Aus: Ausgabe vom 31.05.2018, Seite 6 / Ausland

Ankaras heimlicher Aufmarsch

Türkische Armee dringt immer tiefer in den Nordirak vor. PKK-Guerilla leistet Widerstand

Von Nick Brauns
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US-Präsenz in Syrien: Washington hat ebenso wie Frankreich Truppen in Manbidsch stationiert (8.5.2018)

Das nächste Ziel sei die Stadt Manbidsch, hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach der Besetzung des kurdischen Selbstverwaltungskantons Afrin noch großspurig getönt. Doch in Manbidsch sind nicht nur US-amerikanische Truppen stationiert, sondern mittlerweile auch französische, so dass Erdogans weiteren Eroberungsplänen in Nordsyrien vorerst ein Riegel vorgeschoben wurde. Im laufenden Wahlkampf spielt der Krieg gegen die kurdische Befreiungsbewegung kaum eine Rolle, obwohl es im Osten der Türkei nahezu täglich zu Militäreinsätzen gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) oder Gegenschlägen der Guerilla kommt. In Meinungsumfragen sorgt sich die Bevölkerung angesichts der Talfahrt der Türkischen Lira vor allem um die wirtschaftliche Situation, noch vor dem Dauerbrenner »Terrorismus«.

Der Afrin-Effekt – eine nationalistische Hochstimmung, die der Allianz aus der regierenden AKP und der faschistischen MHP zugute kommt – scheint zu verpuffen. Doch als As im Ärmel behält sich Erdogan einen Angriff auf das PKK-Hauptquartier in den nordirakischen Kandil-Bergen noch vor der Wahl vor. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits seit einem halben Jahr. Inzwischen haben türkische Truppen weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit einen 20 Kilometer tiefen Brückenkopf im Nordirak errichtet. Die Armee dringe täglich weiter in das Nachbarland vor und besetze Territorium der kurdischen Autonomieregion, berichten Dorfbewohner gegenüber dem irakisch-kurdischen Sender NRT.

Im Unterschied zu früheren grenzüberschreitenden Einsätzen handelt es sich weder um einen kurzfristigen Angriff auf die Guerilla mit anschießendem Rückzug noch um die Bildung einer grenznahen Pufferzone. Der Vormarsch zielt auf eine dauerhafte Besatzung der nach einem dort ansässigen Stamm benannten Bradost-Region im türkisch-irakisch-iranischen Grenzgebiet. »Das Dreieck von Bradost bildet die Grenzregion zwischen drei Teilen Kurdistans. Aufgrund dieser strategischen Bedeutung wollten viele Staaten, um Kurdistan zu beherrschen, diese Region unter ihre Kontrolle bekommen. Jedoch ließen die Berge von Bradost alle Invasoren scheitern«, heißt es in der kurdischen Tageszeitung Yeni Özgür Politika über dieses »Dreieck des Widerstandes«, das in früheren Jahrhunderten bereits zum Schauplatz von blutigen Konflikten zwischen den Osmanen und den Safawiden, dem Iran und den Arabern, den Russen und den Briten wurde.

Die PKK ist seit Mitte der 1980er Jahre in Bradost präsent, Teile des gebirgigen Geländes gehören zum von ihrer Guerilla als Medya-Verteidigungsgebiet kontrollierten Hinterland. Die Türkei wolle dieses besetzen, um der Guerilla »einen schweren Schlag zu versetzen und sich darüber aus der Bedrängnis zu retten«, warnt daher der Kommandeur Serdar Star im Gespräch mit der kurdischen Nachrichtenagentur Firat vor Plänen, die Verbindung zwischen den Kandil-Bergen und den anderen Rückzugsgebieten zu kappen.

Die türkische Armee hat neue Militärbasen in mindestens sechs Dörfern sowie auf mehreren Berggipfeln im Nordirak errichtet. Einige Stützpunkte sind nur wenige Kilometer Luftlinie von PKK-Camps entfernt. Aufgrund andauernder Guerillaangriffe, bei denen nach PKK-Angaben Dutzende Soldaten getötet wurden, kann das Militär kaum aus seinen Basen ausrücken. Doch willkürlicher Artilleriebeschuss und Luftangriffe zielen auf Vertreibung der Zivilbevölkerung, um der Guerilla so den Rückhalt zu nehmen.

Obwohl bereits eine Reihe von Dörfern geräumt werden mussten, schweigt die in Erbil regierende Demokratische Partei Kurdistans (KDP) zur türkischen Invasion. Ankara macht sich die traditionelle Feindschaft zwischen dem Barsani-Stamm, der die KDP dominiert, und dem Bradost-Stamm zunutze. Wie Firat berichtete, soll die KDP im Gegenzug zur Wiederöffnung des Haci-Beg-Grenzübergangs zur Türkei dem Bau eines Staudamms zugestimmt haben. Dadurch würden Teile von Bradost geflutet und so für die Guerilla unpassierbar gemacht werden.


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