Aus: Ausgabe vom 31.05.2018, Seite 8 / Kapital & Arbeit

»Fraport hätte die Bewohner anhören müssen«

Warum der Flughafenbetreiber für Zwangsumsiedlung eines Dorfes in Brasilien verantwortlich ist. Ein Gespräch mit Arne Fellermann

Interview: Gitta Düperthal
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Der Internationale Flughafen Salgado Filho in Porto Alegre (Archivbild)

Der BUND und der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre haben die Fraport AG bei ihrer Hauptversammlung am Dienstag heftig kritisiert. Mit seinen Investitionen für den Ausbau des Flughafens in Porto Alegre in Brasilien sei der Flughafenbetreiber für die Zwangsumsiedlung eines ganzen Dorfes mit 2.100 Familien verantwortlich. Inwiefern?

Da der Flughafen Frankfurt am Main weitgehend gesättigt ist, freut sich der Konzern über eine große Rendite im Schwellenland Brasilien, missachtet aber dort menschenrechtliche Standards. Zum 2. Januar 2018 übernahm die Fraport AG den Betrieb des Flughafens Salgado Filho in Porto Alegre für die Dauer von 25 Jahren. Sie investiert dort in großem Stil. Zuständig ist die Tochterfirma Fraport Brasil. Die Folge: Rund 5.000 Menschen aus dem Dorf Vila Nazaré vor den Toren Porto Alegres sollen für den Flughafenausbau zwangsumgesiedelt werden. Dieser Plan wurde willkürlich, autoritär und ohne hinreichende Vorabinformationen oder Garantien für die Bevölkerung durchgesetzt. Das beklagen Betroffene aus der Anwohnervereinigung »Amovin«. Sie berichten von Missachtung ihrer Interessen und Rechte. Schlimmer noch – von täglichem Polizeiterror in der Gemeinde. Konstante Präsenz vermummter Polizisten schüchtere die Bewohner ein. Fälle von Gewalt und Folter wurden berichtet. Von einer demokratischen Einbindung der Bewohner kann keine Rede sein.

Bei der Hauptversammlung kam es daher zum Streit. Hat der Vorstand der Fraport AG Stellung genommen?

Der Vorstand war der Auffassung, dass diese Siedlung sowieso illegal sei, weil die Bewohner das Land nicht gekauft hätten. Tatsächlich gibt es aber in Brasilien, wenn eine solche Siedlung schon über einen Zeitraum von etwa 50 Jahren besteht, ein verbrieftes Recht, dort zu wohnen: Der Staat investiert, baut Brunnen, schließt das Gebiet an den Verkehr an. Er sorgt für die Infrastruktur. Weiter argumentierte Fraport, die Bewohner bekämen neue Wohnungen, sollten sich also nicht beklagen. Sie verdeutlichen aber, dass dies eine maßgebliche Verschlechterung ist. Sie kritisieren die willkürliche Umsiedlung in zwei verschiedene, weit entfernt liegende Stadtviertel Porto Alegres mit hoher Kriminalitätsrate. Sie könnten ihren Jobs nicht mehr nachgehen wie zuvor. Fraport hätte die Bewohner überhaupt erst mal anhören müssen. Zumal der Konzern sich auf seiner Webseite mit weltweit verantwortlichem Handeln rühmt, Menschenrechte und Umweltschutz betreffend.

Wie rechtfertigt sich der Fraport-Vorstand?

Die Entscheidung, das Dorf zwangsumzusiedeln, habe die Regionalregierung bereits vor der in Brasilien ausgetragenen Weltmeisterschaft 2014 gefällt. Nur weil das Geld fehlte, hätten die Pläne auf Eis gelegen. Durch die Investition der Fraport werde die geplante Landebahnerweiterung wiederaufgenommen. Die Umsetzung liege in den Händen der Regionalregierung.

Wird sich der Konflikt zuspitzen?

Der Widerstand unserer Schwesterorganisation Núcleo Amigos da Terra – Freunde der Erde Brasiliens –, der Anwohnervereinigung und einer Organisation Obdachloser aus der Region wird weitergehen. Vergangene Woche gab es eine Anhörung im Regionalparlament im Dorf Vila Nazaré in Porto Alegre. Fraport war anwesend. Wir fordern, dass der Flughafenbetreiber seine Rolle als nachhaltig handelndes Unternehmen wahrnimmt.

Auch beim Ausbau des Frankfurter Airports mussten Menschen umziehen; mit dem Kelsterbacher Wald wurde ein Naherholungsgebiet zerstört.

In der Tat. Es geht nicht, dass Fraport einerseits mit der Einhaltung nationaler und international anerkannter Kodizes wirbt, andererseits in Porto Alegre erneut dagegen verstößt.

Fühlten sich die Großaktionäre bei Ihrer Jubelparty »größer, schneller, mehr« gestört?

Aus deren Sicht war es wohl eher ein kleiner Wermutstropfen. Wir werden den Protest in Porto Alegre unterstützen, indem wir hierzulande den Druck auf den Konzern erhöhen.

Arne Fellermann ist Leiter des Bereichs Verkehrspolitik im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)


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