Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 12 / Thema

Zwischen Putsch und Guerilla

Die türkische 68er-Bewegung kämpfte für Unabhängigkeit und Sozialismus. Eine ihrer Schwächen war ihr Glaube an das revolutionäre Potential der Armee

Von Nick Brauns
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Auf den Aufschwung der Studentenbewegung reagierte der türkische Staat ab der zweiten Hälfte des Jahres 1968 immer stärker mit Gewalt. Faschisten attackierten mit Duldung der Polizei Demonstrationen – Angriff auf eine linke Kundgebung in Ankara (14.4.1969)

Am 27. Mai 1960 beendete ein Militärputsch die zehnjährige Herrschaft der konservativen Demokratischen Partei in der Türkei. Die jungen Offiziere verstanden ihren Erhebung als Akt der Verteidigung des kemalistischen Erbes der Republik gegen die undemokratischen Praktiken der Regierung von Adnan Menderes, die einseitig die Großgrundbesitzer und religiöse Netzwerke gefördert hatte. Die Junta ließ Menderes hinrichten und eine neue liberale Verfassung ausarbeiten. Erstmals waren in der Türkei demokratische ebenso wie soziale Rechte einschließlich des Rechts auf Arbeit garantiert. Damit verbanden die zivile und die militärische kemalistische Bürokratie und die hinter ihr stehenden Kapitalfraktionen die Intention, fortan ihre Pfründe und Privilegien durch die Ausweitung ihrer Herrschaftsbasis auf größere städtische Schichten einschließlich der Arbeiterklasse zu sichern – gegenüber den ländlichen Mehrheiten, auf die sich die durch die Demokratische Partei repräsentierten Fraktionen der herrschenden Klassen gestützt hatten.

Aufschwung der Linken

Für die Linke, die nach dem Verbot der Kommunistischen Partei der Türkei (Türkiye Komünist Partisi, TKP) Mitte der 1920er Jahre zu einem einflusslosen Dasein im Untergrund, in Gefängnissen oder im Exil verdammt war, brach nun eine neue Zeit an. Die Türkei trat in eine zwei Jahrzehnte währende Periode ein, in der fast jede Form des Klassenkampfes von der Fabrikbesetzung bis zum Guerillakampf erprobt wurde. Der Aufschwung der Linken und der Arbeiterbewegung muss vor dem Hintergrund eines sozioökonomischen Wandlungsprozesses gesehen werden, in dem das Vordringen kapitalistischer Produktionsverhältnisse die feudal geprägten Gesellschaftsstrukturen immer stärker untergrub.

Im Februar 1961 gründete ein Dutzend Gewerkschaftsaktivisten aus Istanbul die Arbeiterpartei der Türkei (Türkiye İsci Partisi, TIP). Über deren Wahlwerbung im Radio erreichten erstmals in der Geschichte des Landes sozialistische Ideen die Massen. Ihren Durchbruch erzielte die TIP bei den Parlamentswahlen im Oktober 1965, als sie aus dem Stand heraus mit 270.000 Stimmen – das entsprach drei Prozent – 15 Abgeordnete in das 450köpfige Parlament entsenden konnte. Die Türkei stehe »vor zwei miteinander verknüpften Herausforderungen: dem erneuten Kampf für Unabhängigkeit und dem Aufbau des Sozialismus«, verkündete der Parteivorsitzende Mehmet Ali Aybar auf dem 2. Parteikongress 1966. Trotz ihrer revolutionären Rhetorik setzte die Partei auf eine rein parlamentarische Orientierung. »Heute ein Revolutionär in der Türkei zu sein, bedeutet, die Verfassung zu verteidigen und sie zur Angelegenheit des Volkes zu machen, denn die Verfassung ist ihrer Natur nach revolutionär«, erklärte Aybar.

