Aus: Ausgabe vom 09.06.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Das Warten

Die verlorene Schönheit des Zeitverplemperns

Von Jürgen Roth
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Ich woaß net, wie spät is’, ich hob’ goar kaa Uhr dabei.

Gerhard Polt als Bootsverleiher

Wahrscheinlich nicht allzu viele Menschen können mit Bestimmtheit sagen, was sie wann literarisch oder künstlerisch so beeindruckt hat, dass es sie auf Jahrzehnte hinaus geprägt hat. Ich glaube, es sagen zu können.

Es war vor mehr als dreißig Jahren. Ich hockte mit meinem Bruder Thomas vor dem Fernseher. Wir schauten die neueste Folge von »Fast wia im richtigen Leben«, der legendären Serie von Gerhard Polt und Hanns Christian Müller. Eine Schrifttafel kündigte den nächsten Sketch an – »Warten auf Dillinger«. Schon in dem Augenblick hatte ich, trügt mich meine Erinnerung nicht, das Gefühl, dass gleich etwas Wunderbares passieren würde. Ich hatte selbstverständlich keinen Schimmer von Beckett, aber »Warten auf Dillinger« – das war ein Titel wie ein Programm oder, besser, wie das Versprechen, dass es jetzt, durchaus in einem geheimnisvollen und dennoch lichten Sinne, ums Ganze gehen würde. »Warten auf Dillinger«.

Die Kamera fuhr langsam auf einen ziemlich schief und lustlos am Rand einer Landstraße geparkten Bulli zu. Behäbig, mit den Armen betont lässig oder auch überlegen schlenkernd, schritt Gerhard Polt, der am Transporter herumgestanden hatte, nun hinüber zu einem Bauloch, in dem eine Gestalt mit einer Schaufel herumfuhrwerkte. Noch während der Kamerafahrt begann Polt zu reden, nachdem in der idyllischen Ruhe zuvor ein »Ähhh« zu hören gewesen war, ein Laut, der diffus und menetekelnd von einer irgendwie anstrengenden oder schwer einschätzbaren oder höchst bedeutsamen Angelegenheit gekündet hatte.

»… weil i muss soag’n, also, wenn der Dillinger nicht kimmt, nä, na geht gar nix. Nä, na geht ja nix mehr weiter, nä.« So begann Polts Rede über eine Welt, in der alles, samt und sonders alles am Dillinger hängt, in der nichts, weiß Gott überhaupt nichts vorwärtsgeht, falls der Dillinger nicht kommt, jener Dillinger, von dem man nicht weiß, wo er gerade aufhältig ist und ob er allerdings möglicherweise auch keineswegs die Absicht hegt, generell noch vorbei- und nach dem Rechten zu schauen und die entscheidenden Maßnahmen einzuleiten.

Ein philosophisches Theaterstück in knapp vier Minuten: Der Dillinger hätte da und dort sein müssen, er war aber weder hier noch da. »Wenn der Dillinger schon dagewesen wäre, hätt’ anschließend ich nach Ettnach umi müssen, Ettnach, nä, koann aber goar net hi’, weil der Dillinger net do war.« Die Welt im Irrealis – aus den Fugen geraten, komplett unübersichtlich und vollkommen undurchschaubar. »Ja, is’ scho’ recht, Habib. Schön aufschaufeln!« Soweit es das Verhältnis zwischen Herr und Knecht betrifft, vermag der Vorarbeiter, den Polt spielt, weiterhin den Durchblick zu behalten, »denn wenn Dillinger kommen, alles fertig sein müssen«. Doch alles andere ist unwägbar wie sonst nichts.

Das Nichts, in dem sich die Welt spiegelt – mein Bruder und ich, wir tragen uns diese Szene bis heute bei Gelegenheit (fragmentarisch) gegenseitig vor, diese auch durch Polts ungeheuer beiläufige Gestik und Mimik unfassbar komische existentialistische Miniatur, die anschließend eine Wendung nimmt, mit der der ganze Kladderadatsch rund um Dillinger und rund ums Auf- sowie ums reziproke Zuschaufeln eines sagenhaft sinnlosen Bauloches endgültig das zerbröselnde Metaphysische streift, und sei’s eben die transzendente Dimension des freitäglichen Feierabends (und des dazugehörigen Biers).

