Aus: Ausgabe vom 30.06.2018, Seite 12 / Thema

Der Stoff des Jahrhunderts

Heute vor 125 Jahren wurde Walter Ulbricht geboren. Über seine Bemühungen zur Modernisierung der DDR und seine Absetzung beabsichtigte der Dramatiker Peter Hacks ein klassisches Drama zu schreiben – und scheiterte

Von Heinz Hamm
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»Ein Tag der Freude und Verpflichtung« titelte die Neue Zeit über den 1. Mai 1972, bei dem sich Walter Ulbricht und sein Nachfolger Erich Honecker gemeinsam der Ostberliner Öffentlichkeit präsentierten. Der Dramatiker Peter Hacks war früh der Ansicht, der Machtwechsel sei eine Art Putsch gewesen. Das Drama, das er darüber schreiben wollte, blieb aber Fragment

Peter Hacks erkannte frühzeitig die herausragende Bedeutung des Reformpolitikers Walter Ulbricht. Anfang der 1960er Jahre geriet die sozialistische Welt durch die rasante ökonomische Entwicklung in den führenden kapitalistischen Staaten zunehmend unter Druck. Die wissenschaftlich-technische Revolution hatte zu einer sprunghaften Steigerung der Produktivität geführt und die Wirtschaft der sozialistischen Länder vor große Herausforderungen gestellt. In den Parteiführungen wagte kaum jemand, das zu bestreiten. Die Frage war nur: Wie ernst sollte diese Herausforderung genommen werden? Musste der wissenschaftlich-technische Fortschritt aus eigener Kraft erreicht werden, oder war es zulässig, die technische und finanzielle Hilfe des weiter entwickelten Westens in Anspruch zu nehmen?

Als einziger führender Staatsmann im sozialistischen Lager erfasste Ulbricht die ganze Tragweite der wissenschaftlich-technischen Umwälzungen; und als einziger setzte er energisch eine neue Wirtschaftspolitik in Gang, um den Erfordernissen der Produktivkraftentwicklung gerecht zu werden: bevorzugte Entwicklung der Schlüsseltechnologien auf der Grundlage der elektronischen Datenverarbeitung, Umgestaltung der volkseigenen Betriebe zu eigenverantwortlichen Warenproduzenten, die die erforderlichen Investitionsmittel selbst erwirtschaften, Beschränkung der gesamtstaatlichen Planung und Leitung auf die unverzichtbare Koordinierung. Außer Frage stand, dass alle diese Aufgaben bewältigt werden mussten, ohne sich vom kapitalistischen Westen abhängig zu machen.

Ernste Gefahr

Ulbricht stützte sich bei seinem Reformwerk vor allem auf hochqualifizierte Angehörige der wissenschaftlichen und technischen Intelligenz. Bedenken aus dem Parteiapparat, der sich umgangen sah, trat er mit Entschiedenheit entgegen: »Es sind eigentlich nur wenige Genossen, die heute noch dem Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung gegenüber Vorbehalte geltend machen. Von ihnen hört man, die Einführung (…) sei mit Risiken verbunden. Das wird gar nicht bestritten. Die Genossen sollten aber begreifen, dass das Stehenbleiben bei alten, überholten Methoden der Leitung der Wirtschaft weit mehr als ein Risiko, nämlich eine ernste Gefahr für die Erfüllung der vor uns stehenden Aufgaben wäre. Diese Aufgaben haben wir uns nicht ausgesucht. Sie sind objektiv herangereift. Und wir müssen sie meistern, wenn wir in der ökonomischen Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus bestehen wollen.«¹