Studenten aus dem Umfeld der TIP gründeten im Herbst 1965 die »Föderation der Ideenklubs«, die an den großen Universitäten in Ankara, Istanbul, Izmir und Trabzon schnell Zulauf bekam. Standen Mitte der 1960er Jahre noch universitäre Probleme wie eine Erhöhung der Studiengebühren im Mittelpunkt studentischer Proteste, so rückten bald der Antiimperialismus und die wirtschaftliche Unterentwicklung in den Vordergrund. Dabei nutzten Studierende die ihnen durch die Verfassung garantierte Autonomie der Universitäten als sicheren Hort für politische Aktivitäten.

Maßgeblichen Einfluss auf die Studentenbewegung erlangte Mihri Belli, ein Veteran der kommunistischen Bewegung, der in den 1940er Jahren dem Zentralkomitee der illegalen TKP angehört und als Partisan im griechischen Bürgerkrieg (1946–1949) gekämpft hatte. Diese Vergangenheit machte Belli, der in den 1950er Jahren mit der TKP und ihrer Auslandsführung im Leipziger Exil gebrochen hatte, zu einer Autorität unter den linken Studenten. 1966 entwickelte er in der einflussreichen Zeitschrift Yön (Richtung), die linkskemalistische und sozialistische Intellektuelle um die Idee eines »türkischen Sozialismus« als dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus versammelte, das Konzept der Nationaldemokratischen Revolution (Milli Demokratik Devrim, MDD). Im Unterschied zur TIP-Führung sah Belli in der Türkei kein kapitalistisches, sondern ein halbkoloniales und halbfeudales Land, das noch nicht reif für eine sozialistische Revolution sei. Die zentralen Ziele seien daher Erlangung nationaler Unabhängigkeit und Liquidation des Feudalismus. Mit der Forderung, dass die »Schicht der Intellektuellen in Armee und Zivilleben« in Form einer revolutionären Junta die Macht übernehmen sollte, zielten die MDD-Anhänger letztlich auf einen erneuten Militärputsch. Belli bezeichnete sich selbst allerdings nicht als Nationalrevolutionär. »Wir sind Revolutionäre, die eine soziale Revolution durchführen wollen – nicht in der gegenwärtigen Etappe, aber danach. Wir sind proletarische Revolutionäre«.

Militante Praxis

Das MDD-Konzept erlangte unter Jugendlichen und Intellektuellen nicht nur als ideologische Strömung Einfluss, sondern trug in der Studentenbewegung zum Entstehen einer zunehmend militanten Praxis bei – zum Leidwesen der parlamentarisch orientierten TIP-Führung, die auf friedlichen Widerstand drängte und daher an Einfluss innerhalb der Ideenklubs verlor. Insbesondere die Besuche der 6. US-Flotte in Istanbul lösten ab 1967 regelmäßig Proteste aus, bei denen US-Matrosen mit Eiern beworfen und ihnen die Mützen weggerissen wurden. Mit einem Marsch von Istanbul nach Ankara protestierten Schüler und Studenten im November 1967 gegen die Ausweitung privater Schulen. Im April 1968 fanden in Istanbul und Ankara erste Universitätsbesetzungen statt, und es bildeten sich Studentenräte zur Koordination der Proteste. Inspiriert wurden die Besetzer von den in türkischen Medien breit rezipierten Ereignissen des Mai 1968 in Frankreich. Anders als in Westeuropa mussten die Studenten in der Türkei bei der Besetzung der Universitäten keine staatliche Repression befürchten. Denn ihre Proteste genossen die Protektion der Justizbürokratie, die sich als Bewahrerin des Geistes der Verfassung von 1961 verstand. Die bis ins konservative Lager hinein als legitim empfundenen Studentenproteste konnten die Universitätsleitungen in den meisten Fällen tatsächlich zu Reformen bewegen.

