Aus: Ausgabe vom 30.06.2018, Seite 11 / Sport

Doch Wunder geschehen

Bürokratie gegen Dauerthrill, Eisenbeißer gegen Scaramanga und immer schön über links: Ausblicke der jW-Propheten auf die ersten Achtelfinals

Von Marek Lantz, René Hamann, Pierre Deason-Tomory, Jens Walter
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Hier wird für Coke und Bud-Beer geworben, aber Kwas getrunken: Statue vor dem Luschniki-Stadion, in dem Russland auf Spanien trifft

30.6., 16 Uhr: Frankreich – Argentinien

Omnipräsent war am dritten Gruppenspieltag die legendäre »Schande von Gijon«. 1982 hatten sich DFB-Team und Österreicher auf ein unansehnliches Ballgeschiebe geeinigt, mit dem beide weiterkamen. Am Dienstag boten die hoch gewettete Equipe Tricolore und die Dänen eine Relektüre des antiken Stoffs. Es war letztlich Minimal Art, gewissermaßen ein Fußballspiel, wie es auch von Samuel Beckett hätte konzipiert sein können. »Wenn man den Fußball liebt, sollte man sich keine Spiele Frankreichs ansehen«, moserte daraufhin die im Nachbarland führende Sportzeitung L’Equipe. Angreifer Olivier Giroud gab nach dem kaum erträglichen 0:0 sogar zu: »Die zweite Halbzeit war eine Strafe.« Der erwartete französische Gruppensieg führt nun am heutigen Sonnabend zum Duell der Extreme: hier die gallische Fußballbürokratie, die sich bislang ganz auf ihre reichlich vorhandene individuelle Qualität verlässt, und das Turnier nahezu ohne Intensität und Emotion bestreitet, dort mit dem argentinischen Dauerthrill der krasse Gegensatz. Möge die Operette weitergehen!

Marek Lantz

Frankreich – Argentinien 6:7 n. E.

Was für ein Duell! Ein vorweggenommenes Finale, sollte man meinen. Leider haben beide Mitfavoriten bislang nicht geglänzt. Die Franzosen zeigen eine ebenso matte Version ihrer selbst wie die Himmelblauweißen aus Südamerika; immerhin haben letztere es jetzt schon weiter gebracht als die Deutschen. Es gibt also einen neuen Weltmeister! Für Lionel Messi (31) könnte es bereits eine Abschiedsvorstellung sein. Denn in vier Jahren, wenn es im tief verschneiten Katar zur allerersten Winter-WM kommen wird, könnte Messi bereits zu alt sein. Also, huldigen wir dem Messi-as und seinem Spiel noch »ein letztes Mal« (Roland Kaiser). Sein Teamkollege im Tor, Wilfredo Caballero, hatte beim 0:3 gegen Kroatien gepatzt (Ante Rebic so: »Bruda, chip den Ball kurz«) und danach üble Drohungen erhalten, die auch gegen seine Familie gerichtet waren. Er wird den Ball also heuer wohl nicht kurz chippen, mag sein Name auch »Kavalier« bedeuten.

René Hamann

Frankreich – Argentinien 4:5 n. E.

30.6., 20 Uhr: Uruguay – Portugal

Bei diesem Spiel werden wir ein wagnersches Drama erleben, wenn die bisher kaum geforderten Urus zulegen und die Portugiesen sich zusammenreißen. Uruguay geht dreimal in Führung, Portugal gleicht zweimal aus, und in der 123. Minute macht »CR7« das 3:3 – allerdings in Tateinheit mit Tätlichkeit, Handspiel und Schiedsrichterbeleidigung. Ganz große Oper, der Held ruft den Himmel an und geht ab, mit Dolch in der Brust und tränenüberströmt. Unterhaltsamer als Deutschland gegen Südkorea, oder?

Nicht Oper gab es in der Bar in Weimar nach dem Vorrundenfinale Uruguay gegen Russland, sondern die Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution, mit Staatskapelle, Chor und Maschinengewehr. Noch vor dem Interludium war die Kneipe leer, zurückgeblieben nur Virginie, Lautsprecher Ronald und der schwerhörige Wessi, der nach fünf Bier beeindruckt ist von Prokofjews Kantate: »Die Russen sinnie bessen Kommonissn überhaupt.« Gleichwohl wurden die Russen von den Urus souverän dekomponiert.

Pierre Deason-Tomory

Uruguay – Portugal 3:2 n. V.

Als sich Homer Simpson den Namen des Landes vor Augen führte, erschrak er. Panik erfasste seinen amorphen Leib. Der Name mit diesen vielen Us las sich wie ein englischer Deklarativsatz zur sexuellen Orientierung. Ob so ein Schreck auch in Ronaldo fuhr, als er vernahm, dass er auf die Uruguayer treffen würde? Die früheren Treter aus Lateinamerika beendeten die Vorrunde mit neun Punkten und 5:0 Toren makellos, hatten allerdings schwache Gegner und spielten nur selten überlegen. Von der Auftaktpartie gegen Spanien abgesehen, boten auch die Portugiesen bräsigen Fußballbrei und drohten gar gegen die Klerikalkicker aus der Islamischen Republik auszuscheiden. Einzig Quaresmas Geniestreichelei mit dem Außenrist verhinderte Schlimmeres.