Widerstand kam nicht nur aus den eigenen Reihen. Auch bei der Führungsmacht Sowjetunion stieß das Neue Ökonomische System auf wenig Gegenliebe. Ulbrichts Appelle, in der Wirtschaftspolitik seinem Beispiel zu folgen und den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) zu einem schlagkräftigen Organ gemeinsamen Handelns zu machen, verhallten ungehört. Der seit 1963 amtierende Parteichef der KPdSU Leonid Breschnew glaubte sich mit dem militärischen Gleichgewicht zur USA, das durch die Nutzung der modernen Technologien erreicht worden war, offenbar auf der sicheren Seite und sah es nicht für lebensnotwendig an, mit eigenen Mitteln und aus eigener Kraft auch die zivile Wirtschaft entsprechend den neueste Erfordernissen umzugestalten. Die sowjetische Führung fühlte sich politisch und militärisch stark genug, sich der finanziellen und technischen Hilfe der reichen BRD zu bedienen und dafür politische Zugeständnisse zu machen. Um zu den gewünschten Handelsverträgen zu kommen, verzichtete sie darauf, gegenüber der BRD die völkerrechtliche Anerkennung der DDR durchzusetzen. Diesen Verzicht, bei dem die Sowjetunion ein fundamentales Interesse ihres wichtigsten Bündnispartners missachtete, konnte und wollte Ulbricht nicht mittragen. Für ihn kamen vertragliche Beziehungen der DDR zur BRD nur auf völkerrechtlicher Grundlage in Frage. Aufgrund dieses Konflikts sowie seiner Wirtschaftspolitik, die in den Augen seiner Gegner lebensfremd, pseudowissenschaftlich und technokratisch war,² musste er zurücktreten.

Frühe Zweifel

Öffentlich kommuniziert wurde das natürlich nicht. Die meisten Zeitgenossen werteten Ulbrichts Rücktritt im Mai 1971 als einvernehmlichen Führungswechsel aus Altersgründen. Peter Hacks und sein Freund André Müller sen. allerdings glaubten nicht an einen freiwilligen Rücktritt; sie gingen schon im Oktober 1969 von Differenzen mit der Führungs- und Schutzmacht Sowjetunion aus. Müller sen. schreibt: »Ich vermute eine Änderung der Politik. Hacks: ›Unzweifelhaft. Aber welche?‹ Ich erwähne, die bisherige Politik des Imperialismus sei darauf hinausgelaufen, das Rad der Geschichte mit Gewalt zurückzudrehen. Die Stabilisierung der DDR nach dem Bau der Mauer habe die letzten Chancen einer solchen Politik zerstört. Sie müssten also im Westen zu einer neuen Politik finden, die natürlich die alten Ziele verfolge, aber auf neuen Wegen. Hacks: ›Du meinst, sie werden uns solange liebevoll umarmen, bis sie uns zerdrückt haben. Aber das geht nicht mit Ulbricht. Freilich ist die Frage, ob es nicht mit den Russen geht. Man hört immer wieder von Spannungen zwischen der sowjetischen und der DDR-Führung, aber man weiß nicht, was an den Gerüchten ist.‹«³

Von Ulbrichts Nachfolger Erich Honecker erwartete Hacks nichts Gutes: »Hacks: ›Ich frage mich, ob dieser Rücktritt, wenn er denn einer war, nicht das Unglück für dieses Land sein wird.‹ Dann erörtern wir die Frage, was Moskau zur Zeit eigentlich für eine Politik mache und welche Ziele man dort verfolge. Hacks: ›Sie gehen mehr und mehr zu einer prinzipienlosen Bündnispolitik über und machen dementsprechende Zugeständnisse. Das müssen sie, es ist die Quittung für ihre hochmütige Diplomatie und die Förderung von Idioten. Der Sputnik ist kein Ersatz für Politik und war es nie. Wir können nur darauf setzen, dass der Sozialismus stark genug ist, auch Idioten zu überdauern. Die Grundfrage ist, warum können die Russen nicht ihre Wirtschaft so in Ordnung bringen, wie Ulbricht in der DDR es tat?‹« (GmH, S. 63)

Die Befürchtungen wurden auf dramatische Weise bestätigt. Schon im Oktober 1971 heißt es zum neuen Kurs unter der Flagge der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik: »Das geht gegen Ulbricht, gegen den jetzt alles geht. Das neue Ideal Honeckers ist: ein DDR-Mensch verdient 1.000,- oder .2000,- Mark, egal was er leistet. Warum gibt es keinen wirklichen Sozialismus mit scharfen Unterschieden, wo jeder tatsächlich nach seiner Leistung bezahlt wird? Das war es, was Ulbricht wollte und einführte und was den Aufstieg der DDR gesichert hat. Jetzt kommt die Einheitssauce, die Schlamperei und der Vulgärmaterialismus.« (GmH, S. 66) Und noch schärfer im März 1977: »Der nun vier Jahre dauernde Kampf Honeckers gegen die Ulbricht-Politik mit den blöden, gleichmacherischen Tendenzen (…) hat die schlimmsten Folgen gehabt. Das waren vier Jahre Kampf gegen alles, was wirkliche Intelligenz in diesem Lande besitzt, und das hat alles verschlimmert: Der Fisch fault nun einmal zuerst am Kopf.« (GmH, S. 158)

