Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 12 / Thema

Welt ohne Ware

Marx ist entgegen anderslautenden Behauptungen ohne seine Revolutionstheorie nicht zu haben. Nur der Umsturz der kapitalistischen Produktionsweise befreit den Menschen aus Knechtschaft und Drangsal der Ausbeutung

Von Guenther Sandleben
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»Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung«. (Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, erster Satz)

Einen Marx zu haben, ohne seine Revolutionstheorie – wäre das nicht eine wirklich komfortable Sache für Gewerkschafter, Sozialdemokraten und irgendwie linke Akademiker? Der Kampf gegen das Lohnsystem könnte als aussichtslos gebrandmarkt werden. Die Etablierung oder Verbesserung des Sozialstaats, verbunden mit höheren Löhnen würden als Endziel völlig genügen. Und endlich wäre die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie eine systemkonforme Grundlage, um Diskussionen über Alternativen zu führen, ohne dass Angst und Schrecken in der akademischen und parlamentarischen Welt verbreitet würden.

Der als Reformist und Revisionist bekannt gewordene Eduard Bernstein hatte solche Vorteile frühzeitig erkannt. Kaum war Marx’ Kampfgefährte Friedrich Engels verstorben, eröffnete er 1896 in der Zeitschrift Die Neue Zeit die Artikelserie »Probleme des Sozialismus«, mit der er die Revolutionstheorie als philosophisch-spekulativ und unwissenschaftlich abtat. Sie sei »das Produkt eines Restes Hegelscher Widerspruchsdialektik«. Seit jenen Tagen reproduzieren akademische Geister variantenreich diese alte These.

»Historisch obsolet«

Marx’ Revolutionstheorie, schrieb kürzlich der Sozialwissenschaftler Ingo Elbe, resultiere »keineswegs aus den Kernannahmen seiner Kritik der politischen Ökonomie, sondern aus geschichtsphilosophischen Prämissen, die deren Einsichten fundamental widersprechen«.¹ Schon in den 1970er Jahren meinte Rolf Peter Sieferle, nachgewiesen zu haben, dass die Marxsche Revolutionstheorie nicht notwendiges inneres Resultat von Marx’ Theorie sei. »Seine Theorie der bürgerlichen Gesellschaft kann daher Geltung beanspruchen, auch wenn seine Revolutionsvorstellung historisch obsolet geworden ist.«²

Dabei spricht einiges dafür, dass es sich genau umgekehrt verhält. Die Marxsche Revolutionstheorie geht nicht aus bloßen geschichtsphilosophischen Vorstellungen hervor. Sie ist auch nicht Resultat idealistischer Gerechtigkeitsvorstellungen. Marx entwickelt Möglichkeit und Notwendigkeit der Revolution aus den wirklichen Lebensverhältnissen, die er in seiner »Kritik der politischen Ökonomie« systematisch analysierte. »Das Kapital« enthält eine Revolutionstheorie, ohne dass der konkret-historische Verlauf von Revolutionen, Organisationsfragen, Betrachtungen zum Staat usw. darin analysiert werden. Dies blieb den politischen Schriften vorbehalten, darunter seinen Frankreich-Schriften.

»Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft«, schreibt Marx 1875, acht Jahre nach der Veröffentlichung des »Kapitals« in der »Kritik des Gothaer Programms«, »liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre.« (MEW 19, S. 28) Diese soziale Revolution, also die grundlegende Umwälzung der Gesellschaft, ist der erste Aspekt seiner Revolutionstheorie. Der zweite folgt gleich im nächsten Satz: Der Periode der revolutionären Umwälzung »entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats«. Diese revolutionäre Arbeiterregierung ist nur der politische Ausdruck der Übergangsperiode. Sobald diese abgeschlossen ist, verliert der Staat seine Existenzberechtigung. Er stirbt ab. Mit dieser sozialen und politischen Revolution ist für Marx der Umwälzungsprozess keineswegs abgeschlossen. Die Revolution reicht weiter. Nach erfolgreicher revolutionärer Umwandlung, fährt Marx fort, beginnt die »erste Phase der kommunistischen Gesellschaft« (MEW 19, S. 21). Es handelt sich um eine »genossenschaftliche, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln gegründete Gesellschaft«. Die Wirtschaft wird also nicht mehr durch das kapitalistische Privateigentum zerstückelt. Sie kann gemeinschaftlich, überbetrieblich, gesamtgesellschaftlich organisiert werden.

