Aus: Ausgabe vom 05.06.2018, Seite 1 / Titel

Bayer schluckt Monsanto

Bittere Pille für Landwirte und Konsumenten: Leverkusener Chemieriese nimmt letzte Hürde bei Übernahme des US-Saatgutmultis

Von Jana Frielinghaus
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Kann bei der Profitmaximierung helfen, aber auch heftige Nebenwirkungen hervorrufen: Die Inkorporation des US-Agrochemie- und Saatgutkonzerns Monsanto durch den Leverkusener Chemieriesen Bayer

Der Deal ist seit dem 30. Mai in trockenen Tüchern. An diesem Tag stimmte das Justizministerium der Vereinigten Staaten jener Megafusion zu, die seit fast zwei Jahren weltweit die Gemüter bewegt: Bayer darf den US-Saatgut- und Pestizidmulti zum Rekordpreis von 63 Milliarden Dollar (54 Milliarden Euro) aufkaufen. Zuvor hatte bereits die EU-Kommission ihr Plazet zur Elefantenhochzeit gegeben. Diesseits und jenseits des Atlantiks hieß es, man habe unter der Bedingung zugestimmt, dass »sehr hohe Auflagen« erfüllt würden. Faktisch haben die Kartellbehörden jedoch ein mächtiges Oligopol der Agrarindustrie gestärkt. Denn Aufkäufer jener Geschäftsanteile, von denen sich Bayer trennen muss, also der Saatgutsparte, ist mit BASF ebenfalls ein deutscher Global Player im »Agropoly«.

Am Montag gab Bayer-Chef Werner Baumann in Frankfurt am Main bekannt, am 7. Juni werde sein Unternehmen alleiniger Eigentümer von Monsanto sein. Dessen Name verschwinde mit der Übernahme, so Baumann. Der Hauptgrund dafür dürfte das miese Image des bisherigen Weltmarktführers bei Saatgut und bei insbesondere glyphosathaltigen Breitbandherbiziden sein. Die vertreibt der Konzern aus St. Louis unter dem Markennamen Roundup in vielen Regionen der Welt mittels Knebelverträgen im Doppelpack mit gentechnisch verändertem und damit gegen das Unkrautgift unempfindlichem Saatgut. Dieser und andere Markennamen werden nach Angaben von Baumann weitergeführt. Glyphosat wird als wesentlicher Verursacher des Rückgangs von Insekten- und Pflanzenarten und der Ausbreitung von dagegen resistenten Unkräutern angesehen. Die Weltgesundheitsorganisation hatte es zudem als »wahrscheinlich krebserregend beim Menschen« eingestuft.

Bayer steigt mit der Übernahme zum weltgrößten Anbieter von Pestiziden, also Pflanzen-, Insekten- und Pilzgiften, und von Saatgut auf, trotz der Veräußerungen an BASF. Baumann kündigte an, der Leverkusener Konzern werde »mit derselben Entschlossenheit« an seinen »Nachhaltigkeitszielen arbeiten« wie an seinen Finanzzielen. Wieviele Stellen dem Monsanto-Deal zum Opfer fallen werden, verriet Baumann nicht. Bayer verspricht sich Synergieeffekte infolge der Fusion in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar jährlich. Monsanto hat 20.000 Beschäftigte, Bayer fast 100.000 weltweit.

Das entwicklungspolitische Netzwerk INKOTA sprach in einer am Montag veröffentlichten Erklärung zur Fusion von einem »schlechten Tag für Millionen Menschen weltweit«. Kleinbauern drohten in der Folge »noch mehr Hunger, Armut und Abhängigkeit«. Auch die Folgen für Umwelt und Klima seien verheerend. INKOTA forderte die Bundesregierung deshalb auf, gegen die Übernahme vor dem Europäischen Gerichtshof zu klagen und die Fusionskontrolle zu verschärfen. Vor dem EUGH müsse geklärt werden, ob die EU-Wettbewerbskommission bei ihrer Entscheidung zugunsten des Zusammenschlusses Umweltschutzaspekte ausreichend berücksichtigt habe. Diese seien gleichwertig mit der Wettbewerbsfreiheit im EU-Recht verankert.

Lena Michelsen von INKOTA verwies darauf, dass mit der Fusion drei Megakonzerne 70 Prozent des Pestizid- und 60 Prozent des Saatgutmarktes der Welt beherrschen. Neben Bayer/Monsanto sind dies ChemChina/Syngenta und Corteva Agriscience. Die Fusionen sind letztlich auch Folge des schrumpfenden Marktes für Agrochemie. Es könnte gut sein, dass sich Bayer an Monsanto verschluckt, nicht zuletzt wegen der steigenden Verschuldung.

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Gefährliche Saat Ernährungssicherheit und Gen-Monopole

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