Anfang der 1980er Jahre stand für den Dramatiker endgültig fest: Während Honecker die DDR in den Untergang führt, hätte Ulbrichts neue Wirtschaftspolitik als einzige die Möglichkeit eröffnet, nicht hoffnungslos hinter der Produktivität des Westens zurückzubleiben und den Konkurrenzkampf der Systeme zu verlieren. Ohne die Unterstützung der sowjetischen Führung und gegen den zunächst verdeckten und dann offenen Widerstand des eigenen Parteiapparats hatte sie keine Chancen gehabt, sich zu entwickeln und ihre Überlegenheit zu beweisen. Sie musste unter den gegebenen Bedingungen scheitern. Aber sie war trotz allem der einzig richtige Wege gewesen.

Schwieriges Vorhaben

Diese Einsicht war die Geburtsstunde des Vorhabens, dem Politiker Ulbricht in Gestalt eines Dramas auch literarisch ein Denkmal zu setzen. Für ihn war die Geschichte von Ulbrichts Scheitern, der »Stoff des Jahrhunderts«, wie er später an Sahra Wagenknecht schrieb.⁴ Offen ausgesprochen wurde das Vorhaben, das vermutlich schon länger beschlossene Sache war, gegenüber André Müller sen. erstmals im Mai 1985: »Ich beabsichtige nämlich, über den VIII. Parteitag der SED zu schreiben, auf dem Ulbricht abgesetzt wurde«. (GmH, S. 309 f.) Und ein Jahr später berichtete der Freund: »Lange Überlegungen über das Honecker/Ulbricht-Stück, das Hacks schreiben will.« (GmH, S. 322)

Hacks war sich schon 1986 über die eigentlichen Hintergründe von Ulbrichts Absetzung völlig im klaren. Im Oktober 1985 hatte er sich mit Otto Gotsche, Ulbrichts ehemaligem Sekretär, getroffen, um Interna aus erster Hand zu erfahren. Auch zu Lotte Ulbricht hatte er Kontakt aufgenommen. Weil er aber in den Einzelheiten keine Fehler machen wollte, bat er das DKP-Mitglied Müller sen. um zusätzliche Informationen über den Ablauf des Parteitages. Vollständige Aufklärung über die gesamte Entwicklung von der Vorgeschichte der Absetzung über den Rücktritt selbst bis hin zur Ausschaltung Ulbrichts aus dem politischen Leben nach dem VIII. Parteitag erhielt Hacks schließlich erst nach 1990 durch Zeugnisse aus dem internen Parteiarchiv der SED.

Das Ulbricht-Drama erwies sich von Anfang an als eine äußerst komplizierte Aufgabe. Zwei Mappen mit Vorarbeiten, Notizen und Materialien aus dem Nachlass, einsehbar im Deutschen Literaturarchiv Marbach, geben Einblick in ein schweres Ringen, das letztlich erfolglos blieb. Der Dramatiker wusste: »Wenn man es in Prosa schriebe, wäre es ein Dok-Drama. Für Verse sind die Leute nicht persönlich und die Fabel nicht poetisch und simpel genug.«⁵ Für »eine Weile« erwog Hacks auch ein Epos mit dem Titel »Ulbrichtiade«, das er in Grundzügen konzipierte: »Nationaler Stoff / Staatsgründung / Held mit Fehlern, stirbt an seiner Tugend / Verschwörung, Kämpfe in komplizierten Gruppierungen, trickreich / Tragischer Ausgang, Zusammenbruch + Aufforderungen, dasselbe auf höherer Stufe zu wiederholen / Philosophischer und handelnder Held / Stoff: Ulbrichts Tod + alle Vorgeschichte, insonders Geburt der Nation | Einziger Fehler: keine Liebesgeschichte.«⁶

