Aus: Ausgabe vom 03.07.2018, Seite 12 / Thema

Wahn und Wirklichkeit

Anfang Juli 1918 berieten deutsche Militärs und Politiker über die weiteren Kriegsziele. Ungeachtet der sich abzeichnenden Niederlage im Westen hielten sie an ihren Maximalforderungen fest

Von Reiner Zilkenat
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Mit dem Raubfrieden von Brest-Litowsk hatte das Deutsche Reich Zugriff auf kriegswichtige Rohstoffe und Fabriken. Das bestärkte den Glauben an einen umfassenden Sieg mit weitreichenden Annexionen – der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Richard von Kühlmann (vierter v. l.) bei den Verhandlungen Ende 1917, im Sommer wurde er schließlich entlassen, weil er die Situation an der Westfront allzu nüchtern eingeschätzt hatte

Anfang Juli 1918 herrschte im belgischen Kurort Spa, nur 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, hektische Betriebsamkeit. Führende Repräsentanten aus Politik und Militär beabsichtigten, sich über die politisch-militärische Lage Deutschlands und die nächsten Schritte auf dem Schlachtfeld sowie in der Diplomatie zu verständigen. Als Tagungsorte dienten das requirierte Luxushotel »Britannique« sowie einige in der Nähe liegende Villen. Seit Februar 1918 war das Hotel der Standort der Obersten Heeresleitung (OHL) mit Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff an der Spitze. Von hier aus wurden die Befehle an das kämpfende Heer übermittelt, hier war aber auch der Ort, an dem über Kriegsziele und wichtige innenpolitische Fragen entschieden wurde. Die OHL stellte faktisch die Regierung des Kaiserreiches dar. Sie bestimmte die Richtlinien der Politik, nicht der Kaiser oder seine Regierung.

Anwesend in den ersten Julitagen waren unter anderem auch Wilhelm II. und Reichskanzler Georg Graf von Hertling. Im Mittelpunkt der Besprechung standen die Kriegsziele des Deutschen Reichs. Ungewöhnlich schien allerdings, dass der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Richard von Kühlmann, nicht eingeladen worden war. Der Außenminister durfte erst am 7. Juli erscheinen, um von seinem kaiserlichen Herrn zu erfahren, dass er entlassen sei. Was war geschehen?

Die Kühlmann-Krise

Tatsächlich stellte die Person des Staatssekretärs Kühlmann selbst einen wichtigen Tagesordnungspunkt der Zusammenkunft dar. Am 24. Juni 1918 hatte er im Plenum des Reichstages eine aufsehenerregende Rede gehalten. Im völligen Gegensatz zu den öffentlichen Verlautbarungen der OHL, des Kaisers und des Reichskanzlers hatte er geäußert, dass es unmöglich sei, den Krieg allein mit militärischen Mitteln zugunsten Deutschlands und seiner Verbündeten zu entscheiden. Darüber hinaus vermittelte er den Eindruck, als könnte der Krieg noch längere Zeit andauern, und warb dafür, im Vorfeld möglicher Friedensgespräche »ganz einfach und leicht für alle verständlich zu sagen, was wir politisch wollen«. Die Abgeordneten wie auch die zahlreich im Parlament anwesenden Journalisten verstanden die Ausführungen als amtliches Eingeständnis der militärischen Ohnmacht der eigenen Streitkräfte gegenüber den alliierten Truppen, die im Begriff waren, durch US-amerikanische Einheiten verstärkt zu werden. Auch im Ausland wurde auf den Titelseiten der Zeitungen über die Rede berichtet.

Der in Spa anwesende Sohn des Reichskanzlers, Karl Graf von Hertling, berichtet in seinen Memoiren: »Bei der OHL schlug die Rede wie eine Bombe ein und löste Empörung aus.« Hindenburg forderte den Kaiser auf, Kühlmann unverzüglich aus dem Amt zu entlassen. In einem Gespräch am 1. Juli 1918 erklärte der Generalfeldmarschall dem Reichskanzler, dass »der Eindruck der Rede auf das Heer niederschmetternd« gewesen sei. Hinter dem Staatssekretär stünden die auf eine Beendigung des Krieges ausgerichteten Redaktionen der einflussreichen Frankfurter Zeitung und des Berliner Tageblatts. Die OHL hatte im übrigen eine Pressemitteilung herausgegeben, die nach den Worten Hindenburgs dazu dienen sollte, die öffentliche Meinung »von falschen Schlüssen über unsere militärische Lage abzuhalten«.