Bei diesem dritten Aspekt des Marxschen Revolutionsbegriffs ist strittig, inwieweit Warenform und Geld fortbestehen. Marx positioniert sich dazu allerdings eindeutig: »… die Produzenten (tauschen) ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte (…), da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren« (MEW 19, S. 19 f.).

Seine These vom Verschwinden der Warenform und des Geldes hatte Marx zuvor im ersten Abschnitt des ersten Bandes des »Kapitals« sehr genau hergeleitet: Er unterschied dort zwischen der Ware, die Gebrauchswert und Tauschwert hat, und dem bloß nützlichen Produkt, das keinen Tauschwert, keinen Preis besitzt. Fehlt der Preis, dann existiert auch kein Geld.

Produkte, keine Waren

Der »Verein freier Menschen«, wie Marx die emanzipierte Gesellschaft im »Kapital« bezeichnet, produziert nur Produkte, keine Waren. Die Arbeit ist unmittelbar gesellschaftlich. Ihre sachliche Darstellung als Geld ist deshalb ausgeschlossen. »Das Gesamtprodukt des Vereins«, schreibt Marx (MEW 23, S. 93), »ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich«. Die Arbeit würde gesellschaftlich planmäßig verteilt. »Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution« (MEW 23, S. 93).

Das blind wirkende Wertgesetz mit seinen Preisschwankungen und Wirtschaftskrisen hat aufgehört zu existieren. Mit der Beseitigung der Warenform verschwindet auch das Geld. Es kann sich nicht mehr in Kapital verwandeln. Die profitorientierte Produktion ist ausgeschlossen.

Mit dieser Möglichkeit einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung eröffnet Marx den ersten Band des »Kapitals«. Die Möglichkeit der Revolution durchzieht sämtliche seiner ökonomischen Schriften. Immer wieder verweist er darauf, dass die kapitalistische Produktionsweise eine historisch-spezifische Form des Produzierens ist. Historisch entstanden, ist deren Überwindung möglich.

Der vierte Aspekt der Marxschen Revolutionstheorie betrifft die Verteilungsverhältnisse. Verärgert über entsprechende Passagen des Gothaer Programms der SPD schreibt Marx: »… es (war) überhaupt fehlerhaft, von der sogenannten Verteilung Wesens zu machen und den Hauptakzent auf sie zu legen. Die jedesmalige Verteilung der Konsumtionsmittel ist nur Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen selbst; letztere Verteilung aber ist ein Charakter der Produktionsweise selbst.« (MEW 19, S. 22) Erst wenn diese grundlegend verändert wird, ist also eine grundlegend andere Verteilung möglich. Alles andere, sagt Marx, ist Flickschusterei.

»Der Vulgärsozialismus«, fährt er fort, »hat es von den bürgerlichen Ökonomen übernommen, die Distribution als von der Produktionsweise unabhängig zu betrachten (…), daher den Sozialismus hauptsächlich als um die Distribution sich drehend darzustellen.« Die Revolution muss aber die Ursache der ungleichen Verteilungsverhältnisse beseitigen, indem sie die Produktionsverhältnisse grundlegend umwandelt. Marx hatte das zuvor im »Kapital« systematisch ausgeführt. »Das bestimmte Verteilungsverhältnis«, schrieb er resümierend im dritten Band (MEW 25, S. 889), »ist also nur Ausdruck des geschichtlich bestimmten Produktionsverhältnisses«. In welcher Weise sich die Verteilung ändern kann, wird in der »Kritik des Gothaer Programms« nur angerissen. In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, die nicht mehr die Muttermale der alten Gesellschaft enthalte, könne die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.« (MEW 19, S. 21)

Arbeitsteilung und Teilarbeiter

Die Arbeit, so Marx weiter, ist in der »höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft« nicht mehr nur »Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden«. Die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit sei verschwunden, ebenso der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit. Die »Befreiung der Arbeit« hat hier keineswegs utopischen Charakter. Diese Befreiung der Arbeit a) vom bloßen Erwerbscharakter, b) von der Unterordnung unter die Arbeitsteilung und c) vom Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit sei vielmehr schon als Möglichkeit in der fortentwickelten kapitalistischen Produktionsweise, in der großen Fabrik und ihrer Maschinerie enthalten. Allerdings sei die kapitalistische Anwendung der Maschinerie mit scheußlichen Auswirkungen für die Arbeiter verbunden: Tendenzen zur Verlängerung der Arbeitszeit, Reduktion des Menschen auf öde Teilfunktionen, Arbeitslosigkeit, Unsicherheit. »Die Maschine wird missbraucht«, so Marx im »Kapital« (MEW 23, S. 445), »um den Arbeiter selbst von Kindesbeinen in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln«. Durch eine andere Anwendungsweise der Maschine sei dies Elend vermeidbar. »Da die Gesamtbewegung der Fabrik nicht vom Arbeiter ausgeht, sondern von der Maschine, kann fortwährender Personenwechsel stattfinden ohne Unterbrechung des Arbeitsprozesses.« (MEW 23, S. 443 f.) Eine effiziente Produktion wird möglich, ohne den Produzenten dauerhaft durch einseitige Produktionstätigkeit zu ruinieren. Das verkümmerte Teilindividuum kann »durch das total entwickelte Individuum (ersetzt werden), für welches verschiedene gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind« (MEW 23, S. 512).

