Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 2 / Inland

»Geflüchtete sind die neuen alten Sündenböcke«

Die Düsseldorfer Initiative Stay! setzt sich seit einem Jahrzehnt für die Rechte von Flüchtlingen ein. Ein Gespräch mit Nicole Tauscher

Interview: Markus Bernhardt
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Unrecht sichtbar machen: Demonstranten auf dem Düsseldorfer Flughafen protestieren gegen eine Sammelabschiebung afghanischer Flüchtlinge (23.1.2018)

Die Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative Stay! e. V. feiert ihr zehnjähriges Bestehen. Können Sie unseren Lesern und Leserinnen kurz Ihre Arbeit vorstellen?

Wir bieten Sozial- und Rechtsberatung für Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus an, bereiten auf Interviews beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vor und helfen auch mit konkreten Sachspenden. Seit fünf Jahren bieten wir mit Stay! united ein spezielles Projekt für Kinder und Jugendliche an. Wir beraten vor allem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Asylverfahren, unterstützen bei der Vermittlung in Schule und Ausbildung und machen Freizeitangebote, wie zum Beispiel gemeinsame Besuche bei Spielen von Fortuna Düsseldorf oder auf der Düsseldorfer Kirmes.

Außerdem vermitteln wir papierlose Geflüchtete, die wegen berechtigter Angst vor Meldung an die Ausländerbehörden und der Gefahr einer Abschiebung nicht zum Arzt gehen können, an unser Netzwerk von Ärzten und Ärztinnen und sorgen für ihre medizinische Versorgung.

Nicht nur die politische Rechte, sondern auch maßgebliche Teile der etablierten Politik fordern in Sachen Flüchtlings- und Migrationspolitik zunehmend radikale Verschärfungen. Kann ein verhältnismäßig kleiner Verein wie Stay! dem überhaupt etwas entgegensetzen?

Wir machen in der Öffentlichkeit immer wieder auf die fatalen Auswirkungen der Asylpolitik aufmerksam und geben den Betroffenen durch die Darstellung von Einzelschicksalen ein Gesicht. Wenn eine Mutter erzählt, wie es sich anfühlt, dass sie hier in Sicherheit ist, während ihre Kinder noch in Syrien leben müssen, begreifen hoffentlich einige mehr, was die Aussetzung des Familiennachzuges bedeutet. In vielen Köpfen scheint »der Flüchtling« nur Bestandteil einer undefinierbaren Masse zu sein und kein Mensch mit den gleichen Ängsten, Wünschen und Hoffnungen wie man selbst.

Neben der Öffentlichkeitsarbeit können wir durch Beratung und Begleitung die Rechte der Geflüchteten stärken. Mittlerweile werden Vereine wie unserer von Politikern bürgerlichen Parteien als »Abschiebeverhinderungsindustrie« und »Feinde der deutschen Rechtsordnung« bezeichnet. Dabei schrieben die Verfasser des Grundgesetzes nicht ohne Grund und mit Weitsicht nach den entsetzlichen Taten der Nationalsozialisten: »Politisch Verfolgte genießen Asyl.« Und sie gaben dem Schutz der Familie einen besonderen Stellenwert. Daran sollten die Seehofers, Dobrindts und Spahns auch in Zeiten der aufgeheizten Debatte über Familiennachzug denken.

Sie haben in der Vergangenheit Kundgebungen am Düsseldorfer Flughafen organisiert, wenn von dort aus Abschiebeflüge gestartet sind. Haben Sie mit Ihren Protesten etwas erreichen können?

Es gab am Düsseldorfer Flughafen immer wieder große Kundgebungen in der Abflughalle und Proteste am Rollfeld gegen Abschiebungen. In letzter Zeit haben wir zusammen mit dem Bündnis »Afghanischer Aufschrei« Proteste gegen Abschiebungen nach Afghanistan organisiert. Verhindern kann man aber Abschiebungen am Flughafen nicht mehr, es geht vor allem darum die Deportationen nicht klammheimlich über die Bühne gehen zu lassen.

In Ihrem Newsletter haben Sie festgestellt, dass das Spendenaufkommen, mit dem Sie Ihre Arbeit finanzieren, zurückgeht. Was sind die Gründe?

Der Blick auf die Menschen, die vor Krieg und Verfolgung in die Bundesrepublik geflüchtet sind, hat sich bei vielen Deutschen sehr verändert. Pauschalisierungen, dummer Populismus und eine aufgeheizte Debatte verzerren das Bild von Geflüchteten in der Öffentlichkeit. Sie sind die neuen alten Sündenböcke einer Gesellschaft, in der sich der Reichtum immer ungleicher verteilt. Wenn es um hohe Mieten geht oder um Arbeitsplatzverlust, sind die Schuldigen schnell gefunden. Wohin diese geistige Brandstiftung führt, hat uns der Jahrestag des Brandanschlag von Solingen nach 25 Jahren noch mal deutlich vor Augen geführt: in den Tod und zur Zerstörung unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Was kann man konkret tun, um Ihre Arbeit zu unterstützen?

Die Arbeit von Stay! finanziert sich ausschließlich über Spenden. Wir brauchen dringend Menschen, die uns regelmäßig unterstützen.

Nicole Tauscher ist Mitbegründerin der Düsseldorfer Flüchtlingshilfsorganisation Stay! und dort seit zehn Jahren Sozialarbeiterin


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