Die so deutlich gewordene Verwundbarkeit der Regierung gegenüber einer gutorganisierten sozialen Bewegung ermutigte 1968 auch andere gesellschaftliche Gruppierungen, ihre Forderungen in militanter Weise zu stellen. »Durch Universitätsbesetzungen wurden die Arbeiter ermuntert, die Fabriken zu besetzen«, berichtete Harun Karadeniz, einer der Studentenführer, mit Blick auf die Besetzung der Reifenfabrik Derby. Mit der ersten Aktion dieser Art in der Geschichte der Türkei im Juli 1968 konnte die schon seit Wochen erfolglos streikende Belegschaft ihre Tarifforderungen durchsetzen. In einer Braunkohle­mine im Nordwesten der Türkei führten Bergarbeiter einen Monat lang die Produktion unter Arbeiterkontrolle fort, bis die Militärpolizei einschritt. Die Studenten solidarisierten sich auch mit den im folgenden Jahr stattfindenden Landbesetzungen armer Bauern, die eine Neuverteilung von Staatsland forderten und gegen niedrige Ankaufpreise der Regierung für landwirtschaftliche Produkte sowie den Kreditwucher privater Geldverleiher protestierten. Dass sich Studenten, die einen elitären Status in der Gesellschaft genossen, an ihren Protesten beteiligten, gab den Bauern das Gefühl, über einen größeren Schutz vor Übergriffen der Militärpolizei zu verfügen. Auch in der kemalistischen Republikanischen Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi, CHP) wurden die Zeichen der Zeit verstanden. »Diese Ordnung muss verändert werden. Sie sollte ersetzt werden durch eine andere, unter der ehrliche Leute unter menschlichen Bedingungen leben können«, stellte sich CHP-Generalsekretär Bülent Ecevit hinter die Protestbewegungen der Studenten, Bauern und Arbeiter und gab seiner Partei eine stärker sozialdemokratische Orientierung.

Zur Radikalisierung der Studentenbewegung trugen die Gewalt des Staates und Übergriffe faschistischer Gruppen bei. Nach Protesten gegen den US-Flottenbesuch in Istanbul stürmte die Polizei am 24. Juli 1968 ein Studentenwohnheim. Dabei wurde der Jurastudent Vedat Demircioglu aus einem Fenster gestoßen. Als die 6. US-Flotte Anfang 1969 erneut in Istanbul ankerte, fand am Sonntag, dem 16. Februar, ein Marsch von rund 10.000 Studenten und Arbeitern »gegen Imperialismus und Ausbeutung« statt. Am Beyazit-Turm, wo die Demonstration begann, war zuvor ein Bild des getöteten Studenten Demircioglu aufgehängt worden. Die rechte Presse machte daraus ein »Hissen der kommunistischen Fahne«, der »Verein zur Bekämpfung des Kommunismus« und die kurz zuvor gegründete faschistische Partei der Nationalistischen Bewegung (Milliyetci Hareket Partisi, MHP) riefen dazu auf, die Demonstration anzugreifen. Als die ersten Tausend Menschen den Taksim-Platz im Zentrum Istanbuls erreicht hatten, riegelte die Polizei die Straßen ab, ermöglichte es aber zugleich, den mit Messern, Ketten und Knüppeln bewaffneten Faschisten und Islamisten, die unbewaffneten Demonstranten zu attackieren. Zwei Demonstranten wurden getötet. Für die Studentenbewegung in der Türkei stellten Demircioglus Tod sowie der »blutige Sonntag« vergleichbare Wendepunkte dar, wie für die Außerparlamentarische Opposition in der Bundesrepublik die Erschießung Benno Ohnesorgs durch einen Polizisten am 2. Juni 1967. Gewalt wurde nun als Mittel der Selbstverteidigung sowie als politische Handlungsoption mehr und mehr akzeptiert.