Mit der Befreiung der Arbeit als Möglichkeit, hatte Marx sich schon in den Pariser Manuskripten von 1844 und ebenso in der »Deutschen Ideologie« (1845/46) beschäftigt. Alle bisherigen Revolutionen, heißt es dort, hätten die »Art der Tätigkeit stets unangetastet« gelassen, »während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet« (MEW 3, S. 69 f.).

Möglichkeit und Notwendigkeit

Die Möglichkeit der Revolution, d. h. die Möglichkeit einer Umwälzung in Richtung einer assoziierten, kommunistischen Produktionsweise hat Marx im »Kapital« systematisch entwickelt. Hier weist er nach, dass die heutige warenproduzierende Arbeit eine historisch besondere Art gesellschaftlicher Produktion ist. Dieser eigentümliche gesellschaftliche Charakter der Arbeit kann beseitigt werden. Ebenso kann die darauf beruhende Warenform beseitigt werden. Gleiches gilt für die Geld- und die Kapitalform. Die Arbeitsweise selbst ist veränderbar. Eine grundlegend andere Welt ohne Warenform, ohne Geld, ohne Kapital und auch ohne die »knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit« ist möglich.

Marx hat nicht nur einen neuen Horizont für das Mögliche eröffnet. Er hat auch herausgefunden, warum die kapitalistische Entwicklung mehr und mehr in Richtung Revolution drängt. Die Triebkraft dazu sah er nicht im bloßen Willen, nicht im menschlichen Drang nach Gerechtigkeit. Die wirklichen Verhältnisse sind es, die den revolutionären Willen treiben. Die Notwendigkeit der Revolution hat Marx ganz allgemein mit dem wachsenden Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen in Verbindung gebracht. Manche haben ein solches Verhältnis rein technisch uminterpretiert. Eine solche Interpretation blendet aber die jeweils herrschenden historisch-spezifischen Verhältnisse aus, und lässt außen vor, dass der Widerspruch zwischen Produktivkräften und kapitalistischen Produktionsverhältnissen ohne den Klassenwiderspruch nicht gedacht werden kann.

Im dritten Abschnitt des ersten Bandes des »Kapitals« hat Marx die Produktion des »absoluten Mehrwerts«, im vierten die des »relativen Mehrwerts« behandelt. Das Kapital, so die Marxsche Kernthese, versucht ständig, die Arbeitszeit zu verlängern, die Intensität der Arbeit zu steigern und die Löhne zu drücken. Es verschlechtert die Arbeits- und damit die Lebensbedingungen, um Kosten zu sparen. Das Kapitalverhältnis erweitert sich: Mehr Kapital auf dem einen Pol, mehr Lohnarbeiter auf dem anderen. Letztere unterliegen denselben Bedingungen, durch die sie in den gleichen feindlichen Gegensatz zum Kapital gestellt sind.

Mit dem wachsenden Heer von Lohnabhängigen wächst die Masse des Elends, das aus der Lohnabhängigkeit hervorgeht. Ebenso wächst der Druck, verschärfen sich Knechtschaft und Ausbeutung. Marx fügt hinzu: Es wächst ebenso »die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse« (MEW 23, S. 790 f.). Aus dieser Empörung erhalten die Kräfte, die in Richtung Revolution drängen, Zulauf.

Das Kapital kann nicht anders, als die Produktivkräfte zusammen mit der Akkumulation zu steigern. Beides führt zu Ballungszentren: Städte, Industrie-, Dienstleistungs- und Verwaltungszentren mit großen Wirtschaftseinheiten entstehen. Das Heer der Lohnabhängigen wird in größeren Massen zusammengedrängt. Dies befördert ihre Kommunikation, ihren Zusammenschluss und ihre Kampfkraft.