»Ganz antik«

Dok-Drama und Epos kamen aus ästhetischen Gründen gleichermaßen nicht in Frage. So glaubte Hacks schon im Februar 1989 seinem Freund gestehen zu müssen, dass er »das Ulbricht-Drama nicht zu schreiben vermag« (GmH, S. 337). Weil er sich verpflichtet fühlte, war jedoch nicht an Aufgabe zu denken. Es musste ein klassisches Drama gedichtet werden, und zwar eine Tragödie im Versmaß des Trimeters. Dementsprechend »ganz antik« war das Personal gedacht: »Ulbricht / Honecker / Abrassimow ? / Aufm Plenum? / ein Helfer (…) / ein Verräter / Lotte? / ZK-Mitglied? / Chor: Politbureau«.⁷ Bei Ort und Zeit der Handlung zeigte sich Hacks zunächst noch unschlüssig. Drei Möglichkeiten wurden ins Auge gefasst: der XXIV. Parteitag der KPdSU in Moskau, die 16. Tagung des ZK der SED im Haus des ZK in Berlin und der VIII. Parteitag der SED in der Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin.

Auf der Politbüro-Sitzung am 1. Juli 1970 war der politische Richtungsstreit zwischen Ulbricht und Honecker offen ausgebrochen. Ulbricht entband den Jüngeren von seinen Funktionen und wollte ihn auf eine Parteischule schicken. Durch eine Intervention bei der sowjetischen Botschaft erreichte Honecker allerdings die Rücknahme der Ablösung und trieb Ulbrichts Absetzung fortan energisch voran. Mit einem Brief des Politbüros der SED vom 21. Januar 1971 wurde das Politbüro des KPdSU dringend gebeten, »den Genossen Ulbricht« zum freiwilligen Rücktritt von der Funktion des Ersten Sekretärs des ZK der SED zu bewegen. Breschnew ließ sich Zeit. Erst am 11. April 1971 kurz nach dem XXIV. Parteitag der KPdSU, zu dem Ulbricht gereist war, obwohl das Politbüro ihm die Teilnahme verboten hatte, fand in Moskau ein Vieraugengespräch statt. Ulbricht sollte aus Altersgründen als Erster Sekretär zurücktreten, Ehrenvorsitzender der SED werden – eine im Parteistatut nicht vorgesehene Funktion – und Vorsitzender der Staatsrats bleiben. Ulbricht sah in diesem Vorschlag eine Teilung der Macht, wertete ihn als Übergangslösung bis zum völligen Ausscheiden und stimmte zu. Auf der 16. ZK-Tagung am 3. Mai 1971 trat er zurück, schlug Honecker zu seinem Nachfolger vor und wurde feierlich verabschiedet. Ein letztes Mal öffentlich auftreten sollte Ulbricht dann am 15. Juni 1971 zur Eröffnung des VIII. Parteitages, freilich nicht mit einer eigenen Rede. Am Vorabend begrüßte er noch auf dem Flughafen Gastdelegationen. Dann wurde er krank. An seiner Stelle schickte er Lotte Ulbricht, die für Aufsehen sorgte, weil sie bei Breschnews Rede ostentativ nicht klatschte. Nachdem der Führungswechsel mit dem Parteitag endgültig vollzogen war, wurde Ulbricht zielstrebig demontiert und konsequent aus der Öffentlichkeit herausgehalten. Das Neue Deutschland veröffentlichte ein Foto von der Gratulation des Politbüros zum Geburtstag am 30. Juni, das ihn im Krankenzimmer sitzend im Hausmantel und mit Pantoffeln zeigt. Honecker ließ widerrechtlich allen ZK-Mitgliedern die Krankenakte zugänglich machen. Weil Ulbricht immer wieder gegen die herabwürdigende Behandlung aufbegehrte, wurde schließlich auf der Politbüro-Sitzung vom 26. Oktober 1971 über ihn ein regelrechtes Strafgericht gehalten. An Breschnew gerichtete Hilfeersuchen des ehemaligen SED-Vorsitzenden blieben erfolglos. Ulbricht starb schließlich vereinsamt am 1. August 1973.

