstlern. Schäfer kooperierte eng mit der in den Jahren 1973 bis 1990 herrschenden Militärdiktatur von Augusto Pinochet, in dem Lager wurden Oppositionelle gefoltert und ermordet. Der Bundestag hatte die finanzielle und psychosoziale Hilfe für die Opfer am 29. Juni 2017 ohne Gegenstimmen oder Enthaltungen beschlossen. Nun wurde seitens des Auswärtigen Amtes (AA) ein Konzept vorgelegt, in dem es laut Spiegel online vom Montag heißt, dass gegen die BRD »keine rechtlichen Ansprüche« entstanden seien. Es gebe nur »freiwillige Unterstützungsmaßnahmen«. Ausdrücklich halte das fünfseitige Konzept fest: »Individualmaßnahmen, insbesondere Geldzahlungen an Einzelpersonen, sind dagegen nicht vorgesehen.«

»Die Verweigerung von Entschädigungen zeigt, dass die vom Außenministerium verkündete Aufarbeitung der eigenen Verstrickung in Verbrechen der deutschen Sektensiedlung in Chile nicht ernst zu nehmen ist«, erklärte die Außenpolitikerin Heike Hänsel (Die Linke) am Montag gegenüber junge Welt. Die Rolle der damaligen Bonner Regierung und die juristischen Konsequenzen müssten daher von unabhängiger Stelle beurteilt werden, nicht von den »Rechtsnachfolgern der Täter«. Hänsel forderte weiterhin »sofortige Nothilfen für die ehemaligen Sklaven- und Zwangsarbeiter«. Jan Stehle vom Berliner Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile – Latein­amerika betonte am Montag im jW-Gespräch, die Justiz in beiden Ländern habe versagt. Notwendig sei, endlich Experten und Opfer in die Aufarbeitung einzubeziehen.

2016 hatte der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erstmals eingeräumt, dass das AA und Diplomaten vor Ort jahrelang nicht angemessen auf die Verbrechen in der »Colonia Dignidad« reagiert hätten. Nach dem Bekenntnis zu moralischer Mitverantwortung müsse die Bundesregierung den Worten nun Taten folgen lassen, hieß daraufhin in dem Antrag des Bundestages. Davon ist nun keine Rede mehr.

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