Aus: Ausgabe vom 01.06.2018, Seite 7 / Ausland

Osterwunder von Kiew

Mord an »kremlkritischem« Journalisten Arkadij Babtschenko vorgetäuscht. Laut Geheimdienst sollte echter Mord verhindert werden

Von Reinhard Lauterbach
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Der russische Journalist Arkadi Babtschenko (m.) mit dem ukrainischen Generalstaatsanwalt Juri Luzenko (l.) und ­Polizeichef Sergej Kniasiew in Kiew am 30. Mai 2018

Der Mord an dem »kremlkritischen« Journalisten Arkadij Babtschenko in Kiew war vorgetäuscht. Babtschenko erschien am Mittwoch nachmittag – etwa 20 Stunden, nachdem er angeblich am Eingang zu seiner Wohnung erschossen worden war – auf einer Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Er sagte, er habe vor etwa einem Monat eingewilligt, in der Inszenierung seines eigenen Todes mitzuspielen, nachdem ihm der SBU Hinweise zu seiner angeblich in Russland geplanten Ermordung zugespielt hatte. Die Bilder, die ihn auf dem Bauch liegend in einer roten »Blut«-Pfütze gezeigt hätten, seien gestellt gewesen.

SBU-Chef Wassilij Grizak erklärte, dank der Inszenierung sei es gelungen, den angeblichen Auftraggeber des tatsächlich geplanten Mordes, einen ukrainischen Geschäftsmann namens G., festzunehmen. Er sei, so die ukrainische Version, für 10.000 US-Dollar von russischen Geheimdiensten angeheuert worden, um in der Ukraine eine Anschlagsserie gegen 30 – keine mehr und keine weniger – Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu organisieren. Für die eigentliche Tatausführung habe er einen »Teilnehmer der Antiterrororganisation«, also des Kriegs in der Ostukraine, namens Z. gedungen und diesem weitere 30.000 US-Dollar gezahlt. Den »Auftragnehmer« präsentierte Grizak nicht, lediglich ein laut Timecode am 27. April in einem Auto aufgenommenes, anderthalb Minuten langes Video, in dem Stimmen im Off Geld zählen und an einer Stelle ein Dollarschein ins Bild kommt.

Die Anwälte des festgenommenen angeblichen Auftraggebers G. erklärten, ihr Mandant sei Opfer einer Provokation geworden. G. habe die ukrainische Armee mit Lieferungen »unterstützt«. Er sei vom Geheimdienst angesprochen worden, an einer »Spezialoperation« mitzuwirken, und habe als Patriot seines Landes eingewilligt.

Schon kurz nach dem Bekanntwerden des angeblichen Mordes waren ukrainischen Medien erste Merkwürdigkeiten aufgefallen. So hatte die Polizei »im Zuge der Ermittlungen« am Dienstag nachmittag die Videokamera im Treppenhaus von Babtschenkos Wohnung mitgenommen. Bilder konnten also nicht vorliegen. Trotzdem hatten die Ermittler angesichts der in einem leeren Treppenhaus vorgeblich geschehenen Mordtat überraschend schnell ein Phantombild des Täters veröffentlicht. Ein Blogger aus dem Umfeld von Innenminister Arsen Awakow hatte schon früh die Vermutung geäußert, der unmittelbare Täter könne ein ukrainischer Kriegsveteran gewesen sein.

Der Fake-Mord an Babtschenko hatte im Westen zunächst die übliche Welle von »Trauer und Empörung« ausgelöst. Der in der Ukraine weilende Bundespräsident äußerte »Betroffenheit«, die Bundesregierung gab sich »entsetzt und erschüttert«. Der russische »Oppositionsführer« Alexej Nawalny äußerte die Vermutung, Babtschenko sei »für seine politischen Auffassungen ermordet« worden. Hingegen war von niemandem von ihnen ein Wort des Bedauerns zu vernehmen gewesen, nachdem der SBU sie auf diese Weise »vorgeführt« hatte. Die offizielle russische Reaktion war äußerst knapp: Es sei gut, dass Babtschenko am Leben sei.

Der 1977 Geborene hatte sich in Russland zunächst als Kriegsreporter einen Namen gemacht. 2014 war er offensichtlich in der Ukraine auf Seiten der Regierungstruppen im Donbass unterwegs. Bei Slawjansk wurde der Hubschrauber abgeschossen, in dem er hätte mitfliegen sollen. Nach dem Absturz des russischen Flugzeugs mit den Mitgliedern des Alexandrow-Ensembles Ende 2016 vor Sotschi sorgte er für Empörung, als er sagte, die Opfer seien »für das Regime gestorben« und verdienten kein Mitgefühl. 2017 erregte er erneut Aufsehen, als er erklärte, er werde nach Moskau zurückkehren – an Bord eines US-amerikanischen Abrams-Panzers mit einer NATO-Fahne in der Hand. Nachdem er »Drohungen« erhalten habe, ging Babtschenko zunächst nach Prag. Die tschechischen Behörden akzeptierten jedoch seinen Asylantrag nicht, so dass er sein Glück anschließend in Kiew versuchte und dort für den krimtatarischen Fernsehsender ATR arbeitete. Und, ist nun zu ergänzen: für den Geheimdienst SBU.


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