Das Schicksal des Außenministers war besiegelt. Mit den Worten: »Wir müssen unsere Ehe scheiden«, empfing ihn der Kaiser am 8. Juli. Anstelle Kühlmanns wurde Konteradmiral Paul von Hintze, vormals Gesandter bzw. Sondergesandter in Mexiko, China und Norwegen, zum Chef des Auswärtigen Amtes ernannt.

Anfang Juli stellte sich die militärische Lage an der Westfront als keineswegs günstig dar. Die am 21. März begonnene Großoffensive »Michael«, die kriegsentscheidende Bedeutung haben sollte, war gescheitert. Am 5. April hatte die OHL die Einstellung der Operationen befohlen. Das gleiche Schicksal hatten mehrere Offensiven, die bis Mitte Juni durchgeführt worden waren. Die Verluste waren immens. Allein auf deutscher Seite war nach dem Unternehmen »Michael« etwa eine Viertelmillion getöteter, verwundeter und in Gefangenschaft geratener Soldaten zu verzeichnen. An einen Ersatz dieser großen Verluste war nicht zu denken.

Die Verantwortung für das Scheitern der Frühjahrsoffensive trugen nach Auffassung Ludendorffs die eigenen Frontoffiziere, nicht die OHL. Dem von der Front zurückkehrenden Obersten Albrecht von Thaer erklärte er: »Wenn die Truppe schlechter wird, wenn die Disziplin nachlässt, so ist das eure Schuld, die Schuld aller Kommandostellen vorn, die nicht zufassen. Wie wäre es sonst möglich, dass ganze Divisionen sich festgefressen und festgesoffen haben bei erbeuteten feindlichen Magazinen und nicht den so nötigen Angriff weiter vorwärts trugen?« Wes Geistes Kind dieser General war, zeigt auch seine Antwort auf die Frage des Prinzen Max von Baden vor Beginn des Unternehmens »Michael«, was denn geschehe, wenn die Offensive scheitern werde: »Dann muss Deutschland eben zugrunde gehen!«

Raubfrieden und Besatzung

Anders als an der Westfront stellte sich die Lage im Osten dar. Nach dem am 3. März 1918 mit Sowjetrussland geschlossenen Raubfrieden von Brest-Litowsk und dem bereits am 9. Februar unterschriebenen Separatfrieden mit der ukrainischen Regierung sowie dem anschließenden Einmarsch deutscher Truppen in die Ukraine (»Heeresgruppe Kiew« mit 18 Divisionen) wuchsen die Illusionen über die zukünftige Beherrschung des Raumes zwischen dem Baltikum und der Krim. Russland hatte in Brest-Litowsk an Deutschland eine Million Quadratkilometer Boden, eine Bevölkerung von 50 Millionen Menschen, 90 Prozent aller Kohlengruben, die Hälfte aller Eisen- und Stahlwerke sowie ein Drittel des gesamten Eisenbahnnetzes verloren. Der am 9. Februar 1918 mit der ukrainischen Regierung abgeschlossene »Brotfrieden« sollte Deutschland mit Getreide, Manganerzen und Steinkohle versorgen und letztlich die britische Seeblockade unwirksam machen. General Ludendorff formulierte in einem Schreiben an Reichskanzler Graf Hertling am 9. Juni 1918: »Wir brauchen die Ukraine, um zu leben und uns mit Rohstoffen zu versorgen. Dass wir Truppen dort verwenden, ist damit militärisch gerechtfertigt.«