Konzentration und Zentralisation

Akkumulation und neue gesellschaftliche Produktivkräfte stärken die Großproduktion. Konzentration und Zentralisation, Großbetriebe, Großprojekte, Kooperation in immer größerem Maßstab sind die Konsequenz. Das kapitalistische Privateigentum mit seinen beschränkten Planungs- und Organisationsmöglichkeiten wird zur Fessel. Marx schreibt resümierend im »Kapital«: »Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert«. (MEW 23, S. 791)

Bevor allerdings die »Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt«, wird die Fessel durch die Entwicklung des Kreditsystems ein wenig gelockert. An die Stelle des kapitalistischen Einzeleigentums tritt mehr und mehr das Gesellschaftskapital: Die Aktiengesellschaft (Kapital der direkt assoziierten Individuen, der Aktionäre) ist die eine Form, der aus vielen Geldanlagen bestehende Kredit ist die andere.

Die Produktionsmittel sind nun kein individuelles Eigentum mehr, sondern bereits gesellschaftliches. Marx nannte dies im dritten Band des »Kapitals« eine »Aufhebung der kapitalistischen Privatindustrie auf Grundlage des kapitalistischen Systems« (MEW 25, S. 454). Der Sprung hin zum gemeinschaftlichen Eigentum der Produzenten wird kleiner, da die gesellschaftliche Form des Eigentums bereits besteht. Der gesellschaftlichen Form muss nur der Kapitalcharakter genommen werden. Marx betrachtete die kapitalistischen Aktienunternehmen deshalb als »Übergangsformen aus der kapitalistischen Produktionsweise in die assoziierte« (MEW 25, S. 456).

Genossenschaften waren für Marx so etwas wie das Wetterleuchten einer neuen Produktionsweise. Sie lieferten den Beweis, dass der Kapitalist als Funktionär der Produktion gar nicht mehr nötig sei. »Sie zeigen, wie naturgemäß aus einer Produktionsweise sich eine neue Produktionsweise entwickelt und herausbildet«. Marx bezeichnete die Kooperativfabriken als »Übergangsformen«. Allerdings verblieben sie innerhalb der alten Form und wären nur »das erste Durchbrechen der alten Form«. Alle Mängel des bestehenden Systems würden sich notwendig reproduzieren. Die Arbeiter hätten den Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital nur in der Form aufgehoben, »dass die Arbeiter als Assoziation ihr eigener Kapitalist sind, d. h. die Produktionsmittel zur Verwertung ihrer eigenen Arbeit verwenden« (MEW 25, S. 456). Eine grundlegende Umwälzung ginge von solchen Assoziationen somit nicht aus.

Zyklische Krisen

Im »Kommunistischen Manifest« wird die Krise als Sargnagel der bürgerlichen Verhältnisse herausgestellt: Sie würde »immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen« (MEW 4, S. 467 f.). Das später im »Kapital« entwickelte Gesetz vom Fall der Profitrate sollte beweisen, dass die krisenhaften Erschütterungen tendenziell zunehmen. Aus der gescheiterten Revolution von 1848 hatte Marx folgende Lehre gezogen: »Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.« (MEW 7, S. 440) Denn bei der allgemeinen Prosperität, die 1850 herrschte, könne von einer wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche sei nur in den Perioden möglich, in denen die modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen miteinander in Widerspruch gerieten.

Für Marx ist die Krise die Phase, in der sich der Widerspruch zuspitzt und gewaltsam gelöst werden muss. Die normal-kapitalistische Lösung besteht in der massenhaften Zerstörung von Produktivkräften und Produkten. Weitere Produktivkräfte werden stillgelegt. Massenarbeitslosigkeit und wachsendes Elend sind die Folgen.

Die Überproduktion zeigt den Widersinn des Systems: Armut, gelegentlich Hungersnot inmitten des Reichtums. Manchmal verliert die kapitalistische Gesellschaft die Fähigkeit, ihren Lohnabhängigen die Existenz zu sichern. Schon um ihre Not zu lindern, müssen sie sich ihre Produktionsinstrumente aneignen, um die Produktion fortzusetzen. Die Eigentumsfrage wird für sie zur Lebensfrage. Diese Zuspitzung aller Widersprüche und Gegensätze drängt zu einer sozialistischen Lösung der Krise.

Marx unterschied zwischen dem »einstweiligen Ziel« des Proletariats und dem geschichtlich notwendigen Ziel. Wenn die Lohnabhängigen einstweilen andere Ziele verfolgten, dann läge das an den Verhältnissen, aus denen Mystifikationen, d. h. Verblendungszusammenhänge hervorgingen. Beispielsweise erscheine die Arbeit als bezahlt, und die Warenform verneble den Ausbeutungszusammenhang. Diese Verzauberung der Welt hat jedoch Grenzen: In der Krise platzen viele Träume, die aus der verzauberten Welt des Konjunkturaufschwungs hervorgehen.

