Aus: Ausgabe vom 30.06.2018, Seite 15 / Geschichte

Bruch mit Moskau

Vor 70 Jahren wurde die Kommunistische Partei Jugoslawiens aus dem Kommunistischen Informationsbüros ausgeschlossen – Tito beharrte auf einem eigenständigen Weg

Von Roland Zschächner
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Vor dem Zerwürfnis – Josip Broz Tito, der Staatspräsident Jugoslawiens und Generalsekretär der Kommunistischen Partei in seinem Arbeitszimmer (ca. 1946)

Am 30. Juni 1948 gelang den jugoslawischen Kommunisten ein Coup. Im Parteiorgan Borba erschien der zwei Tage zuvor erfolgte Beschluss des Informationsbüros der Kommunistischen und Arbeiterparteien, kurz: Kominform. Darin warfen die acht übrigen Mitglieder der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) eine abweichende Politik vor, weswegen diese ausgeschlossen und die jugoslawische Bevölkerung aufgefordert wurde, die Führung um Josip Broz, genannt Tito, abzusetzen. In der gleichen Ausgabe der Zeitung, insgesamt sollen laut offiziellen Angaben fünf Millionen Exemplare verteilt worden sein, wurde auch eine Erwiderung des Zentralkomitees der KPJ publiziert. Die Bevölkerung sollte sich ein eigenes Bild vom Konflikt machen, der zum Bruch geführt hatte und die Sonderrolle Jugoslawiens besiegelte.

Mit einem solch offenen Umgang hatte Moskau nicht gerechnet. Es war nicht die einzige Fehleinschätzung, die die sowjetische Führung in dem monatelangen Konflikt mit der KPJ-Führung hatte.

Die Föderative Volksrepublik Jugoslawien war bis zum Jahr 1948 ein prosowjetisches Land. Das ein Jahr zuvor gegründete Kominform hatte seinen Sitz in Belgrad. Die Staatsspitze – allen voran Tito – stand in engem Kontakt mit der Kommunistischen Partei der So­wjetunion (KPdSU), viele Vorgaben aus Moskau wurden gewissenhaft umgesetzt. Es bestanden zahlreiche zwischenstaatliche Verträge, sowjetische Berater waren in Jugoslawien etwa in der Wirtschaft, dem Militär oder im Bildungsbereich im Einsatz.

Selbst befreit

Im Zweiten Weltkrieg hatte sich in Jugoslawien unter Führung der KPJ ein erfolgreicher antifaschistischer Widerstand entwickelt, der vor allem durch die Partisanen der Volksbefreiungsarmee geprägt war. So konnte sich Jugoslawien weitgehend selbst von der nazistischen Besatzung befreien. Nach 1945 wuchs die Partisanenarmee, der Tito als Marschall vorstand, zu einem Millionenheer an. Der antifaschistische Kampf war zugleich eine soziale Revolution. Dort, wo die Partisanen Gebiete befreit hatten, gestalteten sie die Gesellschaft nach sozialistischen Vorgaben um. Große Teile der Bevölkerung stellten sich hinter die Führung und begrüßten den eingeschlagenen Weg.

Gleichzeitig unterstützte Jugoslawien Albanien und die kommunistischen Partisanen in Griechenland. Außerdem dachten Tito und der bulgarische Ministerpräsident Georgi Dimitroff offen über eine sozialistische Balkankonföderation nach, eine Idee, die bereits zuvor in den sozialistischen Parteien der Region diskutiert worden war. Bei Stalin stießen solche Überlegungen auf Ablehnung. Am 10. Februar 1948 wurden daher bulgarische und jugoslawische Parteidelegationen nach Moskau zitiert. Stalin warf Dimitroff eine Haltung vor, »die anders ist als die unsere«.

In Belgrad reagierte man auf solche Attacken mit Unverständnis. Ein Großteil der Parteiführung beharrte auf dem eingeschlagenen Weg. Im März 1948 forderte Moskau die KPJ auf, sich zu zu erklären. In einem Brief wurde Tito mit Trotzki verglichen und enge Vertraute von ihm wurden als »zweifelhafte Marxisten« oder Spione denunziert. Der Brief zirkulierte zudem unter den anderen Mitgliedern des Kominform. Das stand im Widerspruch zu Titos Position, der darauf bestand, den Konflikt auf bilateralem Wege zwischen Moskau und Belgrad zu klären, was wiederum von Stalin abgelehnt wurde. Die »sowjetisch-jugoslawischen Differenzen« sollten vielmehr »auf der nächsten Sitzung des Informationsbüros untersucht werden«.

Die KPJ sah in Stalins Handeln eine widerrechtliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten Jugoslawiens. Sie verwies daher die sowjetischen Berater des Landes. Als Reaktion darauf wurden in den anderen sozialistischen Ländern Medienkampagnen gegen Belgrad lanciert. Innerhalb der KPJ schlossen sich die Reihen hinter Tito, die Zahl der moskautreuen Genossen war klein. Gerüchte über sowjetische Mordpläne gegen Tito machten die Runde, in der Prawda war zu lesen, das »Schicksal Trotzkis« sei lehrreich. Nunmehr galt das Kominform – wie zuvor die Kommunistische Internationale – als Werkzeug Moskaus, um die Bruderparteien zu steuern.

Der Bruch war endgültig. Die am 19. Juni 1948 in Bukarest begonnene 2. Konferenz des Kominformbüros besiegelte lediglich den Ausschluss Jugo­slawiens. In der sich zuspitzenden Blockkonfrontation des Kalten Krieges war mit Jugoslawien einer der wichtigsten Verbündeten der Sowjetunion weggebrochen. Stalin hatte das Selbstbewusstsein der Jugoslawen unterschätzt.