Zugleich wurden unter anderem Rostow am Don, die Krim mit Sewastopol, Noworossijsk sowie weitere Städte und Gebiete besetzt, die teilweise nicht zur Ukraine, sondern zu Russland gehörten. Dass dabei der Vertrag von Brest-Litowsk verletzt wurde, kümmerte das deutsche Militär nicht. Worum es ging, war die Abschnürung Russlands vom Schwarzen Meer und von den Kornkammern im Kubangebiet. Mit der Installierung einer dem deutschen Imperialismus vollständig hörigen Marionettenregierung unter dem ehemaligen zaristischen Gardeoffizier Pawlo Skoropadski am 29. April 1918 wurde die Ukraine faktisch zu einer deutschen Kolonie. Ihre Bodenschätze, die Schwerindustrie und die Landwirtschaft standen fortan unter der Kontrolle einer »Wirtschaftsstelle« unter der Leitung des beurlaubten Krupp-Direktors Otto Wiedfeldt, dem Carl Melchior, Teilhaber des Hamburger Bankhauses Max Warburg, assistierte. Ein wichtiges Ziel ihrer Tätigkeit bestand darin, alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um eine dauerhafte und exklusive Exportabhängigkeit des Landes von der deutschen Volkswirtschaft herzustellen und die Ansprüche des Osmanischen Reiches, das seinerseits Einflusssphären auf der Krim, in der Ukraine und in Transkaukasien forderte, von vornherein abzuwehren.

Des weiteren war geplant, nach dem Krieg polnische Gebiete zu annektieren. Allerdings sollte der größere Teil als »Königtum Polen« ein von Deutschland wirtschaftlich, militärisch und politisch völlig abhängiger Staat mit einem Monarchen aus einem deutschen Fürstenhaus an der Spitze werden. Das Motto für die Beherrschung des Landes lautete nach den Worten des Staatssekretärs im Reichswirtschaftsamt, Hans Karl Freiherr von Stein, kurz und bündig: »Wir bedürfen Polens, müssen dort Herren sein.« Polen, so von Stein weiter, müsse künftig zusammen mit Deutschland und Österreich-Ungarn ein »einheitliches Wirtschaftsgebiet« bilden, bestehend aus einer Zollunion, einer vereinheitlichten Finanz-, Währungs- und Bankengesetzgebung sowie einer Angleichung des Verkehrswesens. Ansprüche der Regierung in Wien, eine exklusive »austro-polnische Lösung« innerhalb der Habsburgermonarchie ohne Berücksichtigung deutscher Interessen zu realisieren, wurden deshalb stets zurückgewiesen, auch wenn sie vom österreichischen Kaiser Karl vorgetragen wurden. Statt dessen gehe es darum, so drückte es der Staatssekretär im Reichsschatzamt, Siegfried Graf von Roedern, unmissverständlich aus, in Polen »Dauerndes zu schaffen, um Österreich-Ungarn an die Wand zu drücken«.

Insgesamt schien die Lage im Osten den politisch und militärisch Verantwortlichen im Sommer 1918 sehr viel günstiger als die immer kritischer werdende Situation an der Westfront. Gustav Stresemann, Reichstagsabgeordneter der Nationalliberalen Partei und später Reichskanzler und Reichsaußenminister der Weimarer Republik, brachte noch in einem Privatbrief vom 6. September 1918 präzise auf den Begriff, was viele Militärs und Politiker damals dachten: »Unsere Politik geht gerade dahin, im Osten das Erreichte festzuhalten, da es zweifelhaft ist, ob wir die westlichen Kriegsziele verwirklichen können.« Und weiter, mit Blick auf einen kommenden Friedensschluss: »In einem solchen Frieden werden wir unsere Oststellung wahren müssen, während wir im Westen die früher gehegten Hoffnungen zu Grabe tragen müssen. Vielleicht wendet sich das ganze Gesicht Deutschlands in Zukunft etwas mehr dem Osten zu.«

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Neue Offensiven im Westen sollten laut Planungen der Obersten Heeresleitung (OHL) den schnellen Sieg bringen. Sie waren allesamt erfolglos. Die OHL führte das auf mangelnde Disziplin zurück und hielt unbeirrt an ihren Kriegszielen fest – deutsche Soldaten in britischer Kriegsgefangenschaft im April 1918

Phantastische Pläne

Welche Auseinandersetzungen gab es bei der Konferenz in Spa über die festzulegenden Kriegsziele? Gab es angesichts der immer bedrohlicheren Lage an der Westfront ein Abrücken von den ursprünglichen Annexionsplänen gegenüber Belgien und Frankreich? Und wie gestaltete sich der Meinungsbildungsprozess hinsichtlich der beabsichtigten Konstituierung eines vom deutschen Imperialismus dominierten »Ostraumes«, dessen Grenzen in der Phantasie einiger Militärs und Politiker erst »in Persien« enden sollten?

