Aus: Ausgabe vom 11.06.2018, Seite 5 / Inland

Export von Brennelementen stoppen

Antiatomkraftprotest in Lingen: Aktivisten kritisieren doppelte Standards

Von Juliane Dickel
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Brennelementeherstellung in Lingen: Das Werk des Areva-Konzerns beliefert u. a. auch die »Problemmeiler« im belgischen Thiange

Rund 500 Menschen demonstrierten am Sonnabend im niedersächsischen Lingen für einen sofortigen Atomausstieg, inklusive der Abschaltung der dortigen Brennelementefabrik und der Urananreicherungsanlage im 30 Kilometer entfernten Gronau. Mit dabei waren Atomkraftgegner aus Russland, Belgien, Frankreich und den Niederlanden. Diese kritisierten vor allem »doppelte Standards« der Bundesregierung, die trotz des gesetzlich geregelten Ausstiegs aus der Kernenergieerzeugung die unbefristete Lieferung von Brennelementen in alle Welt weiter zuließen.

Charlotte Mijeon von der Organisation »Sortir du nucléaire« überbrachte »herzliche atomfeindliche Grüße aus Frankreich«. Vertreterinnen und Vertreter aus Belgien und Aachen hielten eine gemeinsame Ansprache. Wladimir Sliwjak von »Ecodefense« Moskau kritisierte die deutsche Unterstützung der Nuklearexpansion Russlands: »Obwohl Deutschland zu Hause aus der Atomstromnutzung aussteigt, ist es immer noch in pronukleare Aktivitäten involviert – auch mit Russland.« So werde jährlich von Lingen aus die russische Atomindustrie beliefert und umgekehrt.

Jan Schaake von »Enschede voor Vrede« aus den Niederlanden berichtete, dass das AKW Emsland in Lingen mittlerweile auch in seinem Land bekannter sei. Im Zuge der Verteilung von Jodtabletten im 100-Kilometer-Radius um die als marode geltenden belgischen Anlagen Doel und Tihange hatten die niederländischen Behörden beschlossen, dies auch im Gefahrenbereich aller anderen AKW zu tun. Dies betreffe auch die niederländischen Lingen-Anrainer. Radioaktive Strahlung stoppe nicht an der Grenze, so Schaake: »Darum sind wir heute hier und fordern mit euch zusammen die sofortige Stillegung des AKW Emsland und der Brennelementefabrik in Lingen, sowie von Urenco in Gronau und (der Urananreicherungsanlage) Almelo.«

Nach der Auftaktkundgebung in Lingen zogen die Demonstranten zur Brennelementefabrik und blockierten symbolisch die Zufahrt. Christina Burchert vom »Arbeitskreis Umwelt Schüttorf« sagte, es gehe hier am Ort eben auch um die Abschaltung des AKW, das seit 30 Jahren in Betrieb ist. Mit dem Alter steige die Anfälligkeit. »Wir haben die große Befürchtung, dass durch die beschlossene Stillegung in vier Jahren notwendige Investitionen nicht mehr getätigt werden und sich Störfälle häufen«, erklärte sie. Die Forderung, den Atomstandort Lingen sofort stillzulegen, festgeschrieben in der sogenannten Lingen-Resolution, wird mittlerweile von 350 Initiativen, Verbänden und Parteien unterstützt.

Die Brennelementeexporte an unsichere AKW, so ein Gutachten der Juristin Cornelia Ziehm im Auftrag der Ärztevereinigung IPPNW, seien nicht mit dem geltenden Atomrecht vereinbar. Es dürften keine Exporte genehmigt werden, die die äußere und innere Sicherheit der Bundesrepublik gefährdeten, was durch die Gefahr eines grenznahen GAU gegeben sei. Dieser Ansicht mag sich das Bundesumweltministerium nicht anschließen: Der Sicherheitsaspekt beziehe sich insbesondere auf missbräuchliche Verwendung etwa als Waffen oder zu Terrorzwecken. Aktuell werde aber geprüft, wie Exporte in Anlagen mit zweifelhafter Sicherheit rechtssicher unterbunden werden könnten, erklärte das Ministerium auf Anfrage.


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