Aus: Ausgabe vom 15.06.2018, Seite 11 / Feuilleton

Vom einverstandenen Loslassen

Charly Hübner, Rocko Schamoni und Gustav Mahlers 9. Sinfonie: Wie das Hamburger »Ensemble Resonanz« Abschied von einem Dirigenten nahm

Von Stefan Siegert
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»Auf die Nanosekunde zusammen«: »Artist in residence« Emilio Pomàrico vor dem Ensemble

Auf tief beeindruckende Weise endete am vergangenen Dienstag im vollbesetzten großen Saal der Hamburger Laeisz­halle die zweijährige Residenz des Komponisten und Dirigenten Emilio Pomàrico beim »Ensemble Resonanz«. Das Residenzorchester des kleinen Saals der Elbphilharmonie hatte mit Gustav Mahlers dito im Zeichen des Abschieds stehender, monumental progressiver 9. Sinfonie – in einer vom Freiburger Komponisten und Pianisten Klaus Simon arrangierten Fassung für Kammerensemble – etwas ganz Besonderes einstudiert.

Charly Hübner und Rocko Schamoni hatten das Ganze eine Woche zuvor auf der Bühne des ensembleeigenen »Resonanzraums« im Feldstraßenbunker auf ihre Art vorbereitet. Hübner, elternseitig fürs Leben schwerpunktmäßig mit Schlagern ausgerüstet, war früh zu Metal gewechselt und kam zur eigenen Verblüffung irgendwann eher zufällig darauf, dass die Musik Mahlers »im Prinzip und von der Intensität her für mich« dem entsprach, was die Black-Metal-Bands so von sich geben. Mahlers »krasse Trompeten und Posaunen« ersetzten ihm die E-Gitarren vollauf. Er war zunächst speziell von der 5. Sinfonie begeistert.

Das Publikum im Bunker stellte erstaunt fest, dass mit Hübner ein mit den Lebens- und Sterbeumständen, den Briefen und der Musik Mahlers inzwischen bestens Vertrauter auf der Bühne saß. Anhand einiger Einspielungen seines bevorzugten Mahler-Dirigenten Klaus Tennstedt stellten die beiden Künstler, die sich als Schauspieler in der Inszenierung von »Der goldene Handschuh« am Hamburger Schauspielhaus nähergekommen waren, erstaunliche Gemeinsamkeiten in Wirkung und Deutung dieser Musik fest. Hübner gab Briefe Mahlers zum besten und las, sichtlich beeindruckt von dessen Sprachmacht, aus Theodor W. Adornos Mahler-Monographie. Schamo­ni hatte eine von ihm geschätzte, Mahlers Sinfonie aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen an die Seite gestellte Aufnahme Arvo Pärts dabei. Auch er gut im Bild. Nicht nur Mahlers Liebesschmerzen, verursacht durch die umtriebige Gattin, waren ihm geläufig, auch die Hämorrhoiden des Meisters, an denen der fast verblutet wäre. Der dritte Satz, gestand er, hätte ihn schlicht umgehauen. Bis zu 30mal müsse er so etwas hören, um es zu begreifen. Popmusik beschränke sich auf nur ein Thema. Mahler dagegen balge sich zu gleicher Zeit mit 50 herum – »auf Highspeed«.

Keine Ahnung, ob der in der Laeisz­halle dann ebenfalls anwesende Hübner das Werk auch in der mit sechs ersten Geigen und absteigend bis zu zwei Kontrabässen, mit zwei statt vier Hörnern, ansonsten mit nur je einem weiteren Blasinstrument, einem Schlagzeug sowie Klavier und Harmonium ausgestatteten Minibesetzung goutierte. Das Ohr musste sich zunächst eine Weile an die Klangverhältnisse gewöhnen, namentlich an die Dominanz des ersten Horns. Dem ersten Satz fehlte überdies – bei einem derart sparsamen Aufwand kein Wunder – die Räumlichkeit. Den Mangel machte das Ensemble durch seine Dynamik wett. Nah und fern, verkleidet als Gegenwart und Vergangenheit, Moment und Erinnerung, Verwirrung und Kontemplation sind als laut und leise zentrale Kategorien dieser Sinfonie.