Einziges Kriterium: Besser sein

Die gesamte Entwicklung überblickend, entschied Hacks sich, die 16. ZK-Tagung als »Drehpunkt« zu nehmen und das Drama im großen Sitzungssaal und in danebenliegenden Büros des ZK-Hauses spielen zu lassen. Aus den Entwürfen lässt sich folgender Handlungsablauf erschließen: Ulbricht kommt in die Sitzung, hält sich noch für handlungsmächtig und vertritt offensiv seine Position: »U: Wir sind humaner, ja, wir sind klüger, ja, sozialer, ja. Damit gewinnt man keinen Blumentopf. Worauf es einzig ankommt: ob wir besser sind. Wirtschaftlich besser. Wir müssen sie in den Boden wirtschaften, anders hören sie nicht. Anders sagt es Marx nicht. Wir haben kein Geld für Wohnungen, wir haben kein Geld für Straßen und Telefone, wir haben kein Geld für Verbrauch. Wir haben Geld nur für eines: um zu siegen. (…) Die Arbeiterklasse, wenn man sie dem technischen Fortschritt opfert, lebt besser, als wenn man den technischen Fortschritt dem Wohlleben der Arbeiterklasse opfert.« Honecker dagegen: »Die Hauptfrage: Was ist möglich?« Worauf Ulbricht antwortet: »Diese Frage gibt es nicht. Es gibt nur die Frage: Was ist dir möglich, und was ist mir möglich.« Die Positionen erweisen sich als unversöhnlich. Honecker verteidigt seine Sozialpolitik als den Interessen der Arbeiterklasse dienend, worauf Ulbricht erwidert, dass die Partei unverantwortlich nur »die zurückgebliebenen Teile der Arbeiterklasse« vertritt. Honecker stellt sich hinter die »Friedenspolitik« der Führungsmacht. Ulbricht verweist auf die Folgen: »Das Überleben der Menschheit ist wichtiger als der Sozialismus, ja? Einverstanden. Wir lösen den Sozialismus auf, ja? Was geschieht dann als nächstes. Als nächstes geschieht, dass Amerika, Japan und Deutschland sich um (die Verteilung) Russland streiten, und der Atomkrieg geht los. Ja?«

Trotz der grundlegenden Meinungsverschiedenheiten, die bestehen bleiben, hält sich Ulbricht an die Breschnew gegebene Zusage. Er erklärt seinen Rücktritt und schlägt Honecker als seinen Nachfolger vor. Dabei glaubt er immer noch, als Vorsitzender des Staatsrats über ausreichend Macht zu verfügen, seine Wirtschaftspolitik weiter voranzutreiben: »Ulbricht: Von Ökonomie verstehe nur ich was, vor dem Imp(erialismus, H. H.) kann nur ich uns retten«. Der Chor wundert sich: »Warum kämpft er denn noch? Hat man ihm nicht gesagt, dass es aus ist! – Er kämpft um die Einzelheiten seiner Position. – Aber er hat keine Position mehr. Und hat man ihm das nicht gesagt? Es schadet ihm doch, wenn er zu kämpfen fortfährt. Merkt er das nicht?« »Tragisch, wenn ein verdienter Genosse durch Vergreisung wertlos, ja schädlich wird, er hat die Revolution geleitet, jetzt hört man ihn faseln.«

Nach Rede und Gegenrede tritt die Tagung in eine Pause ein. In ihr vollzieht sich die »schwierige Wendung«. Hacks gestaltet sie, indem er die Handlung gleichsam in die Enge zieht und die erst später erfolgte Räumung von Ulbrichts Büro noch auf der 16. Tagung geschehen lässt. Ulbricht zieht sich in der Pause in sein Büro zurück und »merkt, er ist geschnallt (…), sein Bureau, das wird schon ausgeräumt«. Blitzartig muss er sich eingestehen: Die verabredete Machtteilung ist nur ein Täuschungsmanöver gewesen; und Honecker hat nur das eine Ziel verfolgt, ihn völlig aus dem politischen Leben zu verbannen, und zwar nicht, wie vorgegeben, wegen »Vergreisung«, sondern wegen einer von der Führungsmacht Sowjetunion abgelehnten Politik.