Die »Kriegsziel«-Konferenz war nicht nur mit Wilhelm II., dem Reichskanzler sowie Hindenburg und Ludendorff prominent besetzt. Zusätzlich waren der Kriegsminister, General der Artillerie Hermann von Stein, der Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Eduard von Capelle, sein Stellvertreter, Vizeadmiral Georg Hebbinghaus, Experten des Reichskanzler- und des Auswärtigen Amtes sowie insgesamt fünf Stabsoffiziere der OHL anwesend. Der Kaiser ließ sich unter anderem von seinem Generaladjutanten, Generaloberst Hans Georg von Plessen, beraten. Da Richard von Kühlmann nicht eingeladen war, fehlte wenigstens eine warnende Stimme innerhalb dieses Kreises, in dem die Militärs klar dominierten.

Die auf dieser Konferenz gefassten Beschlüsse können angesichts der nahenden militärischen Niederlage nur ungläubiges Erstaunen hervorrufen. Zunächst befasste man sich mit Polen. Es wurde bekräftigt, dass eine Personalunion in der Führung des zu konstituierenden polnischen Staates und Österreich-Ungarns strikt abgelehnt werde. Statt dessen wurde festgelegt, dass Polen die Möglichkeit gegeben werden solle, einen deutschen Kandidaten für die Königskrone zu nominieren. Da es sich bei Polen um das wichtigste »Durchgangsland« in den Osten handele, müsse es wirtschaftlich von Deutschland beherrscht werden, wozu unter anderem die Aufsicht über das Eisenbahnnetz gehöre. Eine Militärkonvention solle sicherstellen, dass die Streitkräfte des Landes von deutschen Offizieren kontrolliert würden. Teile des an Deutschland grenzenden Territoriums, ein sogenannter Grenzstreifen, seien von Preußen zu annektieren. General Ludendorff stellte außerdem im Namen der OHL die Forderung auf, dass Polen einen noch genau festzulegenden Teil der deutschen Kriegskosten übernehmen müsse. Dieses Programm erhielt seine besondere Delikatesse dadurch, dass es auf Vorschlag von Reichskanzler Graf Hertling offiziell an den Bündnispartner in Wien übermittelt werden sollte, dem keinerlei Rolle bei seiner Realisierung zuerkannt worden war.

Die Kriegsziele im Westen gegenüber Belgien und Frankreich klingen angesichts der Lage an der Front geradezu utopisch. Gegenüber Belgien wurden Forderungen bekräftigt, die vor den gescheiterten Frühjahrsoffensiven formuliert worden waren: Vorläufige Besetzung des Landes durch deutsche Truppen, Auflösung der belgischen Armee und Schleifung der Festungen, Zollunion mit Deutschland und Kontrolle der Eisenbahnen durch deutsche Beamte, faktische Teilung Belgiens in einen flandrischen und einen wallonischen Teil mit eigenständigen Verwaltungen, Orientierung der Außenpolitik an der des Deutschen Reiches. Allerdings fehlte die seit langem erhobene Forderung nach einer Annexion des Hafens von Antwerpen und der flandrischen Küste; jetzt waren »nur noch« kleinere Gebietsabtretungen bis Lüttich vorgesehen. Sollten sich die genannten Forderungen in einem Friedensvertrag nicht durchsetzen lassen, hielt die OHL eine dauerhafte Annexion Belgiens allerdings für unvermeidlich.

Direkte Annexionen waren dagegen von vornherein für Luxemburg und das lothringische Erzrevier von Longwy-Briey geplant. Dort befand sich auch das Zentrum der französischen Eisen- und Stahlindustrie. Longwy-Briey hatte mit seinen reichen Kupfererz- und Steinkohlevorkommen erheblichen Anteil an der deutschen Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg. Nach Berechnungen deutscher Geologen sollten die dort vorhandenen Bodenschätze, die bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ausgebeutet werden könnten, einen unverzichtbaren Beitrag zur deutschen Rohstoffversorgung in Krieg und Frieden leisten.

