Aus: Ausgabe vom 12.06.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Haben Entwurf eines alternativen Lebens gelebt«

Die »Kommune von Gezi« und die Chancen neuer Aufstände gegen die AKP-Regierung. Ein Gespräch mit Deniz Boran

Von Kevin Hoffmann
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Lesen, diskutieren, kämpfen: Aktivisten im besetzten Gezi-Park (Istanbul, 12. Juni 2013)

Vor fünf Jahren gab es ausgehend vom Istanbuler Gezi-Park große Demonstrationen in der Türkei. Was war der Grund dafür, dass sich diese Bewegung über das ganze Land ausbreiten konnte?

Die Taksim- oder Gezi-Park-Bewegung war eine der größten und breitesten Bewegungen, die es seit Gründung der türkischen Republik gab. Sie war ein Aufstand gegen das herrschende System, das den Menschen in der Türkei immer weniger Freiheiten, immer weniger Luft zum Atmen lässt. Es war die Dynamik dieser Zeit, die aus einem kleinen Funken zum Erhalt dieses Istanbuler Parks ein Feuer gegen die Regierung werden ließ.

Viele Menschen haben damals von der Gezi-Kommune gesprochen. Wie haben Sie diese Tage in Istanbul erlebt?

Diese Tage waren tatsächlich viel mehr als eine nicht enden wollende Welle von Demonstrationen. Wir haben in der Gezi-Kommune für eine kurze Zeit den Entwurf eines alternativen Lebens gelebt. Nicht der einzelne stand im Vordergrund, sondern immer das Kollektiv. Auch in anderen Stadtteilen und Städten wurden Versammlungen durchgeführt und Räte gebildet. Es war ein gesellschaftlicher Aufbruch, der tatsächlich viel hätte verändern können. Hier kamen Menschen aus vielen Teilen der Bevölkerung zusammen.

Die Reaktion der türkischen Regierung und Polizei war brutal. Während der Räumung wurden Menschen getötet, Tausende wurden verletzt oder verhaftet. War diese Reaktion eine Demonstration der Stärke oder der Angst?

Es ist offensichtlich, dass die Regierung durch den Aufstand in Angst versetzt wurde. Ankara versucht, die eigene Stärke zur Schau zu stellen. Aber die Macht der Regierung war weder damals stabil oder auf Dauer gesichert, noch ist sie das heute .

Sie haben versucht, den Willen der Menschen zur Veränderung in ihrem Tränengas zu ersticken und die Unzufriedenheit mit dem Schlagstock niederzuknüppeln. Sie wollten den Willen und die Hoffnung der Menschen auf Veränderung brechen. Auf Dauer wird ihnen dies aber nicht gelingen.

Nach der Räumung des Parks und der Niederschlagung der Proteste haben sie uns zu Hunderten in die Knäste gesteckt, gebrochen hat uns das nicht. Bei diesem Aufstand haben Zehntausende in vielen Städten der Türkei Erfahrungen im Kampf gegen die Polizei gesammelt. Diese Erfahrungen werden sie so schnell nicht wieder vergessen.

Wie hat sich die gesellschaftliche und politische Situation in der Türkei seitdem verändert? Ist heute ein neuer Gezi-Aufstand überhaupt noch möglich?

In den vergangenen Jahren ist viel geschehen in der Türkei und in der gesamten Region. Diese Zeit war voller Massaker und Krieg. Sicher, die Probleme von damals sind auch heute noch aktuell. Sie haben sich in den vergangenen fünf Jahren der AKP-Herrschaft in vielen Bereichen sogar weiter verschärft. Wir leben heute im dauerhaften Ausnahmezustand. Die meisten kritischen Medien wurden zum Schweigen gebracht. Ganze kurdische Städte im Osten des Landes wurden dem Erdboden gleichgemacht. Hunderttausende haben durch die Präsidentendekrete ihre Existenzgrundlage verloren. Durch die immer weiter steigende Inflation und die schwächelnde Wirtschaft wird das Leben für einen großen Teil der Bevölkerung immer härter.

Es gibt heute mehr als genug Gründe für einen neuen Aufstand, doch die Regierung hat ein Klima der Angst erschaffen und die Spaltung zwischen den verschiedenen Teilen der Bevölkerung vorangetrieben. Wenn wir es schaffen, die gemeinsamen Interessen der Bevölkerung wieder in den Vordergrund zu rücken, dann wird es auch einen neuen Gezi-Aufstand geben.

Deniz Boran ist Aktivistin der Sozialistischen Partei der Unterdrückten (ESP) und wurde aufgrund ihrer Beteiligung bei den Gezi-Protesten 2013 in der Türkei inhaftiert


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