Nach der schmerzlichen Niederlage bleibt Ulbricht nur, ein »Schlusswort« zu sprechen und danach zu sterben: »So sage ich, der Soz(ialismus, H. H.) wird wieder untergehen. Der Feind wird wieder siegen. (…) Der Sieg des Sozialismus versteht sich von selbst, das ist nicht, wovon wir reden. Aber diese verschenkte / verlorene Schlacht wird ihn um 100 Jahre hinausschieben, 100 Jahre unsagbares Elend, Krieg und Tod. (…) Ich bin uneinverstanden. Ich füge mich der Parteidisziplin. Ich kämpfe gegen diese Idiotie, solange ich lebe. (Stirbt)«. Ulbricht erlebt im Drama ein tragisches Ende: »Ulbricht weiß den Weg, aber es gibt keinen, der den Weg gehen könnte – und so endet es tragisch: Zu gut für die Welt. Breschnew macht den Volksfront-Fehler, und es geht schief. Aber es ist das Wirkliche. Und siegt. Aber tiefer: Es würde gutgehen, wenn Breschnew begabt wäre. Sein Recht besteht in seiner Unfähigkeit. Kann er dafür, dass seine Gesellschaft einen wie ihn wählt? Also eine Tragödie über die Rolle der Person in der Geschichte.«

Ein unmögliches Stück

Hacks war bei seiner Arbeit am Ulbricht-Drama die ganze Zeit hin- und hergerissen zwischen Aufgeben und Weitermachen. Anfang Oktober 1994 stand für ihn fest, dass sich die Sache als dramatischer Stoff nicht eignet, weil sie dem Umfang nach zu ausufernd und zu zeithistorisch ist. Und dennoch hielt er an dem Vorhaben fest; denn für Hacks war der Ulbricht-Stoff, politisch betrachtet, von entscheidender Bedeutung. Wenig später, Ende Oktober 1994 kam dann doch das endgültige Aus. Trotz redlichsten Bemühens war Hacks nicht über die Phase des Konzipierens hinausgelangt. Überliefert sind vielfältige Überlegungen zur Gestaltung des Stoffes, auch mehrere Personenreden in Prosa, aber bezeichnenderweise kein einziger Vers. Dem Staatsmann Ulbricht ein Denkmal zu setzen, war Hacks eine Verpflichtung gewesen. Deshalb warf er »die Ulbricht-Mühen ungern ins Korn«.⁸ Aber am Ende musste er sich doch eingestehen, dass ein Ulbricht-Drama in Übereinstimmung mit seinem Kunstverständnis nicht zu realisieren war.

Anmerkungen:

1 Walter Ulbricht: Referat auf der 11. Tagung des Zentralkomitees der SED am 16. Dezember 1965. In: ders.: Zum Ökonomischen System des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik. Bd. 1, Berlin 1968, S. 669

2 Diese Vorwürfe wurden erhoben in dem Dokument »Zur Korrektur der Wirtschaftspolitik Walter Ulbrichts auf der 14. Tagung des ZK der SED« (Bundesarchiv, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR [SAPMO], DY 30/ J NL 2/32) und im Brief von Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros an das Politbüro des ZK der KPdSU vom 21. Januar 1971 (Bundesarchiv, SAPMO, DY 30/ J IV 2/2a/3196).

3 André Müller sen.: Gespräche mit Hacks 1963–2003, Berlin 2008, S. 44. Im folgenden abgekürzt mit GmH.

4 Peter Hacks an Sahra Wagenknecht, 29.10.1994, Deutsches Literaturarchiv (DLA)

5 Ulbricht-Mappen, DLA

6 Peter Hacks an André Müller sen., 31.1.1995, DLA

7 Ulbricht-Mappen, DLA. Alle folgenden nicht nachgewiesenen Zitate stammen aus den Ulbricht-Mappen Pjotr A. Abrassimow war der Botschafter der UdSSR in der DDR. Lotte meint Lotte Ulbricht.

8 Peter Hacks an André Müller sen., 31.1.1995, DLA

Heinz Hamm schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22. März 2017 über Goethes »Faust II«.

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