Aus: Ausgabe vom 14.06.2018, Seite 15 / Medien

Was bleibt?

Tageszeitung Neues Deutschland in Existenznöten

Von Denis Gabriel
47274173.jpg
Ungewisse Zukunft für das Neue Deutschland: Redaktionssitz des Blattes in Berlin

Der Niedergang der überregionalen Tageszeitungen in Deutschland scheint unaufhaltsam. Im Schnitt sind ihre Aboauflagen seit 1998 um etwa die Hälfte gesunken, der Kioskverkauf sogar noch stärker. Am schlimmsten trifft es das Neue Deutschland (ND): Vom ursprünglichen Vollabobestand sind 34 Prozent und von den Einzelverkäufen (Montag bis Freitag) gerade mal elf Prozent übriggeblieben (Vergleich 1. Quartal 1998 und 2018). Warum trifft es aber gerade diese Zeitung so hart, obwohl ihr Verlag typische Branchenfehler (maßlose Preiserhöhungen, Ausdünnen der Redaktion, verstärkte Belieferung der Leser mit Meldungen von Agenturen und Zentralredaktionen) nicht mitgemacht hat?

Das Neue Deutschland ist wie andere Zeitungen auch von veränderten Lesegewohnheiten betroffen. Immer weniger kaufen sich eine Zeitung am Kiosk. Junge Leute sind es nicht mehr gewohnt, dass morgens eine Abozeitung auf dem Tisch liegt. Dafür werden Informationen verstärkt aus dem Internet abgerufen. Darauf reagiert der ND-Verlag mit ambitionierten Anstrengungen für ein attraktives digitales Angebot. Wie bei anderen Verlagen besteht das Problem allerdings darin, wie man Nutzer dazu bewegen kann, dafür auch etwas zu bezahlen. Beim ND verschärfen zusätzliche Faktoren die Situation. Da ist vor allem das überdurchschnittlich hohe Alter der Printabonnenten zu nennen: Der heute noch vorhandene Bestand an bezahlten Printabos ist selbst bei größten Anstrengungen nicht zu halten. Ein schickes Onlineangebot, für das nur wenige zahlen, kann die sinkenden Einnahmen nicht ausgleichen. Um kostendeckend über die Runden zu kommen, muss der ND-Verlag mindestens 900.000 Euro erwirtschaften – jeden Monat. Wer aber zahlt, wenn die Einnahmen nicht mehr ausreichen?

Das Neue Deutschland versteht sich als parteiunabhängige, linkspluralistische Zeitung. Trotzdem gehört der herausgebende Verlag zwei Unternehmen aus dem direkten Umfeld der Partei Die Linke zu jeweils 50 Prozent: Der Fevac (Föderative Verlags-, Consulting- und Handelsgesellschaft mbH), die treuhänderisch für die Partei als Vermögensverwalter agiert, und der Communio Beteiligungsgenossenschaft e. G., einer nicht offenen Kleingenossenschaft. Beide haben schon in der Vergangenheit in kritischen Situationen ausgeholfen.

Die ND-Gesellschafterversammlung vom 12. September 2017 stellte fest, dass in naher Zukunft die laufenden Kosten der Zeitung in der bestehenden Form nicht mehr erwirtschaftet werden könnten. Die Gesellschafter beauftragten ND-Geschäftsführer Olaf Koppe und Chefredakteur Tom Strohschneider, bis Anfang November 2017 Vorschläge für den Erhalt des Unternehmens zu unterbreiten. Am 17. November teilte Strohschneider mit, dass er das Blatt zum Jahresende auf eigenen Wunsch verlassen werde. Kurze Zeit später war Olaf Koppe aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Geschäftsführer des ND, seine Funktion übernahm Matthias Schindler, Geschäftsführer der Communio.

Laut offizieller IVW-Statistik (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V.) ist im ersten Quartal 2018 der Bestand an Printvollabos des ND auf 20.211 gesunken, der Verkauf der E-Paper stagniert bei 1.487 Abonnements, bundesweit werden täglich von Montag bis Freitag 741 ND-Exemplare im Einzelhandel nachgefragt. Der Betrieb einer Tageszeitung mit etwa 100 Beschäftigten kann ökonomisch unter diesen Bedingungen auf Dauer nicht aufrechterhalten werden. In der Belegschaft gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, wie mit der Situation umzugehen ist. Eine Gruppe von Verdi-Mitgliedern besuchte am vergangenen Wochenende den Parteitag der Linken in Leipzig und forderte von den Delegierten Unterstützung für einen »Zukunftssicherungstarifvertrag« für den ND-Verlag: Keine betriebsbedingten Kündigungen in den nächsten fünf Jahren, Entfristung aller jetzt befristeten Beschäftigten, unbefristete Übernahme aller Volontäre, keine Kürzung der Gehälter, jährliche Gehaltserhöhung (mindestens Inflationsausgleich), Nachbesetzung aller Stellen, wird da unter anderem gefordert. Um das finanzieren zu können, werden von den Gesellschaftern weitere Investitionen in den nächsten fünf Jahren verlangt. Auf welcher inhaltlichen Grundlage, nach welchem ökonomischen Konzept dies erfolgen soll, bleibt offen.

Neues Deutschland und junge Welt sind die einzigen Tageszeitungen in Deutschland, die sich bewusst auf ihre DDR-Herkunft berufen und nach der Konterrevolution nicht in die Hände von großen Westverlagen gefallen sind. Schon deshalb wäre es wichtig, für das Neue Deutschland eine Perspektive als linke Zeitung zu finden.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Debatte

Artikel empfehlen:

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (14. Juni 2018 um 07:46 Uhr)

    Als völliger Laie auf diesem Terrain drängt sich mir trotzdem die naive Frage auf: Könnte man nicht irgendwelche Formen wirtschaftlicher-, ablauftechnischer- oder vertriebsorientierter Zusammenarbeit linker "notleidender" Medien mit dem Ziel von Kostensenkungen anstreben und organisieren? (natürlich ohne die jeweilige politische Ausrichtung zu vermischen oder gar Personal abzubauen)

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernhard May, Solingen: Noch viele Jahre Ich sehe die elektronischen Formen eher als – zudem unausgereifte – Ergänzung des gedruckten Worts und behaupte, dass a) in der IT-Form bestimmte Kulturen, wie sie dem Brief wie dem Gespräch eigneten,...
  • Gerhard Ulbrich: Lügen aufdecken Diese Entwicklung haben sich die Redakteure und Geschäftsführer selbst zuzuschreiben. Das ND ist leider nicht das, was drauf steht: »Sozialistische Tageszeitung «, sondern, wie hier richtig gesagt, e...
  • Johannes Bertl: Warum die Aufregung ? Warum die Aufregung und Sorge um das Neue Deutschland? Die junge Welt hat doch in den letzten Monaten ohnehin fast alle ihrer Prinzipien (die sie bis dahin zur wichtigsten Tageszeitung im ganzen deuts...
Mehr aus: Medien