Ein anderer Aspekt der Marxschen Mystifikationstheorie: Im Arbeitsprozess zeigen sich die Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse unmittelbar, gelegentlich in brutalsten Formen: Demütigungen, Zwang, Entbehrungen, Entfremdung und der Kampf um die Mehrwertrate haben besondere Bedeutung. Schließlich ein dritter Aspekt: Im Kampf, den die Lohnabhängigen führen müssen, gewinnen sie wertvolle Erkenntnisse. Das Bewusstsein verändert sich. Marx und Engels haben diesen Punkt hervorgehoben, als sie auf die bewusstseinsbildende Kraft revolutionärer Tätigkeit verwiesen: Die Revolution sei nicht nur nötig, schrieben sie in der »Deutschen Ideologie«, »weil die herrschende Klasse auf keine andere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen« (MEW 3, S. 70).

Anmerkungen:

1 Ingo Elbe: »Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft« Revolutionstheorie und ihre Kritik bei Marx, http://t1p.de/rde8

2 Rolf Peter Sieferle: Die Revolution in der Theorie von Karl Marx, Berlin 1979, S. 11

Guenther Sandleben schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. Mai 2018 über Marx’ Krisentheorie: Krise und Revolution

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Debatte

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  • Beitrag von Klaus D. aus D. (23. Juni 2018 um 15:41 Uhr)

    Was nützt die schlauste Revolutionstheorie, wenn sie in der Praxis versagt? Nichts!, hätte Marx geantwortet. Zu fragen ist also, warum bestimmte Teile seiner eigenen Theorie versagt haben. Dazu habe ich Folgendes geschrieben: "Marx hat ... die Überlebenskünste der Kapitalisten unterschätzt, zumal er nicht erkannte, in welchem Maße der im 19. Jahrhundert voll durchschlagende Kolonialismus-Imperialismus dazu beitragen würde, den Zusammenbruch des kapitalistischen Welt-Systems zu verhindern. Nicht vorhersehen konnte er daher den Hauptgrund für das Versagen seiner Theorie des ständig sich verschärfenden Klassenkampfes: Das Erstarken einer immer breiter werdenden Mittelschicht ...

    In seiner Imperialismus-Theorie hat Lenin (1870-1924) daraus nur teilweise die richtigen Schlüsse gezogen. Zwar war das zaristische Russland seiner Zeit eines der schwächsten Glieder in der Kette der imperialistischen Staaten, so dass Lenin wohl zu Recht annahm, Russland sei reif für eine anti-imperialistische und zugleich anti-kapitalistische Revolution im Marxschen Sinne.

    Die "Diktatur des Proletariats" hatte Marx allerdings keineswegs als einzige Möglichkeit der Machtübernahme empfohlen; als Alternative ließ er durchaus auch den Parlamentarismus gelten. Lenin aber wählte unerbittlich die Diktatur und stellte damit die Weichen für die folgenschweren Fehlentwicklungen, die mit der eigenen terroristischen Willkür begannen und in Stalins bürokratischem Terrorismus des "Sozialismus in einem Land" ihre noch weitaus grausamere Fortsetzung fanden. - Der Rest ist bekannt: Diktatur ü b e r das Proletariat, fortschreitende Bürokratisierung, Staatskapitalismus, nicht dauerhaft konkurrenzfähige Planwirtschaft usw. - Auch der Untergang des Sowjetsystems nach 1989 kann als Folge dieser Fehlentwicklungen erklärt werden.

    Dennoch bleibt die Frage, ob die Marxsche Lehre damit ebenfalls völlig diskreditiert ist. Wohl kaum! Denn nach wie vor gültig bleibt u.a. das Ziel einer "freien Assoziation freier Individuen". Größtenteils gültig bleiben auch Marxens Analysen des globalisierten Kapitalismus und seine Theorie der Entfremdung ." (aus: K. Robra: Wege zum Sinn, Hamburg, tredition-Verlag, 2015, S. 278 f. Meine Alternative, die eines Demokratischen Öko-Sozialismus, habe ich dargelegt in: K. R.: Person und Materie. Vom Pragmatismus zum Demokratischen Öko-Sozialismus. München 2017, GRIN-Verlag, dort online nachzulesen.)

    Mit solidarischen Grüßen

    Dr. Klaus Robra

    Erftstr. 12

    40219 Düsseldorf

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