Das Spiel beider Mannschaften ist auf ihre jeweiligen Stars in der Spitze zugeschnitten. Eisenbeißer Suarez gegen Ronaldo Scaramanga. Ein Hauch von Clásico. Fällt beiden nichts ein, geht die Sache torlos aus. Das Elfmeterschießen entscheidet – mit glücklichem Ende für Uruguay. Warum? Keine Ahnung.

Jens Walter

Uruguay – Portugal 5:4 n. E.

1.7., 16 Uhr: Spanien – Russland

Wohin fahren eigentlich die Gastgeber, wenn sie nach Hause fahren müssen? Es ist ein Erfolg für die Russen, dass diese Frage nicht schon während der Vorrunde gestellt wurde, obwohl die Kritikaster vom Kicker urteilten, »die Sbornaja (werde) allerhöchsten Ansprüchen nicht gerecht«. Soll heißen: Reicht nicht im Achtelfinale gegen Spanien, obwohl diese Fußballgroßmacht gegen Ronaldo und den halben Nahen Osten auch nicht überzeugen konnte.

Es wäre ein Wunder, wenn die Russen Spanien schlagen oder gar den Titel holen würden. Doch Wunder geschehen: Der 1. FC Nürnberg ist 1969 als amtierender Deutscher Meister aus der Bundesliga abgestiegen, einzigartig! Seitdem hat der Club nie wieder etwas gerissen. So dachte kein Mensch auch nur eine Sekunde, der FCN könne das Pokalfinale 2007 gegen Stuttgart gewinnen. Tat er aber, also kann Russland Weltmeister werden. Der Club landete übrigens danach als amtierender Pokalsieger wiederum in Liga 2.

Pierre Deason-Tomory

Spanien – Russland 3:1

Endlich liegt die Nervgruppe B (Marokko – zu gut, Iran – zu schlecht, Portugal – Cristiano) hinter uns, jetzt kann gespielt werden. Und wenn es noch einen Funken Gerechtigkeit gibt, kommt Spanien weiter. Irgendwer muss ja die Fahne hochhalten für das schöne Spiel, das bekanntlich ohne Ball und dessen Besitz nicht funktioniert. Kartoffel-Jürgen Klopp soll mal gesagt haben, es gebe nichts Geileres als zehn Mann, die gemeinsam den Ball jagen – statt ihn halt vernünftig zu spielen. Gruselig.

Möge die heilige Dreifaltigkeit Busquets, Iniesta, Thiago zeigen, wie es geht. Meinetwegen wie gehabt immer schön über links, soll der Nachwuchs-Zidane Isco sich doch austoben. Die tapferen Russen haben zwar gezeigt, dass sie fein zu kontern verstehen, aber auch nicht mehr. Zu Hause das Tor so zu vernageln wäre auch nicht »würdevoll« (Putin). Mütterchen Russland tut schon anderweitig genug für den Weltfrieden, da dürfen andere den Fußball retten. Aber Asi-Ramos verliert mindestens ein Kopfballduell gegen Dsjuba.

Jens Walter

Spanien – Russland: 3:2

1.7., 20 Uhr: Kroatien – Dänemark

Mal sehen, wie Ante Rebic und seine Brüder in den Geschirrtuchhemden diesmal so drauf sind. Die plötzlichen Mitfavoriten treffen auf ausgeruhte Dänen, die beim 0:0 gegen Frankreich eine ruhige Kugel über die Wiese schoben. Wird aber nichts nützen, denn Energiesparen hat noch nie etwas gebracht. Und wer weiß, ob der kleine Schmeichel Jr. nicht doch auch den Ball kurz chippen … Wie dem auch sei: Dieses innereuropäische Duell (»solange es noch steht«, Geier Sturzflug) zeugt von einem gewissen Ungleichgewicht, denn auf dänischer Seite ist außer Christian Eriksen nicht viel geboten. Zu allem Überfluss müssen die Skandinavier in Auswärtstrikots auflaufen, also nicht in Rot-Weiß. Von dieser frevelhaften Trikotregelung profitieren nur Sportartikelhersteller. Kein Wunder, dass die Deutschen in ihren grünen Trikots ausgeschieden sind.

René Hamann

Kroatien – Dänemark 3:1

Langweilig. Laaaangweilig. Gaaaanz laaaangweilig. So lassen sich die Vorrundenauftritte Dänemarks zusammenfassen. Ein unverdienter Sieg gegen Peru, ein müdes 1:1 gegen biedere Australier und dann das abgekartete Schauspiel gegen die Franzosen. Zugegeben: Der dänische Mittelfeldregisseur Christian Eriksen hat eines der schönsten Tore des Turniers erzielt, doch ansonsten regierte kargste Ödnis. Durchschnittlichste Eurofußball-Regalware, durchaus repräsentativ für in allen europäischen Topligen anzutreffende Teams, die sich mit kompakter Defensive und vereinzelten Kontern über Wasser halten. Eine komplett reaktive Spielauffassung, faktisch Fußballverhinderung und damit quasi das Hertha BSC der WM mit der eingebauten Garantie: Stets absolut unansehnlich! Gegen die Kroaten, neben Belgien und Brasilien bislang das überzeugendste Team des Turniers, ist deshalb Schluss. Gut so.

Marek Lantz

Kroatien – Dänemark 3:0

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