Spaltung und Fraktionierung

Die TIP-Führung ging offen auf Distanz zu den protestierenden Studenten und warnte, es könne aufgrund ihrer Aktivitäten »zum Faschismus kommen«. TIP-Anhänger wurden daraufhin aus der Föderation der Ideenklubs gedrängt, die gänzlich der Dominanz der MDD-Strömung anheimfiel. Auf ihrem 4. Kongress im Oktober 1969 öffnete sich die Vereinigung für Nichtstudierende und benannte sich in »Föderation der revolutionären Jugend der Türkei« (Türkiye Devrimci Genclik Dernekleri Federasyonu, Dev-Genc) um. Erklärtes Ziel der Dev-Genc, die Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Zedong, Fidel Castro und Che Guevara als ideologische Leitfiguren benannte, war »die Entwicklung von Theorie und Praxis im Kampf des Volkes für die nationaldemokratische Revolution und gegen den Imperialismus und die Überreste des Feudalismus«.

Die Wandlung zu einer parteiähnlichen Formation verschärfte die internen ideologischen Auseinandersetzungen, es kam zu zahlreichen Fraktionierungen. Zwischen 1968 und 1971 entstanden so mehr als ein halbes Dutzend neuer sozialistischer Vereinigungen aus der revolutionären Jugendbewegung. Dabei fanden die großen Themen der internationalen sozialistischen Bewegung – vom sowjetisch-chinesischen Konflikt über die Guerillakämpfe in Lateinamerika bis zur Niederschlagung des »Prager Frühlings« ihren Widerhall. Von den »Proletarischen Revolutionären« Bellis spalteten sich 1970 die »Proletarischen Sozialisten« um Dogu Perincek ab, die einem kemalistisch eingefärbten Maoismus huldigten.¹

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Lange Zeit glaubte ein nicht unerheblicher Teil der türkischen 68er, die Armee sei eine Kraft der Modernisierung. Mit dem Militärputsch vom 12. März 1971 zerstoben solche Hoffnungen – bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Militär und Studenten auf dem Campus der Universität in Ankara (5.3.1971)

Zur Fraktionierung kam es ab 1968 auch innerhalb der TIP. Ohne Rücksprache mit der Parteiführung hatte Aybar den sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei verurteilt. Dem Sowjetkommunismus stellte Aybar einen »demokratischen Sozialismus« gegenüber, der Elemente der bürgerlichen Demokratie etwa ein parlamentarisches Mehrparteiensystem enthalten müsse. Andere Vorstandsmitglieder wie die Soziologiedozentin Behice Boran und der Ökonom Sadun Eren bezichtigten Aybar daraufhin des unwissenschaftlichen Populismus. Bei den Parlamentswahlen im Oktober 1969 verlor die TIP 35.000 Stimmen und kam nur noch auf 2,65 Prozent. Aufgrund einer Änderung des Wahlsystems reichte dies gerade einmal für zwei Abgeordnetenmandate. Aybar trat daraufhin als Vorsitzender zurück, sein Nachfolger wurde zunächst der Kurde Mehmet Ali Aslan und auf dem 4. Parteikongress im Oktober 1970 Behice Boran. Die unter dem Einfluss Bellis stehenden »Proletarischen Revolutionäre«, die eine Fraktion innerhalb der TIP gebildet hatten, sahen sich in ihrer Kritik am parlamentarischen Weg zu Sozialismus bestätigt. Die Parteiführung unter Boran reagierte mit einem Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der MDD-Ideologie, was Ende 1970 die faktische Spaltung der Partei bedeutete. Der Verdienst der TIP war es, einige Jahre lang die Schule für eine neue Generation junger Linker gewesen zu sein. Eine echte Verwurzelung in der Arbeiterklasse hatte die Organisation trotz der Herkunft ihrer Gründer aus der Gewerkschaftsbewegung allerdings nie. So profitierte sie auch nicht von der Bildung der klassenkämpferisch orientierten Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften (Türkiye Devrimci İsci Sendikaları Konfederasyonu, DISK), die sich 1967 vom staatsnahen Gewerkschaftsdachverband Türk-Is abgespalten hatte. Dafür erfuhr die Partei, die entgegen der kemalistischen Staatsräson die Existenz einer kurdischen Nation anerkannte, überdurchschnittliche Unterstützung durch kurdische und alevitische Wähler. Die von TIP-Anhängern gegründeten »Revolutionären Kulturvereinigungen des Ostens« wurden zur Keimzelle der späteren kurdischen Nationalbewegung.

