Aus: Ausgabe vom 26.06.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Radikaler Umbruch

Die Bedingungen gewerkschaftlicher Arbeitspolitik ändern sich. Was das bedeutet, war Thema einer Tagung zu »guter Arbeit« in Frankfurt am Main

Von Daniel Behruzi
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»Man muss auch konfliktfähig sein, wenn man als Partner ernst genommen werden will«, sagt Verdi-Chef Frank Bsirske

Auf den ersten Blick erscheint »gute Arbeit« als Wohlfühlthema. Wer kann schon etwas gegen gute Arbeitsbedingungen einzuwenden haben? Doch in der Realität handelt es sich um ein »hartes Konfliktthema«, betonte Jürgen Reusch, Mitorganisator einer Tagung zum zehnjährigen Jubiläum des Jahrbuchs »Gute Arbeit« am Samstag in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale. Grundsätzlich herrschte auf der Konferenz mit etwa 100 Teilnehmern Einigkeit, dass die Gestaltung der Arbeitsbedingungen letztlich eine »Machtfrage« ist. Sozialpartnerschaftliche Arrangements schließt das allerdings keineswegs aus.

Welchen Stellenwert das Thema in den Gewerkschaften mittlerweile hat, machte schon die Besetzung des Podiums deutlich: Sowohl IG-Metall-Chef Jörg Hofmann als auch der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske traten auf der von beiden Gewerkschaften gemeinsam mit dem Kolleg Postwachstumsgesellschaften der Universität Jena organisierten Tagung als Referenten auf. In ihrer Analyse waren sie sich weitgehend einig.

Hofmann zeichnete das Bild radikaler Veränderungen: Die Grenzen zwischen Industrie- und Dienstleistungsarbeit verschwämmen zusehends. Selbst im Fahrzeugbau seien nur noch 60 Prozent der Beschäftigten in der Produktion tätig oder mit produktionsnahen Tätigkeiten befasst. Vor 20 Jahren waren es noch rund 80 Prozent. Leiharbeiter und Beschäftigte von Werkvertragsfirmen sind dabei noch nicht einmal mitgezählt. Diese »Fragmentierung der Arbeitsrealität« sei ein Faktor dafür, dass das traditionelle deutsche Industriemodell »mehrfach brüchig geworden ist«, so Hofmann.

Hinzu kommen die zu erwartenden Effekte struktureller Umbrüche und der Digitalisierung. Hofmann verwies auf eine kürzlich von seiner Organisation vorgestellte Studie des Fraunhofer-Instituts, der zufolge allein in der Antriebstechnik von Automobilen durch Elektrifizierung und Produktivität per Saldo rund 75.000 Arbeitsplätze wegfallen werden. Die Gewerkschaft müsse solche Entwicklungen vorausschauend begleiten, so der IG-Metall-Vorsitzende. »Wir können uns nicht damit begnügen, sie nur sozial verträglich zu gestalten.«

Wie die Beschäftigtenorganisationen Einfluss nehmen wollen, blieb indes unklar. Die Debatte könnte durchaus auf eine noch stärkere Orientierung am Komanagement hinauslaufen – also den Versuch, unternehmerische Entscheidungen im Konsens zu beeinflussen. Konflikte mit Staat und Kapital schließt das allerdings nicht aus, wie Verdi-Chef Bsirske betonte: »Man muss auch konfliktfähig sein, wenn man als Partner ernst genommen werden will.«

Wie steht es nun um die Konfliktfähigkeit in Sachen »Gute Arbeit«? Klaus Dörre, Soziologie-Professor an der Universität Jena und Geschäftsführer des Postwachstum-Kollegs, attestierte der IG Metall, sie habe es in der vergangenen Tarifrunde geschafft, das Thema Arbeitszeiten und deren (individuelle) Verkürzung »konfliktfähig« zu machen. »Die Frage ist: War das ein erfolgreicher Schuss oder bleibt das Thema auf der Tagesordnung?« Dörre plädierte dafür, das Ziel der Arbeitszeitverkürzung – auch in kollektiver Form – weiter zu verfolgen und zugleich bei der Leistungsverdichtung »Bremsen anzuziehen«. Andernfalls würden verkürzte Arbeitszeiten von den Unternehmen nur dazu genutzt, die Arbeit weiter zu intensivieren.

Dörre verwies auf das Beispiel der Berliner Charité, wo Verdi erstmals in einem Krankenhaus einen Tarifvertrag zur Entlastung durchgesetzt hat – inklusive personeller Mindestbesetzung. Solche Auseinandersetzungen seien aber extrem konfliktträchtig. »Das sind Hardcore-Konflikte mit Arbeitgebern, denn die Gewerkschaft greift damit in ihr Direktionsrecht ein«, erklärte der Soziologe. Für diese These spricht die harte Gangart, mit der Klinikleitungen aktuell in den Tarifauseinandersetzungen um Entlastung vorgehen und zum Beispiel Streikverbote beantragen (siehe jW vom 18. Juni).

Hans-Jürgen Urban vom IG-Metall-Vorstand warnte in Sachen Leistungsverdichtung vor einer »radikalen Problemverschärfung«. Den Arbeitsdruck zu begrenzen, sei »bisher eine Schwachstelle gewerkschaftlicher Arbeitspolitik«. Das könnte damit zu tun haben, dass die Gewerkschaften eine »Produktivitätsbremse« schaffen, wenn sie den Leistungsdruck durch tarifliche oder betriebliche Regelungen begrenzen. »Und das in einer kapitalistischen Konkurrenzsituation, in der derjenige ausscheidet, der bei der Produktivität nicht mithalten kann«, so Urban.

Der Gewerkschafter sprach damit an – aber nicht aus –, dass etliche Betriebsräte ihre Aufgabe darin sehen, die Produktivität »ihres« Unternehmens zu steigern, um die »eigenen« Arbeitsplätze zu sichern. Auch die Gewerkschaften waren lange – bzw. sind es noch – Teil eines »Produktivitätspakts«, bei dem gemeinsame Anstrengungen zur Produktivitätssteigerung mit Lohnerhöhungen belohnt werden. Dies ist eine der Ursachen für die extreme Arbeitsverdichtung, die wiederum zur Zunahme psychischer Belastungen und damit zum Gegenteil von »guter Arbeit« geführt haben. Auch hier ist wohl ein radikaler Umbruch nötig.

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