So treten in der Kammerversion in den collageartig immer wieder durch die kontrapunktischen Orchestergewitter wehenden Fetzen von Melodien, Idyllen und Paraphrasen des Banalen fast alle Instrumente auch solistisch hervor. Ein sozusagen gefundenes Fressen fürs Ensemble Resonanz, es besteht aus lauter Solisten.

Mahler wie unter der Lupe. Abgespeckt. Der Blick auf Nerven, Muskeln, Gelenke und Knochengerüst dieser sonst überaus schwierig zu durchdringenden Musik lag frei. Deutlicher als gewohnt hörte man durchgehend das Bauprinzip des Zerfalls. Was Beethoven am Anfang des Jahrhunderts auf den Gipfel führte – in einer katastrophischen, die Zukunft öffnenden Schöpfung ließ Mahler es hinter sich.

Das den ersten Satz stabilisierende absteigende Sekundintervall dient als Ausgangspunkt aller möglichen Melodieversuche. »Leb’ wohl«, schrieb der Komponist ins Manuskript, was seine 9. für die Exegeten (Charly Hübner inklusive) ein für allemal in den Zusammenhang von Abschied und Tod rückte. Aber Alban Berg, der die 9. zusammen mit der Schönberg-Schule als erstes Werk der »neun Musik« begrüßte, hatte recht: Aus dem ersten und letzten Satz spricht – am Anfang frenetische, am Ende vom einverstandenen Loslassen beseelte – pure Daseinsfreude. Nur steigt aus dem Überschaum der Lebenslust bei Mahler unvermeidlich das Gift der Angst vorm Lebens- und Weltende empor. Eine Angst, von der man 1909/10 im Sinn der in Thomas Manns »Zauberberg« beschriebenen Stimmung hilflosen Auf-den-Krieg-Zutreibens annehmen darf, dass sie auch bei Mahler ahnungsvoll übers Individuelle hinausging.

So ist süß – und immer bedroht – in dieser Musik nur die Erinnerung, auch sie bald von Dissonanzen unterminiert, bald von Parodien ästhetisch genussvoll verspottet. Die beiden Binnensätze kontrastieren in greller Polyphonie, bizarrem Kontrapunkt. Die herzige Folklore der Ländler klingt schnell nach Herzschrittmacher, ins Tümelnde des heimatlich unverletzten Dreiertakts mischt sich Fabriklärm – Musik, um die AfD zu vertreiben.

In der Rondo-Burleske des dritten Satzes meint man, ständig Fugato zu hören, ohne da jemals sicher zu sein. Überall Variationen wie Zellteilung, filigran-blitzartige Verarbeitung jagender Bruchteile. In Passagen der Burleske spielt fast jede und jeder etwas anderes. Pomàrico und das Ensemble waren trotzdem auf die Nanosekunde zusammen.

Im letzten Satz, dem vielleicht schönsten aller Mahler-Adagios, verweigerte der scheidende Dirigent Pomàrico den gern genommenen Ennio-Morricone-Moment. Für die Szene in »Spiel mir das Lied vom Tod«, in der Jill (Claudia Cardinale) am Bahnhof eintrifft und die Musik sich mit der nach oben über die weite Landschaft fahrenden Kamera öffnet, wurde Mahler auf für Sergio Leone wunderbare Weise beklaut. Am Dienstag in der Laeiszhalle spürten die Leute: Musik ist kein Gefühlsteaser für ein in Ermanglung des richtigen Lebens nach großem Kino dürstendes Publikum. Sie ist tönende, von jeder und jedem anders erlebte Form. Erst ganz am Ende im gefühlt ein siebenfaches Pianissimo erreichenden Verklingen berührte sie das pulsierende Herz. Wir waren wie benommen. Der Beifall brauchte lange, bis er brandete.

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