Aus: Ausgabe vom 05.06.2018, Seite 6 / Ausland

Der Traum der Besitzlosen

1955 kamen bei der Bandung-Konferenz die blockfreien Staaten zusammen. Sie inspirierte auch die Emanzipationsbewegungen der Schwarzen in den USA

Von Mumia Abu-Jamal
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Erinnerung an antiimperialistisches Erbe: Schautafeln mit Teilnehmern der Asien-Afrika-Konferenz im indonesischen Bandung (24.4.2015)

Weder meine Eltern, meine Lehrer noch die Priester erwähnten mir gegenüber jemals den Namen »Bandung«. Erst durch Malcolm X, den Anfüh rer der schwarzen nationalen Bewegung in den USA in den 1960er Jahren, erfuhr ich, welche Bedeutung dieser Name hatte. In einer seiner aufgezeichneten Reden sprach er darüber, wie die Vereinigten Staaten Leben und Rechte von Schwarzen mit Füßen treten. Darin sei die schwarze Revolution begründet. Um Schwarzen in den USA Mut zu machen und sie davon zu überzeugen, dass sie in ihrem Kampf nicht allein sind, sprach Malcolm über Länder in Asien und Afrika, die erst jüngst ihre Unabhängigkeit erkämpft und sich zusammengeschlossen hatten, um eine eigenständige Organisation der Blockfreien zu gründen. Diese sollte den Bedürfnissen der unabhängig gewordenen Nationen und Völker und ihren kulturellen, wirtschaftlichen und technischen Belangen dienen. Dazu versammelten sie sich vom 18. bis zum 24. April 1955 zur ersten afroasiatischen Konferenz im indonesischen Bandung.

Welche Überraschung, als ich nun, über 50 Jahre später, erneut über Bandung las. 1956 hatte der afroamerikanische Schriftsteller Richard Nathanial Wright (1908-1960) sein Buch »The Color Curtain: A Report on the Bandung Conference« veröffentlicht. Wright näherte sich dem Thema vom Standpunkt der Psychiatrie und Psychologie, weil ihn am menschlichen Handeln interessierte, durch welche Triebkräfte des Unbewussten es beeinflusst wird. Er gab deshalb der psychologischen Analyse des Themas den Vorzug vor der politischen, also den inneren Einflüssen vor den äußeren. Statt die Klassenverhältnisse zu analysieren, legte er den Schwerpunkt auf religiöse und ethnische Zugehörigkeit als Schlüssel zur Herausbildung der Identität von Menschen.

Für ihn war die Bandung-Konferenz eine Versammlung der besitzlosen Völker dieser Welt, die sich sowohl vom Nordatlantikpakt der kapitalistischen Staaten als auch vom Pakt der sozialistischen Staaten abwandten, um den Weg der sogenannten Bewegung der Blockfreien zu beschreiten.

Als Wright damals von der bevorstehenden Bandung-Konferenz hörte, war er überwältigt von der schieren Anzahl der Menschen der Länder und Völker, die auf der Konferenz vertreten waren: China, Indien, Indonesien, Japan, Äthiopien, die westafrikanische Goldküste und die Philippinen sowie gut zwei Dutzend weitere. Insgesamt waren es 23 asiatische und sechs afrikanische Länder, die zusammen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung repräsentierten. Als Wright seiner Frau erzählte, dass er zur Konferenz fahren werde, und ihr einen Zeitungsartikel darüber zu lesen gab, sagte sie: »Das ist ja die ganze Menschheit!« Und damit hatte sie völlig recht.

Aber Nationen sind Nationen, und sie legen nur ungern die eisernen Ketten ihrer Eigenständigkeit ab. So schafften es die Blockfreien in Bandung nicht, ihren Traum zu verwirklichen und ihre ungeheuren Potentiale völlig auszuschöpfen. Könnten sie es heute schaffen, in diesem »neuen Jahrhundert«, bedroht von einem habgierigen Kapitalismus, der im Gewand des Neokolonialismus daherkommt?

Der Westen möchte die Mehrheit der Menschheit an seine repressiven Systeme ketten und ihre eigenständige Entwicklung einschränken. Kann die Welt, kann die Menschheit erneut das Banner der Selbstbestimmung, des Befreiungskampfs und der Freiheit erheben? Kann der Geist von Bandung dazu beitragen, eine neue Weltmacht der überwältigenden Mehrheit der Völker der Welt zu schaffen? Können es die Menschen in Afrika und Asien schaffen, sich erneut als ganze Gesellschaften zu erheben und für ihre Interessen einzutreten? Wir werden Antworten auf die Frage finden müssen, ob die Träume von damals Wirklichkeit werden können.

Übersetzung: Jürgen Heiser

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