Das erste Bier

Das Warten aufs erste Bier am Freitagnachmittag, in einem wohltemperierten und schlicht eingerichteten Wirtshaus, ist sicher eine der schönsten Formen des Wartens. Bei mir evoziert das Warten in genau dieser Situation ein weitgespanntes Gefühl von Behaglichkeit, als habe man seinen Platz in einer freundlichen, gepolsterten Welt gefunden, zumal man während dieses Wartens das erste Bier des Tages in Gedanken bereits antrinkt und dessen Geschmack am Gaumen und auf der Zunge antizipiert und dabei die gemütskalmierende Wirkung des »Biers an sich« voller regungsloser Freude »er-wartet«. Und schließlich, nachdem die Wirtsperson das Glas vor einen hingestellt hat, gleitet dieses spezielle und früher im besten Sinne durch und durch banale Warten wie selbstverständlich in den behutsamen, stillen und reinen Akt des Trinkens hinüber, vollkommen natürlich und harmonisch, als geschehe gerade beinahe nichts, obwohl nahezu alles geschieht.

Nun, mit dem Warten auf Dillinger ist es eventuell noch immer nicht vorbei, womöglich wartet da unten in Oberbayern oder da oben auf Neufundland immer noch irgendein Vorarbeiter auf den Dillinger, aber um das Warten auf das erste Freitagsbier, das Warten in der beschriebenen Manier und im erwähnten Ambiente, ist es weitgehend geschehen – nicht allein wegen des fortgesetzten katastrophalen Wirtshaussterbens in diesem heruntergekommenen Land, sondern auch und insbesondere aufgrund des bis zur äußersten Brutalität zugespitzten Regimes der globalkapitalistischen An- und Enteignung (und Uniformisierung und Verwüstung) sämtlicher Räume und Refugien und sämtlicher (Eigen-)Zeiten und Zeitmaße, ja der Zeit selbst. Freiwilliges, bewußtes Warten, das geht kaum mehr, das gilt als verdächtig, ja als Ausweis abscheulichster Nutzlosigkeit. Wer heute noch wartet, tut das, weil er warten muss, weil er bevormundet und dazu gezwungen wird, als Paria, als Bittsteller, als Gedemütigter, als Zurückgefallener, als Veralteter, als Inhaftierter.

Ein wesentliches Funktionselement des Digital- und Vernetzungskapitalismus, der (sofern er die Menschheit, wofür vieles spricht, nicht final in den Wahnsinn treibt oder vollends zugrunde richtet) die Individuen bis in die letzte Faser entmündigt und in Objekte der räumlich und zeitlich totalen Kontrolle verwandelt, ist, das hat der Physiker Harald Lesch richtig beobachtet, eine »Zeitkompressionstechnik«, die derart tief in alle Lebensregungen und -verrichtungen eingreift, dass sie die einst je eigenen Möglichkeiten und Modi der Zeiterfahrung und damit gewissermaßen die Zeit selbst zum Verschwinden bringt. Übrig bleibt eine ubiquitär gültige, oktroyierte homogene Zeit, die quasi auf einen Punkt zusammengeschnurrt ist und sich als ewig gleiche, blinde – und obgleich gebieterische – Gegenwart nicht mehr spüren lässt – es sei denn in der Hast, beim Blick auf den Terminkalender, in der Knappheit und nach dem psychischen Zusammenbruch, also in der Negation einer subjektzentrierten, autonomen Zeitwahrnehmung und -erfahrung.

Blind und gebieterisch ist diese überall präsente oder geltende formierte Gegenwart auf jene paradoxe Art, »dass es in einem gewissen, letztlich entscheidenden Sinn gar keine Gegenwart mehr gibt, die sich fassen und artikulieren ließe«, so »dass die Kultur des 21. Jahrhunderts durch einen die Zeit suspendierenden Stillstand und eine Unbeweglichkeit gekennzeichnet ist«, wie Mark Fisher in »Gespenster meines Lebens – Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft« (Berlin 2015) schreibt. »Doch diese Stasis ist verborgen (und begraben) unter einer oberflächlichen Gier nach ›Neuheit‹ und ständiger Bewegung.«

Das In-der-Welt-Sein, das Gegenwärtig-Sein ist entweltlicht, weil es unterm Diktat des technisch und ideologisch entfesselten Konsumkapitalismus seiner Zeitlichkeit, seiner Geschichtlichkeit – seinem Gewordensein und seiner Vergänglichkeit – beraubt wurde – und seiner unbestimmten Möglichkeit, seiner Künftigkeit. Rüdiger Safranski fasst dieses Leitsymptom der nach außen überdehnten und nach innen verästelten, in beiden Richtungen kolonisierenden Verbrauchs- und Überwachungsgesellschaft in seinem Buch »Zeit – Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen« (München 2015) unter dem Begriff der »bewirtschafteten Zeit«, und jene ist die wesentliche Konstituente des heutigen »strikten Zeitregimes«.

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»Es verdichtet sich das Netz der zeitlichen Verknüpfungen, der einzelne fühlt sich in Zeitplänen gefangen«, führt Safranski aus, in fremdbestimmten Zeitplänen (allerdings auch, etwa in der sogenannten Freizeit, in vorgeblich selbstbestimmten, die jedoch ebenfalls dem stillen Zwang des permanenten und organisierten Tätigwerdens und -seins geschuldet sind). Das hat zur Folge, dass einem die Zeit – abermals auf paradoxe Weise – stets gegenwärtig ist, indes nicht als (wie immer zu begreifendes) Geschehens- oder Erlebensbedingungskontinuum (oder -medium oder -fluidum), sondern als »eine Art Objekt, das man wie einen Gegenstand behandeln kann« und »bewirtschaftet«.

»Schrecken vor der Leere«

Die am eigenen Ich exekutierte Verdinglichung (und Entfremdung) korrespondiert mit und kehrt wieder in der Verdinglichung der Zeit. Sie wird, »in das gesellschaftliche System hineingezogen und dort verarbeitet«, kommodifiziert, zur Ware. Und ist sie karkassiert, zerlegt, fungibel gemacht, dient sie in einer neuen toten Schleife wieder zuverlässig, wie automatisiert der weiteren Beschleunigung. »Die allgemeine Beschleunigung«, heißt es bei Safranski, »hat die paradoxe Wirkung, dass sie den Zeithorizont verengt. (…) Die Steigerung der Produk­tions- ­und Verbrauchsgeschwindigkeit (…) müsste eigentlich kompensiert werden durch eine Entschleunigung, Verlangsamung und Tendenz zur Nachhaltigkeit.« Was mitnichten geschieht, mitnichten geschehen darf. Denn der unsichtbare Gesetzgeber der – da haben wir die nächste Paradoxie, die realiter keine ist – endlosen Gegenwart hat folgendes verfügt: »Die sich schnell wandelnden Arbeits- und Lebensverhältnisse entwerten die Erfahrungen. Man muss fortwährend umlernen. Die Produzenten veralten, und noch schneller veralten ihre Produkte. Alles wird in einen riesigen Verdrängungswettbewerb hineingerissen.« Alles. »Das Antriebssystem der Beschleunigung funktioniert also nicht nur äußerlich, es reicht in den einzelnen hinein, der angetrieben wird von dem Gedanken, er könnte etwas versäumen. So kommt es zu dem Gefühl, auf ein Rad geflochten zu sein, das sich immer schneller dreht.«

Nicht von ungefähr stellt Safranski an den Anfang seiner Erkundungen, was Zeit (physikalisch, phänomenologisch und anderweitig betrachtet) sein könnte und wie der vergesellschaftete Mensch sie verändert, indem er sein Verhältnis zu ihr ändert, ein Kapitel über das Verplempern, das Verschwenden von Zeit, also über die untätig-tätige doppelte Negation von Zeit (»Das Zeitvergehen als solches drängt sich vor, wenn es nur spärlich von Ereignissen zugedeckt ist«, sagt er, und er weist darauf hin, »dass man besonders gut erkennen kann, was mit dem Menschen los ist, wenn sonst nichts los ist«); über das Nichtnutzen von Zeit, was bedeutet, dass man lebt, denn leben kann man allein in der Zeit, nicht nach ihr, nicht nach einem Zeitplan. Zu leben vermag man nur in der »Eigenzeit«, die die »Maschinenzeit« zum Feind erklärt hat.

In christlicher Tradition ist, dem Kapitalismus vorgreifend, die Langeweile verfemt und degradiert worden zur Sünde, sie wurde als »Schrecken vor der inneren Leere« perhorresziert. In der säkularisierten Gesellschaft verabscheut man schlichtweg das »leere Warten«.

»Das ist die schlechte Unendlichkeit der Langeweile«, so Safranski, »bei der man darauf wartet, dass endlich etwas anderes geschieht als nur dieses Jetzt und Jetzt und Jetzt.« Doch umgehend wendet er ein: »Es muss einem beim Warten ja nicht immer langweilig werden, denn immerhin ist man auf ein Ereignis bezogen, und das ergibt eine Spannung. (…) Nicht jedes Warten also ist mit Langeweile verbunden, aber umgekehrt enthält jede Langeweile auch ein Warten, ein unbestimmtes Warten, ein Warten auf nichts.«

Und in diesem Warten auf nichts wird wiederum, recht heideggerisch geschwafelt, die Zeitlichkeit der Zeit, die uns zu leben erlaubt, erfahrbar. Das ist, »was (…) geschieht (…), wenn nichts geschieht«; es ist das, was im bestenfalls glücklichen Warten, im Nichtstun, in der langen Weile sich zeigt.

Damit könnte ich wieder bei Gerhard Polt gelandet sein (ohne Beckett zu bemühen, den braucht’s heute mal nicht). Warum? Weil folgende Überlegung Sa­franskis in bezug auf Polt, diesen einsam ragenden humanistischen Anarchisten, einen der letzten autonomen Menschen, in der Umkehrung zutrifft: »Lähmend erscheint die Aussicht, alles selber machen zu müssen, seinem Leben selbst einen Inhalt zu geben. Der auf diese Weise Gelangweilte wird ärgerlich fragen: Muss ich heute schon wieder das tun, was ich selber will?«

Nicht lähmend – belebend. Nicht ärgerlich fragend – sondern ruhig und zufrieden sich äußernd.

»Freiraum ohne Ende«

Gegenüber der Zeit (50/2010) erklärte Polt: »Ich will Ihnen sagen, wer mich als Kind beeindruckt hat. Es gab da einen Bootsverleiher, und dieser Bootsverleiher war einfach Bootsverleiher, da hätte nie einer nachgefragt, warum er das ist. Für mich hat dieser Mann alles geschafft, was man im Leben schaffen kann. Er strahlte eine solche Ruhe und Ausgeglichenheit aus. Ob es geregnet hat oder nicht, ob viele Leute kamen oder gar keiner, er war da. Wenn nix los war, hat er oft stundenlang auf den See hinausgeschaut. Dieses Stoische – großartig.« – »So etwas wollten Sie auch werden?« – »Irgend so was wollte ich werden, ja. Dieser Mann, der sich selbst genügte. Darum ging es.« – »Und, hat’s geklappt?« – »Irgendwie vielleicht schon. Jedenfalls hat mich das immer fasziniert. Wir erleben doch heute unablässig Leute, die sich gemobbt fühlen oder sonstwie gestresst sind. Menschen, die unter Gewissensbissen leiden, die schuften, damit sie das Leben finanziell schaffen. Und als Gegenentwurf dazu der Bootsverleiher. Der Mann hatte Würde.« – »Er strahlte eine Art Widerstandsgeist aus?« – »Das ist es. Wenn ich eine Gruppe sehe, von denen neun mit großer Einigkeit und Begeisterung bei einer Sache mitmachen, und einer dreht sich weg, dann finde ich diesen einen interessant. Das ist mein Mann. Aber ich mache mir Sorgen, dass solche Leute weniger werden. Heute wollen immer alle irgendwo dazugehören.«

Diesem Nonkonformisten, der im Warten und Beharren und im Zeitverstreichenlassen in der Gegenwärtigkeit angekommen war und der über inneren »Freiraum ohne Ende« (Hans Georg »Hansi« Küpper, Sky-Fußballreporter, März 2018) verfügte, hat Polt mit der anrührenden, im Titel paradox verzwirbelten Meditation »Rückblickserwartung« (in »Attacke auf Geistesmensch«, 1998) ein Denkmal gesetzt. In ihrer Koda verbirgt sich zumal heute, da niemand mehr Zeit hat oder haben darf, eine veritable Anleitung zum Widerstand: »Doch, ich hob’ scho’ Zeit. Zeit – i bin net, ich, ich spar’ auch keine Zeit, gell, wie diese Zeitsparer, so Leit’, die immer soag’n: Jetzt hab’ ich wieder Zeit eingespart! Ja, ich hob’ überhaupt noch nie a Zeit gespart, gell. Im Gegenteil. Wenn ich a Zeit zur Verfügung habe, geb’ ich’s aus. Manchmal schmeiß’ ich meine Zeit direkt zum Fenster raus. Nann frag’n mich die Leut’: Sag amol, wo nimmt sich denn der die Zeit her? Des sag’ ich ihnen aber nicht, oder? Geht doch die Leut’ aan Scheißdreck an, oder? Aber nur Ihnen sag’ ich des, gell, aber, aber unter uns: Es ist nicht lang her, da hob’ ich a Zeit erwischt, na hab’ ich’s do ad’schlag’n. Ganz einfach. Ganz einfach. Am Fernseher – pffffftttt! Und dann hob’ i mir a Butterbrot g’schmiert und hab’ dazu drei Stunden gebraucht. Und was ich morgen mache, weiß i scho’. Morgen schneid’ i mir, streich’ i mir wieder a Butterbrot, da brauch’ ich wieder drei Stunden, aber wenn ich des heute einem erzähle, dass ich ein Butterbrot schmiere und drei Stunden dazu brauche, dann schau’n mich die Leute mit ganz großen Augen an, sind s’ ganz ratlos. Aber diese Ratlosigkeit, genau das ist es, was mich so begeistert.«

