Aus: Ausgabe vom 08.06.2018, Seite 2 / Inland

»Die Menschen dort haben keine Lobby«

Folterähnliche Zustände in der Psychiatrie? Kritiker erheben Vorwürfe gegen Vitos-Kliniken in Gießen und Haina. Gespräch mit Jörg Bergstedt

Interview: Gitta Düperthal
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Fixieren, Isolieren im Bunker: In Psyichiatrien geht es brutal zu

Sie erheben schwere Vorwürfe zu Willkür, Isolation und Verbrechen in der Psychiatrie. Am Donnerstag luden Sie zur Debatte, um dies am Beispiel der geschlossenen Anstalten der Vitos Kliniken in Gießen und Haina zu verdeutlichen. Wie lautet Ihre Kritik?

In meiner Ton-Bilder-Schau geht es um menschenrechtlich nicht zu rechtfertigende Zustände. Mehr als 130.000 Menschen werden pro Jahr bundesweit gegen ihren Willen psychiatrisch zwangsbehandelt – nach Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, DGPPN. Solche »Behandlungen« haben es in sich. In den Kliniken gibt es qualvolle Unterwerfungsrituale, bei denen die eine Seite alle Macht hat, die andere keine. Vor allem aus Unterlagen von Klinikchefs selbst aus den vergangenen Jahren kann man das erkennen. All das gibt es schwarz auf weiß: Der Wille des Patienten würde gar nichts zählen, schrieb etwa der ehemalige Leiter der forensischen Psychiatrie Gießens, Rüdiger Müller-Isberner, in einem Brief an die Vorsorgebevollmächtigte eines Gefangenen – und erteilte ihr zugleich Hausverbot.

Einig ist man sich: »Das Ob und Wie bestimmt sich aber nicht nach dem Wunsch des Patienten bzw. sonstigen Bevollmächtigten, sondern erfolgt durch die hiesigen Behandler«, heißt es in einem weiteren Schreiben, das neben Müller-Isberner auch der derzeitige ärztliche Direktor Volker Hofstetter unterschrieb. Mit Übergabe der Leitung im März 2017 an Beate Eusterschulte bekannte sich die Klinik zum Wirken des Ex-Leiters: »Der Name Rüdiger Müller-Isberner ist in der Welt untrennbar mit unserer Vitos-Klinik verbunden.«

Hat sich also nichts geändert?

Nein. In einer Presseerklärung im März dieses Jahres beklagte Rechtsanwalt Tronje Döhmer die unhaltbaren Zustände in der Vitos-Klinik Gießen. Er forderte, seinen Mandanten in einem anderen psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen. Begründung: Zum Zeitpunkt des 25. Februar 2018 habe dessen Unterbringung im Bunker bereits 117 Tage angedauert. Die Verantwortlichen der Vitos-Klinik in Gießen hätten angeordnet, ihm weder Hygieneartikel, noch frische Kleidungsstücke auszuhändigen. Sowie weiterhin, dass der Beschuldigte während des täglichen, maximal einstündigen Hofganges Handfesseln, einen Bauchgurt und Fußfesseln tragen muss.

Am 2. März sei zudem bestimmt worden, dass der Beschuldigte weder mit seiner Betreuerin, noch mit seiner Mutter telefonieren darf. Deren Telefonnummern würden gesperrt; letztere dürfe ihn auch nicht mehr besuchen.

Sie sprechen von kriminellen Handlungen im Psychiatriebetrieb. Wie dokumentieren Sie diese?

Ich habe zahlreiche Materialien in den vergangenen Jahren gesammelt. Sie stammen aus Lehrbüchern, Briefwechseln, Interviews und eigenen Veröffentlichungen der Kliniken. Ich zitiere aus Gerichtsverfahren, in die ich als Laienverteidiger involviert war; dokumentiere, wie Verantwortliche versucht haben, mich zum Schweigen zu bringen. All diese Informationen habe ich ausgewertet.

Erschreckend unverschleiert geht daraus hervor, welche brutalen Dinge sie dort tun. Müller-Isberner schrieb anlässlich der Neufassung des Maßregelvollzugsgesetzes in Hessen an die Landesregierung, weshalb er das Gesetz begrüßt: Disziplinierungsmaßnahmen – also Fixieren, Isolieren im Bunker und Ähnliches – all das, was er bisher getan habe, habe nun »lediglich teilweise endlich eine Rechtsgrundlage«: Bis dahin waren also Freiheitsberaubung und anderer Rechtsbruch ohne selbige geschehen. Ich hatte Strafanzeige gestellt. Die Staatsanwaltschaft hatte aber dabei »keine strafbare Handlung entdecken« können.

Sie erklären also, leitende Ärzte scheuten sich nicht, eigene Verbrechen offenzulegen?

Ja, obendrein sitzen sie ständig im Gericht und schreiben Gutachten, um die Betten der eigenen Kliniken zu füllen. Möglich ist all das aufgrund des geringen öffentlichen Interesses und weil die Menschen dort nahezu keine Lobby haben.

Weshalb ist das so?

Wer in einer Lebenskrise ist, hat kaum mehr ein soziales Umfeld. Angehörige, Freunde oder andere Menschen von außerhalb, die sich solidarisieren und dagegen auflehnen, gibt es selten. Psychisch Erkrankte werden meist mit Medikamenten ruhiggestellt. Berichten sie nach dem Klinikaufenthalt von folterähnlichen Zuständen, heißt es oft: Sie bildeten sich das bloß ein. In den 70er Jahren gab es eine Antipsychiatriebewegung. Es kann jeden treffen: Wir müssen eine Debatte über die Missstände initiieren.

Jörg Bergstedt ist Polit­aktivist in der Projektwerkstatt Saasen

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Krankes System Gesundheitspolitik auf Kosten der Kranken

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  • Dorothea Buk: Opfer und Täter Die Patienten sind rechtlos, Ärzte und Personal unmenschlich, so das Credo. Zumindest in NRW ist eine Unterbringung in einer Psychiatrie so geregelt, dass ein Antrag an das Amtsgericht eingereicht wer...

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