Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 6 / Ausland

Taktischer Rückzug

Argentiniens Fußballverband sagt nach Drohungen gegen Messi Testspiel gegen Israel in Jerusalem ab

Von Gerrit Hoekman
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Protest gegen Fußballspiel: Demonstration vor der argentinischen Vertretung in Ramallah am 6. Juni

Die israelischen Fußballfans hatten sich riesig auf das Gastspiel der argentinischen Nationalmannschaft gefreut. Einmal Lionel Messi live erleben. Doch die Südamerikaner sagten den für den vergangenen Samstag geplanten Test wenige Tage vorher ab. Der Grund: Der israelische Verband hatte die Partie überraschend von Haifa ins Teddy-Kollek-Stadion nach Jerusalem verlegt.

Der argentinische Fußballverband gab an, es habe nach der Verlegung des Spielorts Drohungen gegen Messi und seine Familie gegeben. Die Absender seien palästinensische Gruppen. Mehr Details wurden nicht genannt. Gleichzeitig fanden in Buenos Aires und vor dem Trainingsgelände der Argentinier in Barcelona propalästinensische Demonstrationen statt. Mit Haifa als Austragungsort hätten die Palästinenser kein Problem gehabt.

Benjamin Netanjahu habe am Telefon den argentinischen Präsidenten Mauricio Macri um ein Machtwort gebeten, berichtete die israelische Tageszeitung Haaretz am vergangenen Mittwoch. Macri teilte Netanjahu aber mit, dass er keinen Einfluss auf die Entscheidung des Fußballverbandes habe. Haaretz erfuhr aus Kreisen um die Nationalmannschaft, dass die Spieler gebeten hätten, wegen der Drohungen gegen ihren Kapitän nicht in Jerusalem spielen zu müssen. »Wir denken, es ist das beste«, sagte Nationalspieler Gonzalo Higuaín gegenüber dem US-Sportsender ESPN.

Seitdem die USA unlängst ganz Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkannt und ihre Botschaft dorthin verlegt haben, befinden sich die Palästinenser in Aufruhr. Sie beanspruchen den Ostteil Jerusalems als ihre Hauptstadt. Fast täglich kommt es zu Zwischenfällen an der Grenze zu Gaza, wo regelmäßig Tausende gegen die israelische Komplettblockade des Küstenstreifens protestieren. Auf Raketenangriffe aus Gaza reagierte die israelische Luftwaffe mit Bomben auf Stellungen der Hamas.

Über dem Gazastreifen wurden laut dem Sender Al-Dschasira vergangene Woche Flugblätter abgeworfen: »Wir fordern Sie auf, sich nicht an Demonstrationen und Anarchie zu beteiligen. Bringen Sie sich nicht in Gefahr!« Viele lassen sich dadurch nicht einschüchtern. Am Freitag kamen erneut vier Palästinenser um, als die Armee das Feuer eröffnete, wie Al-Dschasira berichtete. Unter den Opfern befindet sich auch ein 15jähriger Junge aus Khan Yunis. Fast 400 Palästinenser wurden verletzt, darunter auch zwei Dutzend Kinder. Seit dem 30. März sind nach palästinensischen Angaben über 130 Menschen getötet worden.

Den Journalisten Mohammed Abdel Al-Baba traf bei den Protesten vom Wochenende eine Kugel ins Bein. Er arbeitet seit vielen Jahren für die Nachrichtenagentur AFP. Al-Baba habe eine Weste getragen, die ihn deutlich sichtbar als Medienvertreter auswies. Außerdem sei er 200 Meter vom Zaun entfernt gewesen, beruft sich Al-Dschasira auf Augenzeugen.

Am heutigen Mittwoch stimmt die UN-Vollversammlung in einer Dringlichkeitssitzung über eine Resolution ab, die von mehreren arabischen Staaten eingebracht worden ist. Darin wird Israel für die Situation an der Grenze zum Gazastreifen verurteilt. Zudem wird Schutz für die Palästinenser vor israelischer Aggression gefordert. Eine ähnliche Resolution war vergangene Woche im Sicherheitsrat wieder einmal am Veto der USA gescheitert. In der Vollversammlung gibt es indes keine Vetomächte, deshalb wird der Entwurf wahrscheinlich bei den 193 Mitgliedern eine große Mehrheit finden. Eine direkte Auswirkung auf die Situation der Palästinenser wird die Resolution voraussichtlich nicht haben.

Nach der Absage des Länderspiels in Jerusalem dürften viele Palästinenser nun den Argentiniern bei der WM in Russland die Daumen drücken, anstatt Fotos und Trikots von Lionel Messi zu verbrennen, wie es Dschibril Radschub, der Vorsitzende des palästinensischen Fußballverbands, zunächst gefordert hatte. Jetzt freut er sich über die Absage. »Die Israelis haben versucht, Messi und die anderen Stars aus Argentinien zu benutzen.«


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