Pendelpolitik

Auf dem 5. Parteitag im Juli rechtfertigte die Führung der KPJ den eingeschlagenen Weg gegenüber ihren Mitgliedern. Bei der Wahl zum Zentralkomitee wurden Tito und seine Führungsriege mit überwältigender Mehrheit bestätigt.

Tausende Parteimitglieder und andere Bürger, die der neuen Linie nicht folgen wollten, wurden inhaftiert. Viele wurden wegen des Vorwurfs des »Stalinismus« auf die Gefängnisinsel Goli otok gebracht.

Die KPJ proklamierte fortan weiterhin den Marxismus-Leninismus für sich, beanspruchte aber eine eigene Entwicklung des Sozialismus. Rück­blickend wurde die enge Bindung an die Sowjetunion als lang anhaltender Verrat Moskaus uminterpretiert. Aus dem Bruch mit der Sowjetunion entwickelte sich eine eigene Form des Sozialismus, die sich vor allem auf das Marxsche Frühwerk berief. Daraus leitete sich später die in Jugoslawien etablierte Form der Arbeiterselbstverwaltung ab, der die Annahme zugrunde lag, dass durch die direkte Kontrolle der Produktion durch die Produzenten der Staat sukzessive absterben würde.

Außenpolitisch orientierte sich Jugoslawien um. Tito verstand es, eine geschickte Pendelpolitik zwischen den beiden dominierenden Blöcken des Kalten Krieges zu betreiben, zum Vorteil des Landes, das nun finanzielle und ökonomische Hilfe aus dem Westen erhielt.

Außerdem wurde Jugoslawien – auch aufgrund der eigenen Widerstandsgeschichte – zum Bezugspunkt der antikolonialen Kämpfe in Afrika und Asien. Belgrad war Gründungsmitglied der Blockfreien Bewegung, die einen dritten Weg zwischen »autoritärem Sozialismus« und »Kapitalismus« beschreiten wollte.

Erst mit dem 20. Parteitag der KPdSU öffnete sich die Sowjetunion wieder Jugoslawien. Schließlich trug auch 1956 die Auflösung der Kominform, eine von Tito erhobene Forderung, zur Normalisierung der Beziehungen bei.

Schon 1944 hatte Stalin nicht glauben wollen, dass wir in Jugoslawien uns dies alles bitter schwer selbst erkämpft hatten. Er war beeinflusst von einer Reihe von Misserfolgen, die die Arbeiterbewegungen der ganzen Welt zwischen den Weltkriegen erlitten. Daher hatte sich tiefes Misstrauen gegen alles, was außerhalb der Sowjetunion vorging, in ihm festgesetzt. Und dabei war er selbst gerade für diese unglückliche Entwicklung in den Arbeiterbewegungen verantwortlich, die – wenigstens zum Teil – daraus resultierten, dass die Führung in jenen Ländern seinen Anweisungen blind gefolgt waren. Das war das Ergebnis seines unbeugsamen Standpunktes, seiner falschen Einschätzung der Lage und vor allem einer Methode einer starren zentralen Führung. (…) Stalin schätzte damals und schätzt noch heute die gesamte Arbeiterbewegung außerhalb der Sowjetunion gering; er glaubt, dass wir in Jugoslawien niemals ohne seine Hilfe siegen würden; unser kriegerischer Geist machte ihm selbst damals Sorgen, als wir gegen Hitler kämpften. Außerdem vertraute er allzu sehr auf seine persönliche Autorität.

Aus einem Gespräch zwischen Tito, dem damaligen Chef des Generalstabs der Jugoslawischen Volksarmee, Koca Popovic, und Vladimir Dedijer im Sommer 1952 (Vladimir Dedijer: Tito. Autorisierte Biographie, Berlin 1952, S. 376 f.

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Debatte

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  • Beitrag von Dieter R. aus N. (30. Juni 2018 um 07:43 Uhr)

    Sozialismus ist kein Fertighaus, das nur noch rosa Vorhänge braucht. Klar, daß von Außen kein Verbrechen gescheut, keine Konfrontation ausgelassen wird, um die alten Besitzverhältnisse wieder her zu stellen. Aber auch im Innern ergibt sich naturgemäß ein permanenter Kampf, ein ständiger Tanz auf der Rasierklinge, welcher von möglichen 1000 Wegen der Richtige ist, um es sich in den nun eigenen Wänden auf Dauer vernünftig einzurichten. In den 1970ern haben mich bei vielen Exkursionen in der DDR die bezahlbaren Preise für Grundbedürfnisse und diverse soziale Einrichtungen stark beeindruckt. Nachdenklich gemacht haben mich aber auch Erscheinungen wie z.B. die trotzige Parole „Vorwärts zu den lichten Höhen des Sozialismus/Kommunismus“ auf einem total verrosteten Schild an einem sichtlich herunter gekommenem Betrieb. Angesichts der momentanen globalen Machtverhältnisse ist die Streitfrage Ulbricht oder Honecker aber wohl eher zweitrangig. Wichtiger wäre, mit sozialistischen Vorstellungen und Aktionen überhaupt wieder bei einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernd Kelly: Einseitig Der Artikel ist oberflächlich und einseitig. Der "Bruch mit Moskau" wird die Launenhaftigkeit Stalins verantwortlich gemacht. Das ist lächerlich. Tito hatte schon während des zweiten Weltkriegs Konta...

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