Aus: Ausgabe vom 11.06.2018, Seite 4 / Inland

Auf Krieg eingestimmt

Zehntausende beim »Tag der Bundeswehr« und nur schwache Proteste. In Dresden brannten Militärfahrzeuge

Von Susan Bonath
41795684645_abbf4c395f_o.jpg
Kanonenfutter der Zukunft? Familie mit Kind am diesjährigen »Tag der Bundeswehr« in Wunstorf

Martialische Aufmärsche, Shows mit Kriegsgerät, Marschmusik und Panzerfahren für Kinder: Am Samstag präsentierte sich das deutsche Militär an 16 Standorten zum »Tag der Bundeswehr« als volksnahe Kampftruppe. Wichtigstes Ziel sei die Nachwuchsgewinnung, sagte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im niedersächsischen Oldenburg. Anschließend klagte sie über »25 Jahre des Kürzens«. Das habe der aktuell etwa 170.000 Mann starken Truppe zugesetzt. Dabei brauche »Europa dringend mehr Investitionen in die Sicherheit«, da »die Lage unberechenbar geworden« sei , schwor sie die rund 20.000 Besucher auf Aufrüstung ein. Die konnten sich »bei ratternden Maschinengewehren, krachenden Schüssen aus Panzerrohren und vorrückenden Panzergrenadieren« vergnügen, wie die Nordwestzeitung das Ereignis am Samstag angekündigt hatte. Dem Standort Oldenburg sicherte die Ministerin 23 Millionen Euro Investitionen zu.

Proteste hatten die evangelische Kirche und mehrere Friedensinitiativen, darunter die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsgegnerinnen und -gegner (DFG-VK) organisiert. Letztere teilte mit, es gehe dem Militär vor allem darum, neue Rekruten zu gewinnen und die Bevölkerung für Auslandseinsätze zu begeistern. Pastor Lutz Krügener von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers kritisierte den »Volksfestcharakter« des militärischen Großevents.

Die meisten Besucher verzeichnete wohl der Fliegerhorst Wunstorf in Niedersachsen. Nach offiziellen Angaben strömten mehr als 40.000 Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, auf das Militärgelände, um zum Beispiel einer Flugschau mit Fallschirmspringern und Eurofightern zuzusehen. Laut Bundeswehr unternahmen Friedensaktivisten mehrere »Störversuche«. Zweimal sollen Feldjäger eingegriffen haben, um sie »wegzuräumen«. »Jeder darf in einer Demokratie das Wort ergreifen, aber jetzt gehört es mir«, sagte Ludger Bette, Kommodore des Lufttransportgeschwaders 62, dazu dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Eine Vorführung des Kommandos Spezialkräfte (KSK) lockte etwa 11.500 Besucher in die Graf-Stauffenberg-Kaserne und das Militärhistorische Museum in Sachsens Landeshauptstadt Dresden. Zwecks Geheimhaltung der Identität traten die Soldaten mit Sturmhauben und Sonnenbrillen auf, wie es hieß. Christen hielten vor Ort eine Mahnwache ab, Mitglieder des Linksjugendverbandes Solid verteilten Flyer, derweil sich die Bundeswehr als »attraktiver Arbeitgeber« selbst bejubelte. Bereits am frühen Samstag morgen waren vor der Kaserne zwei Militärfahrzeuge in Flammen aufgegangen. Die Polizei geht von Brandstiftung aus.

Mehr als 17.000 Besucher verzeichneten jeweils die Standorte Holzdorf an der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg sowie im baye­rischen Ingolstadt. Auch nach Murnau, Feldkirchen, Mannheim, Bonn, Baumholder, Flensburg, Appen, Warnemünde und auf den Erfurter Domplatz pilgerten Tausende. In Thüringens Landeshauptstadt protestierten Aktivisten »für eine Welt ohne Waffen«. Das Rostocker Friedensbündnis hatte unter dem Motto »Kein Werben fürs Töten und Sterben« zu einer Kundgebung in Warnemünde aufgerufen. Im Ostseestadion lieferte sich die Bundeswehr-Fußballnationalmannschaft ein Match mit einer Auswahl aus Großbritannien. Kleinere Gegenaktionen gab es auch in Hamburg. Dort feierte die Führungsakademie der Bundeswehr ihr 60jähriges Bestehen in der Clausewitz-Kaserne vor 2.600 Besuchern.

Im Vorfeld ihrer »Charmeoffensive mit Gulaschkanone«, wie die ARD-»Tagesschau« das soldatische Spektakel nannte, hatte die Bundeswehr mitgeteilt, sie wolle »Verbundenheit mit der Gesellschaft« demonstrieren. Die Streitkräfte seien im Alltag viel zu wenig präsent, hieß es. So ganz stimmt das offenbar nicht. Allein für das zweite Quartal 2018 hat das Heer mehr als 300 Werbeausstellungen auf Berufsmessen und Karriereberatungen geplant. Hinzu kommen 47 Einsätze von Jugendoffizieren in und 60 Truppenbesuche von Schulklassen. 13mal sollen Soldaten mit Minderjährigen in staatlichen Lerneinrichtungen Planspiele durchführen. Außerdem sind fast 200 Anwerbeaktionen in Jobcentern und Dutzende Teilnahmen an Stadtfesten und ähnlichem vorgesehen.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland