Aus: Ausgabe vom 06.06.2018, Seite 16 / Sport

Die Leine ist ein Fluss

Wasserball: Serienmeister Spandau 04 in Hannover entthront

Von Klaus Weise
Wasserball_Waspo_98_57532615.jpg
»Vielleicht hat es sogar was Gutes«: Spandauer nach der Niederlage

Die Konstellation vor dem letzten Spiel der Best-of-Five-Finalserie um die 97. Deutsche Wasserballmeisterschaft der Männer am Wochenende in Hannover erinnerte an den Silvestersketch »Dinner for One«: »The same procedure as every year?« Serienchampion Wasserfreunde Spandau 04 war mit zwei Niederlagen in die Serie gestartet und mit zwei Siegen zum Ausgleich gekommen. Eine solche Wiederauferstehung hatte es seit Einführung der Serien nicht gegeben. Und so sprach einiges dafür, dass Spandau mal wieder Meister wird, wie immer seit 1979, fast immer. Nur dreimal war das nicht der Fall: 1993 (Waspo Hannover), 2006 (SV Cannstatt) und 2013 (ASC Duisburg).

Doch überraschenderweise ließen die Gastgeber am Sonnabend im Stadionbad Hannover nichts anbrennen, führten nach dem ersten Viertel mit 3:0 und retteten einen Zwei-Tore-Vorsprung ins Ziel. Nach einem Vierteljahrhundert sind die Niedersachsen damit auf den deutschen Wasserballthron zurückgekehrt. Dank Trainer Karsten Seehafer, der zugleich Geschäftsführer der Hanomag-Lohnhärterei ist, die Millionen umsetzt, verfügen sie über die nötigen Mittel, um hochkarätige Akteure auch aus dem Ausland (vor allem vom Balkan) an die Leine zu holen (womit in diesem Falle der Fluss gemeint ist). In allen drei Endspielen der Saison behielten sie die Oberhand gegen die Spandauer Erzrivalen, denen sich vor allem Präsident Bernd Seidensticker, Trainer der Hannover-Meistermannschaft von 1993, in tiefer Hassliebe verbunden fühlt, was er verbal immer wieder mit Hingabe unterstreicht. Zu jener Mannschaft von 1993 gehörte als Spieler auch Karsten Seehafer, der es sich später zur Lebensaufgabe machte, den Titel auch als Trainer zu gewinnen. Was ihm nunmehr gelungen ist.

Der Einsatz finanzieller Mittel, die keinem nationalen Konkurrenten auch nur ansatzweise zur Verfügung stehen, kann Waspo keineswegs zum Vorwurf gemacht werden. In sogenannten Publikumssportarten werden noch ganz andere Summen bewegt. Wasserball zählt hierzulande nicht unbedingt dazu. Dass jemand hier sein Geld reinschießt, ist eher zu begrüßen als zu tadeln. So darf dann wohl auch der Kapitän der 04er, Marko Stamm, verstanden werden, der nach dem 5:7 im entscheidenden Match vor 1.000 Zuschauern – davon kann man in Berlin nur träumen – für »wunderschön« befand, »was hier auf die Beine gestellt wurde«.

Im selben Atemzug bekundete der Sohn von 04-Präsident und Bundestrainer Hagen Stamm resolut, dass er mit dem Gerede von einer »Wachablösung« nichts anfangen könne. »Um uns abzulösen, reicht es nicht, einmal zu gewinnen. Da muss man schon vier-, fünfmal in Serie siegen. Und das werden wir natürlich verhindern! Den Titel holen wir uns zurück!« Stamm d. Ä. war da schon um den Wiederaufbau seiner frustrierten Schützlinge bemüht: »Dass auch mal andere Vereine gewinnen, ist normal. Wir haben kein Abo auf den Titel. Vielleicht hat es sogar was Gutes, denn damit wird neuer Ehrgeiz geweckt.«

Während die Saison für Hannover nun zu Ende ist, findet sie für Spandau beim »Final 8«-Turnier der Champions League in Genua eine Fortsetzung. Morgen treffen die Berliner dort im Viertelfinale auf Titelfavorit Olympiacos Piräus. Mit einem Sieg würden sie ins Halbfinale am Freitag einziehen. Eine Endspielteilnahme am Sonnabend würde über manches hinwegtrösten.

Der richtige Begleiter für den Sommer im Marx-Jahr!

Unser Aktionsabo der gedruckten Ausgabe (62 Euro statt 115,20 Euro): Sechs Tage in der Woche, mit vielen Hintergründen und Analysen, mit thematischen Beilagen und am Wochenende acht Seiten extra. Das Abo endet nach drei Monaten automatisch. Als Zugabe gibt es das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Sport