Im Osten schienen die bereits im »Septemberprogramm« des Jahres 1914 fixierten Kriegsziele des damaligen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg realisiert worden zu sein. Russland schien als politische, militärische und wirtschaftliche Macht zerschlagen, die Perspektiven in Richtung Kaukasus, Georgien und Mittlerer Osten beflügelten die Phantasien. In Georgien erbat eine Marionettenregierung um die Aufnahme des Landes als Bundesstaat in das Deutsche Reich. In der Ukraine schien die Kornkammer des Zarenreiches, zudem mit reichen Mangan- sowie Steinkohlevorkommen gesegnet, zukünftig exklusiv deutschen Interessen zur Verfügung zu stehen.

Worum es dem deutschen Imperialismus auf dem östlichen Kriegsschauplatz langfristig ging, formulierte der österreichisch-ungarische Generalstabschef Arthur Baron Arz von Straußenberg am 13. Juni 1918 hellsichtig mit folgenden Worten: »Die Deutschen verfolgen in der Ukraine ein bestimmtes wirtschaftspolitisches Ziel. Sie wollen den sichersten Weg nach Mesopotamien und Arabien, nach Baku und Persien, den ihnen der Einmarsch in die Ukraine in die Hand gespielt hat, für immer in der Hand behalten. Zu diesem Zweck haben die Deutschen die Absicht, die Krim in irgendeiner Form zu behalten, als Schutzgebiet, als Kolonie oder in irgendeiner anderen Form.«

Bei alledem ignorierten die verantwortlichen Militärs und Politiker die kritische Lage an der Westfront, den ausbleibenden Erfolg des uneingeschränkten U-Boot-Krieges und die wachsende Zahl US-amerikanischer Soldaten, die ihre französischen und britischen Alliierten entscheidend verstärkten (siehe jW-Thema vom 6.4.2017). Auch jetzt noch blieb die geradezu groteske Fähigkeit, die Ressourcen der Gegner zu unterschätzen, die eigenen Potenzen zu überschätzen und größenwahnsinnig erscheinende Kriegsziele zu proklamieren ein Charakteristikum des deutschen Imperialismus. Als die OHL am 9. Juli 1918 die Ergebnisse der »Kriegsziel«-Konferenz von Spa zusammenfasste und in einigen Punkten noch erweiterte, befand man sich am Vorabend des letzten verzweifelten Versuches, mit einer Offensive die militärische Lage im Westen zu wenden. Auch dieser Versuch musste scheitern. Zehntausende junge Soldaten verbluteten oder erlitten Verwundungen.

Neue Kriegskredite

Angesichts der um sich greifenden Kriegsmüdigkeit in großen Teilen der Bevölkerung, die sich auch in Streiks in der Rüstungsindustrie manifestierte, und der immer lauter gestellten Forderung nach einer Abschaffung der Monarchie kann die damalige Realitätsblindheit der Herrschenden nur Verwunderung auslösen.

Lediglich eine Woche nach der Konferenz in Spa beschloss der Reichstag am 13. Juli 1918 erneut seine Zustimmung zu den von der Regierung beantragten Kriegskrediten. Dieses Mal ging es um 15 Milliarden Mark. Die Abgeordneten der USPD stimmten als einzige dagegen, alle anderen Fraktionen einschließlich der SPD votierten dafür. Die Begründung des SPD-Parteivorsitzenden Friedrich Ebert lautete: »Da die Gegner einen für alle ehrenvollen Frieden verweigern, müssen wir auch diesmal die Mittel zur Erreichung des Friedens bewilligen.«

Nur vier Monate später wehten rote Fahnen über den Dächern von Berlin und anderen deutschen Städten. Der Kaiser befand sich im niederländischen Exil, und Friedrich Ebert war Reichskanzler – an der Seite der Generäle, die blieben und halfen, die Revolution abzuwürgen.

Reiner Zilkenat schrieb an dieser Stelle zuletzt am 30. Mai 2018 über die Pläne der Nazis zum Überfall auf die Tschechoslowakei.

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