Aus: Ausgabe vom 09.06.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Unbedingte Klassensolidarität

Clara Zetkin über die Erklärungen des Kongresses der II. Internationale 1907 in Stuttgart zu Kolonialismus, Ein- und Auswanderung sowie Militarismus

Von Clara Zetkin
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»Die rein bürgerliche Auffassung von sogenannten Kulturvölkern, die zum Herrschen bestimmt, und von ›wilden‹ Völkern, die als geschichtlicher Kulturdünger für jene geschaffen worden seien« - Foto: Reiter der deutschen »Schutztruppe« 1910 in Swakopmund in »Deutsch-Südwest«, dem heutigen Namibia,

Die fünf Gegenstände, auf die sich der Stuttgarter Kongress in seinen Verhandlungen beschränkt hat, waren: die Kolonialpolitik, der Militarismus, das Verhältnis von Partei und Gewerkschaften, die Ein- und Auswanderung und das Frauenwahlrecht. In allen diesen Fragen kam ein Gegensatz der prinzipiellen und der opportunistischen Auffassung zum Ausdruck, und der Meinungskampf in den einzelnen Kommissionen sowie im Plenum des Kongresses war ein treues Spiegelbild des Widerstreits der verschiedenen Tendenzen, der das Innere der modernen Arbeiterbewegung in allen Ländern aufwühlt, zur Selbstkritik und zur Vertiefung der sozialistischen Auffassung führt.

In der Frage der Kolonialpolitik standen sich entgegen: Die strikte prinzipielle Ablehnung jeder Kolonialpolitik, da diese mit geschichtlicher Notwendigkeit auf einen kapitalistischen Länderraub und ein Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis hinauslaufen müsse, und eine gemäßigte Auffassung, die die heutigen Kolonialgreuel lediglich als unangenehme Auswüchse bekämpfen, die Kolonialpolitik im Prinzip jedoch nicht ablehnen wollte. Dieser Auffassung nach würde die sozialistische Zukunftsgesellschaft angeblich ja auch Kolonialpolitik treiben, um zurückgebliebene Länder und Völker der Kultur und ihre Produktivkräfte der wirtschaftlichen Verwertung zu erschließen. Auf den ersten Blick mochte der Streit als einer um des Kaisers Bart erscheinen, da es in der Tat eine etwas zu weitgehende politische Voraussicht wäre, sich heute um die auswärtige Politik der sozialistischen Gesellschaft den Kopf zu zerbrechen. Am wenigsten dürfte eine solche »Zukunftsmusik« gerade denjenigen schwere Sorge machen, die die sozialistische Umwälzung überhaupt nur als ein vages Nebelbild in unendlicher Ferne zu betrachten pflegen. Allein unter dieser befremdenden Sorge um Zukunftsprobleme stak in Wirklichkeit sehr reelle Gegenwartspolitik, nämlich die rein bürgerliche Auffassung von sogenannten Kulturvölkern, die zum Herrschen bestimmt, und von »wilden« Völkern, die als geschichtlicher Kulturdünger für jene geschaffen worden seien, eine Auffassung, die der sozialistischen Anerkennung aller Kulturformen und -stadien der gesellschaftlichen Entwicklung als historisch gleichberechtigter schnurstracks zuwiderläuft. (…) Der Kongress hat denn auch (…) diese Auffassung rundweg abgelehnt und kraftvoll noch einmal und hoffentlich ein für allemal ausgesprochen: Es gibt keine Kolonialpolitik außer kapitalistischer, und der Sozialismus bekämpft sie mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln und ohne alle einschränkenden und verwirrenden Klauseln.

Ein nahe verwandtes Problem hatte die Frage der Ein- und Auswanderung aufgerollt. Auch hier erstand der unbedingten Klassensolidarität der Proletarier aller Länder und Rassen eine Gegnerin in der kurzsichtigen Politik, die Lohninter­essen organisierter Arbeiter in den Einwanderungsländern, wie Amerika und Australien, durch Einwanderungsverbote gegen rückständige, angeblich »nicht organisationsfähige« Proletarier aus China und Japan schützen wollte. Es sprach aus dieser letzteren Tendenz derselbe Geist der Ausschließung und des Egoismus, der die alten englischen Trade Unions als eine Arbeiteraristokratie in Gegensatz zu der großen Masse der vom Kapitalismus am brutalsten ausgebeuteten und herabgedrückten Klassengenossen gebracht hatte. Der Kongress hat hier, im Sinne und Geiste der deutschen Gewerkschaften und ihrer Praxis entsprechend, die Solidarität der Klasse als eines großen Weltbundes des Proletariats aller Rassen und Nationen hochgehalten, wie er in der Kolonialfrage den großen Weltbund der gleichen und verbrüderten Menschheit aller Kulturstufen und Weltteile zum Triumph geführt hat. (…)

Die Frage des Militarismus stellte nicht mehr das Problem des Was, sondern nur noch des Wie vor dem internationalen Sozialismus auf. Der unermüdliche Kampf gegen den bittersten, wildesten Feind der Arbeiterklasse, den kapitalistischen Militarismus, ist kein Problem mehr und keine Frage für das aufgeklärte Proletariat. Es galt nur noch, positiv dessen bereits erreichte Macht und Entschlossenheit zum Ausdruck zu bringen, sich den verbrecherischen Völkermorden, den Kriegen zu widersetzen. Und auch hier siegte schließlich die revolutionäre Tatkraft und das männliche Vertrauen der Arbeiterklasse auf die eigene Aktionsfähigkeit über das pessimistische Evangelium der eigenen Ohnmacht und des starren Festhaltens an alten, ausschließlich parlamentarischen Kampfmethoden. (…) Mit der Resolution über den Militarismus hat der Stuttgarter Kongress von der russischen Revolution (1905 bis 1907, jW) und ihren Lehren an das internationale Proletariat offiziell Kenntnis genommen.

Clara Zetkin: Der Internationale Sozialistenkongress zu Stuttgart. In: Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Stuttgart, 2. September 1907. Hier zitiert nach Clara Zetkin: Ausgewählte Reden und Schriften, Band I. Dietz-Verlag, Berlin 1957, Seiten 360–364


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