Das Jahr 1970 bildete den Höhepunkt der Arbeiterproteste. An offiziellen Ausständen beteiligten sich mehr als 21.000 Fabrikarbeiter, Zehntausende weitere streikten wild. Mindestens zehn Fabriken wurden besetzt. Zudem boykottierten Lehrer, die kein Streikrecht besaßen, den Unterricht. Eine Gesetzesinitiative der konservativen Regierung, die auf ein faktisches Verbot der Gewerkschaftsföderation DISK hinauslief, löste Mitte Juni einen zweitägigen Aufstand von rund 150.000 Arbeitern aus, die weite Teile Istanbuls unter ihre Kontrolle brachten. Die Proteste wurden erst durch die Ausrufung des Kriegsrechts beendet. Das gewerkschaftsfeindliche Gesetz wurde nach einer Verfassungsklage schließlich für ungültig erklärt.

Reaktionäres Militär

Nur eine Minderheit in der sozialistischen Bewegung sah in den Junitagen die Bestätigung für die klassische marxistische Position von der Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt. Die Anführer der studentischen Revolutionäre, die sich an den Arbeiterprotesten beteiligt hatten, nahmen die Errichtung der Militärkontrolle über Istanbul vielmehr als Beleg für die dem Maoismus entlehnte These, dass die Städte vom Land aus befreit werden müssten. Auf dem 5. Kongress der Dev-Genc im September 1970 wurde ein Strategiewechsel hin zum bewaffneten Volkskampf beschlossen. Es gehört zur Tragik der türkischen Linken, dass deren studentische Avantgarde sich just in dem Moment der Bildung von Guerillaorganisationen zuwandte, als das Proletariat erstmals als eigenständige Kraft die politische Bühne betrat.

Als der Generalstab am 12. März 1971 per Memorandum den Rücktritt der konservativen Regierung von Süleyman Demirel erzwang, applaudierte fast die gesamte Linke einschließlich des Gewerkschaftsbundes DISK. Die linken Illusionen in das »revolutionäre Potential« der Armee wurden innerhalb weniger Tage zerstört: Dev-Genc und die Lehrergewerkschaft TÖS wurden verboten, 10.000 Gewerkschafter, Studenten und sozialistische Intellektuelle festgenommen, viele gefoltert, das Streikrecht wurde ausgehebelt. Im Juli wurde die TIP vom Verfassungsgericht verboten, und ihre Vorstandsmitglieder wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. »Die soziale Bewusstwerdung hatte die Möglichkeit unserer Ökonomie überschritten«, rechtfertigte einer der Putschgeneräle Semih Sancar später das Eingreifen des Militärs. Die Linken, die der kemalistischen Legende von der türkischen Armee als klassenneutraler Kraft des Volkes aufgesessen waren, hatten ignoriert, dass das Offizierskorps durch den 1962 geschaffenen Pensionsfonds der Streitkräfte (OYAK) mit Beteiligungen an zahlreichen Unternehmen selbst zum Teil der herrschenden Klasse geworden war. Statt »kemalistischer Ideale« verteidigten die Generäle kapitalistische Interessen.

Aus der Dev-Genc waren zwei Guerillaorganisationen hervorgegangen, die im Frühjahr 1971 den bewaffneten Kampf für die MDD aufnahmen. Die Aktionen der Volksbefreiungspartei-Front der Türkei (Türkiye Halk Kurtulus Partisi-Cephesi, THKP-C) und der Volksbefreiungsarmee der Türkei (Türkiye Halk Kurtulus Ordusu, THKO) beschränkten sich auf Banküberfälle und Entführungen, um die Revolutionskasse aufzufüllen, sowie einige Anschläge auf US-amerikanische und britische Einrichtungen. Ein THKP-C-Kommando tötete den entführten israelischen Generalkonsul Ephraim Elrom in Istanbul. Die THKO-Militanten Deniz Gezmis, Yusuf Aslan und Hüseyin Inan, die bereits kurz nach dem Putsch in Gefangenschaft geraten waren, wurden zum Tode verurteilt. Um sie freizupressen, entführte ein gemeinsames Kommando von THKO und THKP-C unter Führung von Mahir Cayan drei Techniker einer NATO-Radarstation. Die Guerillagruppe mit ihren Geiseln wurde am 30. März 1972 im Dorf Kizildere in der Provinz Tokat von der Armee umzingelt und kämpfte bis zum letzten Schuss. Nur Ertugrul Kürkcü überlebte die Bombardierung ihres Quartiers.² Am 6. Mai 1972 wurden die Todesurteile gegen Gezmis, Aslan und Inan im Zentralgefängnis von Ankara vollstreckt. Vor seinem Tod am Galgen rief Gezmiş die legendären Worte: »Es lebe die vollkommen unabhängige Türkei! Es lebe der Marxismus-Leninismus! Es lebe der Unabhängigkeitskampf des türkischen und kurdischen Volkes! Nieder mit dem Imperialismus! Es leben die Arbeiter und Bauern!« Ibrahim Kaypakkaya, der Gründer der maoistischen Kommunistischen Partei der Türkei/Marxistisch-Leninistisch (Türkiye Komünist Partisi/Marksist-Leninist, TKP/ML), die ebenfalls den bewaffneten Kampf aufgenommen hatte, wurde am 18. Mai 1973 im Alter von nur 24 Jahren im Gefängnis von Diyarbakir ermordet. Politisch hatte sich der Guerillakampf als Sackgasse erwiesen. Die Studentenbewegung hatte sich durch die Hinwendung zu elitär-avantgardistischen und klandestinen bewaffneten Konzepten von den Massenkämpfen isoliert. Am Ende waren ihre besten und mutigsten Kader tot. Doch im Mythos der 68er-Bewegung wird die kurze Phase des Guerillakampfes bis heute zu einem Höhepunkt des Klassenkampfes verklärt.

Strategie der Spannung

Der Samen, den die 68er-Generation gelegt hatte, ging in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre auf. Die heute als 78er-Generation bekannte Linke in der Türkei wurde zu einer Massenbewegung mit Millionen Anhängern. Doch die in eine Vielzahl verfeindeter Organisationen gespaltene Bewegung erwies sich als unfähig, der von der Armeeführung und den faschistischen Grauen Wölfen mit Massakern und Anschlägen vorangetrieben Strategie der Spannung eine gemeinsame Abwehrstrategie entgegenzusetzen. Mit dem erneuten Militärputsch vom 12. September 1980 wurde die sozialistische Linke weitgehend zerschlagen oder ins Exil getrieben. Doch in den Bergen Kurdistans entzündete die Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkeren Kurdistane, PKK), deren Wurzeln ebenfalls in der Dev-Genc liegen, mit der Aufnahme ihres Guerillakampfes 1984 erneut die Flamme der Revolution.

Anmerkungen:

1 Heute ist Perincek Vorsitzender der ultranationalistischen Vaterlandspartei, die der Erdogan-Regierung »antiimperialistische« Rückendeckung gibt.

2 Kürkcü wurde 2011 erstmals in Parlament gewählt und ist heute ein führender Politiker der linken prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP).

Nick Brauns schrieb an dieser Stelle zuletzt am 23. Februar 2018 über die Gründung der Roten Armee: Gegen die Weißen

Demnächst erscheint im Verlag Die Buchmacherei das von ihm und Murat Cakir herausgegebene Buch »Partisanen einer neuen Welt – Eine Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der Türkei«.


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Globale Revolte Aufstieg und Fall der 68er

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