Bisweilen hocke ich mit dem Kollegen und Freund Jörg Schneider auf dessen »Bootsverleiherbank«, wie er sie getauft hat (Jörg: »Es ist wenig turbulent«), an einem Waldrand. Wir trinken Bier, schauen über die Felder und schweigen ganz gerne mal. Das ist Warten auf nichts, man kann es leicht lernen. Eingeübtes Warten ist etwas höchst Angenehmes, und es macht nichts kaputt. Es ist die Abwesenheit von »Zitterzeit« (Hansi Küpper), es ist nicht ein Außer-sich-Sein, sondern ein Aus-sich-selbst-Sein, ein dialektischer Zustand tätiger Ruhe und Unbeweglichkeit. Vielleicht darf man solch ein gelungenes Warten nicht mehr als Warten und muss es eher als Verweilen bezeichnen.

Ein ruhiger See

Wer weiß. Jedenfalls hat Gerhard Polt den Bootsverleiher – anlässlich einer Ausstellung im Literaturhaus München zu seinem 70. Geburtstag – in einem Video noch einmal zum Leben erweckt. Er sitzt da vor seinem Bootsverleihhäuschen, guckt auf den zufrierenden See und sagt: »Schau’n Sie, es is’ weit und breit niemand da, und diese Ruhe, gell … I hob’ mir etz a Regenschburger mitgebracht und a Essiggurk’n, und ich könnt’s mir nicht schöner vorstell’n. Ich kann mir’s nicht … Des is’ doch … Do schau’n S’ her, wie des … Man kann zuschau’n, wie des langsam zufriert, und die Gewißheit, dass heute keiner mehr kommt und a Boot will, hihi, is’ doch … Versteh’n Sie? Hihi. Des is’ ja von einer … Es is’ so … I bin so erleichtert, gell. Und des eigentlich aan ganzen Winter hindurch. Auch wenn’s regnet, sehr angenehm. Kommen auch keine Leute, gell. Dann bleiben s’ daheim oder im Hotel, sann s’ im Schwimmingpool. Hehe. Aber kein Mensch hier. Aaaah. (…) I bin scho’ sehr zufrieden. Muß i sog’n, muß i sog’n. (…) Mehr als Bootsverleiher kann man eigentlich nicht werden. Gell. Und ich glaube, a Bootsverleiher is’ im Prinzip, wenn er’s g’scheit macht, überall gesucht, es sei denn, er kommt ins Paddeln, hähähähähä. Jetz’ samma wieder beim Geld, der finanzielle Paddler. (…) Naa. Es werd ei’m nie fad. Fadheit, Fadheit is’, äh, wenn ma’, wenn ma’ nichts zu tun hot. Schau’n Sie, wenn ich do sitze, ich sehe wos, Gott sei Dank, ich, äh, mache, ich bin ja ständig am Gedankenmachen, gell. I hob’ noch viele Gedanken, die sann immer no’ net fertig.«

Dieser Mensch tut genau das, was er selber will. Und er wartet, bis der See zugefroren ist. Und danach wartet er, bis er wieder aufgetaut ist. Und dabei wird er das eine oder andere Bier trinken, und vielleicht schaut auch mal der »Flaschelwischer« vorbei. Und was es mit dem auf sich hat, gucken Sie, wenn Sie wohlberaten sind, auf Youtube nach (»Gerhard Polt Statement zum Lebengenießen«).

Jürgen Roth, geb. 1968, ist Schriftsteller und lebt in Frankfurt am Main. Er beschäftigt sich mit Fußball, Bier, Vögeln, Literatur und anderen Dingen. Zuletzt erschienen »Nie mehr Fußball! Vorfälle von 2014 bis 2017« (2017) und »Kritik der Vögel. Klare Urteile über Kleiber, Adler, Spatz und Specht« (mit Thomas Roth, 2017).

Auf diesen Seiten schrieb er in der Ausgabe vom 17./18.6.2017 über den Niedergang des Profi­fußballs.

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