Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nur »Atempausen« zwischen Kriegen

Lenin 1916: Konflikte, Reibungen und Kampf untereinander schließen Bündnisse zwischen imperialistischen Ländern nicht aus

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»Friedliche Bündnisse bereiten Kriege vor und wachsen ihrerseits aus Kriegen hervor«: NATO-Manöver »Noble Jump« in Polen (Juni 2015)

Da zu den politischen Besonderheiten des Imperialismus die Reaktion auf der ganzen Linie sowie die Verstärkung der nationalen Unterdrückung in Verbindung mit dem Druck der Finanzoligarchie und mit der Beseitigung der freien Konkurrenz gehören, so tritt mit Beginn des 20. Jahrhunderts in fast allen imperialistischen Ländern eine kleinbürgerlich-demokratische Opposition gegen den Imperialismus auf. (...)

Aber solange diese ganze Kritik davor zurückscheute, die unzertrennliche Verbindung des Imperialismus mit den Trusts und folglich auch mit den Grundlagen des Kapitalismus zuzugeben, solange sie Angst hatte, sich den Kräften, die durch den Großkapitalismus und seine Entwicklung erzeugt werden, anzuschließen, solange blieb diese Kritik ein »frommer Wunsch«. (...)

Was immer auch die wohlgemeinten Absichten der englischen Pfaffen oder des süßlichen (Karl) Kautsky (1854–1938, führender marxistischer Theoretiker der II. Internationale, definierte Imperialismus als eine Ausnahmepolitik im Kriegsfall, ansonsten herrsche »Ultraimperialismus«, d. h. Frieden als Normalfall zwischen den Großmächten, jW) sein mögen, der objektive, d. h. wirkliche soziale Sinn seiner »Theorie« ist einzig und allein der: eine höchst reaktionäre Vertröstung der Massen auf die Möglichkeit eines dauernden Friedens im Kapitalismus, indem man die Aufmerksamkeit von den akuten Widersprüchen und akuten Problemen der Gegenwart ablenkt auf die verlogenen Perspektiven irgendeines angeblich neuen künftigen »Ultraimperialismus«. Betrug an den Massen und sonst absolut nichts ist der Inhalt von Kautskys »marxistischer« Theorie.

In der Tat, es genügt, allgemein bekannte, unbestreitbare Tatsachen einander gegenüberzustellen, um sich davon zu überzeugen, wie verlogen die Perspektiven sind, die Kautsky den deutschen Arbeitern (und den Arbeitern aller Länder) weiszumachen sucht. Man nehme Indien, Indochina und China. Bekanntlich werden diese drei kolonialen und halbkolonialen Länder mit einer Bevölkerung von 600 bis 700 Millionen Menschen vom Finanzkapital einiger imperialistischer Mächte – Englands, Frankreichs, Japans, der Vereinigten Staaten usw. – ausgebeutet. Angenommen, diese imperialistischen Staaten schlössen Bündnisse, ein Bündnis gegen ein anderes, um ihren Besitz, ihre Interessen und »Einflusssphären« in den genannten asiatischen Staaten zu behaupten oder auszudehnen. Das wären »interimperialistische« oder »ultraimperialistische« Bündnisse. Angenommen, sämtliche imperialistischen Mächte schlössen ein Bündnis zur »friedlichen« Aufteilung der genannten asiatischen Länder – das wäre ein »international verbündetes Finanzkapital«. Es gibt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts faktische Beispiele eines derartigen Bündnisses, z. B. im Verhalten der Mächte zu China. Es fragt sich nun, ist die Annahme »denkbar«, dass beim Fortbestehen des Kapitalismus (und diese Bedingung setzt Kautsky gerade voraus) solche Bündnisse nicht kurzlebig wären, dass sie Reibungen, Konflikte und Kampf in jedweden und allen möglichen Formen ausschließen würden?

Es genügt, diese Frage klar zu stellen, um sie nicht anders als mit Nein zu beantworten. Denn unter dem Kapitalismus ist für die Aufteilung der Interessen- und Einflusssphären, der Kolonien usw. eine andere Grundlage als die Stärke der daran Beteiligten, ihre allgemeinwirtschaftliche, finanzielle, militärische und sonstige Stärke, nicht denkbar. Die Stärke der Beteiligten aber ändert sich ungleichmäßig, denn eine gleichmäßige Entwicklung der einzelnen Unternehmungen, Trusts, Industriezweige und Länder kann es unter dem Kapitalismus nicht geben. Vor einem halben Jahrhundert war Deutschland, wenn man seine kapitalistische Macht mit der des damaligen Englands vergleicht, eine klägliche Null; ebenso Japan im Vergleich zu Russland. Ist die Annahme »denkbar«, dass das Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Mächten nach zehn, zwanzig Jahren unverändert geblieben sein wird? Das ist absolut undenkbar.

»Interimperialistische« oder »ultraimperialistische« Bündnisse sind daher in der kapitalistischen Wirklichkeit, und nicht in der banalen Spießerphantasie englischer Pfaffen oder des deutschen »Marxisten« Kautsky, notwendigerweise nur »Atempausen« zwischen Kriegen (…). Friedliche Bündnisse bereiten Kriege vor und wachsen ihrerseits aus Kriegen hervor, bedingen sich gegenseitig, erzeugen einen Wechsel der Formen friedlichen und nicht friedlichen Kampfes auf ein und demselben Boden imperialistischer Zusammenhänge und Wechselbeziehungen der Weltwirtschaft und der Weltpolitik.

N. Lenin (Wl. Iljin): Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss. St. Petersburg 1917. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 22. Dietz-Verlag, Berlin 1960, Seiten 290–303

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