Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Sprachregeln aus Kiew

Von Reinhard Lauterbach
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Kein Bürgerkrieg, sondern eine »russische Aggression«: Der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin und sein Präsident Petro Poroschenko (r.)

Es stimmt schon: So etwas wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland gibt es weltweit gerade noch einmal, bei der BBC, der er, historisch gesehen, ja auch nachgebildet wurde. Und es stimmt auch, dass es bei allen Mängeln hier Angebote zu hören und zu sehen gibt, die mit den knapp 18 Euro Rundfunkbeitrag im Monat immer noch fair bezahlt sind. Man muss ja nicht die ARD-Dudelwellen einstellen, die die Kommerziellen genausogut betreiben könnten.

Reden wir also von zwei Angeboten aus dem »Kerngeschäft« der Öffentlich-Rechtlichen: Information und Bildung. Im Inland eher wenig bekannt ist die Deutsche Welle (DW), der Auslandsrundfunk der BRD. Sie sendet in 30 Sprachen, um die BRD als »weltoffenen« Staat zu präsentieren. Wie weltoffen sie ist, zeigte sich am 11. Juni: In einem englischsprachigen Bericht zu dem Treffen des »Normandie-Formats« (Deutschland, Frankreich, Russland, Ukraine) in Berlin war von der Beilegung des ukrainischen »Bürgerkriegs« die Rede gewesen. Da kam der Sender, der laut DW-Gesetz von seiten der Bundesregierung »keiner Fachaufsicht« unterliegt, aber in Kiew an die Richtigen. Das dortige Außenministerium protestierte über Twitter, es handle sich bei dem Konflikt im Donbass nicht um einen Bürgerkrieg, sondern um eine »russische Aggression«. Und die Redaktion in Bonn hatte nichts Eiligeres zu tun, als sich zu entschuldigen und zu erklären, die Formulierung habe »nicht unseren redaktionellen Standards« entsprochen. Man wird also festhalten dürfen, dass die redaktionellen Standards der Deutschen Welle in Kiew formuliert werden; oder alternativ, dass die Bundesregierung, der die DW untersteht, den Standpunkt der Kiewer Machthaber bis in die Sprachregelungen hinein teilt. So geht die »Unabhängigkeit«, für die sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer rühmt.

Themenwechsel. Die Sendung »Gesichter Europas« des Deutschlandfunks ist Premiumradio vom Feinsten. Jeden Samstag um 11.05 Uhr eine knappe Stunde Reportagen von irgendwo aus Europa, man kann sich jede Woche überraschen lassen: Es gab schon Sendungen über Geigenbauer aus Cremona, belgische Pralinen, Wölfe in den Seealpen, Bauern in Polen, eine Reise durch Frankreich entlang der legendären Route Nationale 7 vor den Präsidentschaftswahlen, bei der auch Anhänger von Jean-Luc Mélenchon zu Wort kamen, oder über den schwedischen Staatsfeminismus. Oft echte Radiokulinarik, in der Regel zumindest interessant. Und heute vor einer Woche dann eine Sendung über die »Krümmung der Gurke« – Mythen über die EU. Autor Benjamin Dirks bemühte sich redlich zu zeigen, dass man EU-Europa auch mögen könne. Von der Militarisierung der kapitalistischen Internationale aus Brüssel kein Wort, von ihrer Rolle als europaweiter Durchsetzer neoliberaler Sozialnormen auch keines, statt dessen als Pausenclown ein Kabarettist, der Brüssel dafür lobt, das Handyroaming in der EU abgeschafft zu haben. Dass dieselbe EU sich 20 Jahre früher, als der Mobilfunk aufgekommen war, entschieden hatte, ihren Kommunikationsmarkt nicht europäisch, sondern national zu organisieren, damit die jeweiligen Anbieter sich an der Nutzung ihrer Geräte im europäischen Ausland dumm und dämlich verdienen konnten, wurde dezent verschwiegen. Erst recht, dass seinerzeit der FDP-Politiker Martin Bangemann zuständiger Kommissar war und anschließend in einen wohldotierten Job bei der vom Roaming von Urlaubern besonders profitierenden spanischen Telefonica wechselte. Sicher ist der Nationalismus, der heute populistische Kritik an der EU kennzeichnet, die falsche Antwort. Aber Weißwaschen ist leider auch dann Propaganda, wenn es auf hohem Niveau passiert. Dass im Lauf der Sendung ein Plagiat von Victor Jaras »Pueblo Unido« auf Finnisch oder Ungarisch erklang, um »Europa« zu preisen, macht das Bild komplett.

Man wird also festhalten dürfen, dass die redaktionellen Standards der Deutschen Welle in Kiew formuliert werden; oder alternativ, dass die Bundesregierung, der die DW untersteht, den Standpunkt der Kiewer Machthaber bis in die Sprachregelungen hinein teilt. So geht die »Unabhängigkeit«, für die sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer rühmt.

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Krieg in der Ukraine Ausländische Einmischung, Putsch und Bürgerkrieg

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