Aus: Ausgabe vom 15.06.2018, Seite 15 / Feminismus

Aufruhr im Biblebelt

Annaberg-Buchholz: »Lebensschützer« veranstalten Schweigemarsch. Vielfältiger feministischer Protest geplant

Von Andreas Siegmund-Schultze
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Wie hier in Berlin vergangenen September, so wollen Feministinnen am Sonnabend auch in Annaberg-Buchholz für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und gegen einen Aufmarsch von »Lebensschützern« auf die Straße gehen

Als »sächsischer Biblebelt« (»Bibelgürtel«) wird die Region, die sich vom Erzgebirge bis nach Dresden erstreckt, häufiger bezeichnet. Wie in einigen Südstaaten der USA sind Evangelikale und andere christlich-fundamentalistische Gruppen hier tief verwurzelt, kirchliche Institutionen verfügen über erheblichen gesellschaftlichen Einfluss. So auch in der Kreisstadt Annaberg-Buchholz. Seit 2007 wird dort alljährlich ein »Schweigemarsch für das Leben« abgehalten, zu dem bundesweit mobilisiert wird. Seit 2016 wird er vom Verein »Lebensrecht Sachsen e. V.« angemeldet und veranstaltet. Am Sonnabend ist es wieder soweit.

Schwangerschaftsabbrüche darf es in den Augen dieser selbsternannten Lebensschützer nicht geben. Ob dies auch nach Vergewaltigung oder bei Gefahr für die Gesundheit der Frauen gelte, wollte jW von Thomas Schneider, Vorsitzender von »Lebensrecht Sachsen e. V.«, wissen. Seine Antwort: »Abtreibung ist immer Tötung eines Menschen. (...) Gott verurteilt eine Frau nicht, die ihr Kind im Mutterleib töten ließ, sondern spricht ihr, wenn sie bereut und umkehrt, durch den Glauben an Jesus Christus Vergebung zu.« Dagegen erklärte Sigrid Winkler-Schwarz vom Diakonischen Werk der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen gegenüber jW, es könnten »unvorhersehbare Konfliktsituationen eintreten«, wodurch Betroffene »in eine derart ausweglose Situation geraten, dass sie für sich keinen anderen Weg sehen, als die Schwangerschaft abzubrechen«. Darum habe sich die Evangelische Kirche entschieden, »Frauen und Paare in der Lebenskrise eines Schwangerschaftskonflikts nicht allein zu lassen«. Doch die Unterstützung für die »Lebensschutz«-Bewegung ist in Sachsen immens. Sie kommt auch vom Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche, Carsten Rentzing. Zudem wirbt die evangelische Kirchengemeinde Annaberg-Buchholz für die Teilnahme am Schweigemarsch.

Das queerfeministische Bündnis »Pro Choice Sachsen« will dem nicht tatenlos zusehen und ruft deshalb für den Sonnabend in der Stadt zu einer Kundgebung für reproduktive Rechte und die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen auf (14 Uhr, Fleischerplatz). Geboten wird zudem ein ganztägiges Straßenfest (ab 10.30 Uhr, Fleischerplatz). Seit 2014 organisiert das Bündnis Proteste gegen den Schweigemarsch. Im vergangenen Jahr beteiligten sich rund 350 Menschen an den Aktionen, zum Event der Abtreibungsgegner kamen 500. Weil die Veranstaltungen in diesem Jahr erstmals an einem Sonnabend stattfinden, hofft man auf viel Unterstützung von außerhalb für die Aktionen unter dem Motto »Leben schützen. Abtreibung legalisieren«. Busse kommen beispielsweise aus Berlin, Chemnitz, Dresden, Jena, Erfurt, Halle und Leipzig. Wie Mona Naumann von Pro Choice Sachsen Ende vergangener Woche gegenüber dem freien Radio Corax berichtete, bekämpfen Evangelikale im Freistaat »alles außerhalb des konservativen Familienbilds«. Ihre Propaganda richte sich auch gegen Sterbehilfe, gegen Homo- und Transsexualität.

Anmelderin der Demo gegen den Schweigemarsch für Pro Choice Sachsen ist Sarah Buddeberg, Sprecherin für Gleichstellungs- und Queerpolitik der Linksfraktion im sächsischen Landtag. Sie begrüßte im Gespräch mit jW, dass das Bündnis »Diskussionen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern« der Stadt anregen will, auch um »sogenannten Lebensschützern das Wasser abzugraben«.

Bis 2015 war noch die CDU-Arbeitsgemeinschaft »Christdemokraten für das Leben« Ausrichterin des antifeministischen Aufzugs gewesen. Durch den Veranstalterwechsel fühlen sich offenbar zunehmend Mitglieder von Freikirchen und der AfD, aber auch Neonazis stärker angesprochen, wie die Schweigemärsche der letzten beiden Jahre gezeigt haben. Startpunkt für den Aufmarsch ist das Erzgebirgsklinikum, dort werden auch Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen.

schweigemarsch-stoppen.de


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