Aus: Ausgabe vom 31.05.2018, Seite 2 / Inland

»Ein Gewinn, den uns niemand nehmen kann«

Am Montag wurden zwei besetzte Wohnungen im Stuttgart Stadtteil Heslach geräumt. Der Kampf geht weiter. Gespräch mit Adriana Rossi

Interview: Jan Greve
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Der Kampf geht weiter: Adriana Rossi mit Mann und Kind

Vor etwa einem Monat haben Sie, ihre Familie und eine Mutter mit ihrem Sohn zwei Wohnungen in der Wilhelm-Raabe-Straße 4 in Stuttgart besetzt. Mit der Aktion sollte auf das Problem von leerstehenden Wohnungen und steigenden Mieten aufmerksam gemacht werden. Im Gespräch mit jW (4.5.) schienen Sie noch optimistisch, vorerst bleiben zu können. Jetzt hat die Polizei beide Wohnungen zwangsgeräumt. Was genau ist passiert?

Die zwei Wohnungen wurden am Montag morgen mit rund 100 Polizisten und zwei Gerichtsvollziehern in Anwesenheit der Eigentümerin, die extra aus London angereist war, geräumt. Uns wurde gesagt, dass wir alle eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch bekommen haben. Die entsprechenden Räumungsklagen wurden uns auch in die Hand gedrückt. Sogar unsere anderthalb und neun Jahre alten Kinder haben eine eigene Ausfertigung davon bekommen. Zum Zeitpunkt der Räumung waren rund 50 Leute aus der Nachbarschaft da, die uns unterstützt haben. Die Stadt hat uns eine Notunterkunft in einem Obdachlosenwohnheim zugeteilt. Da hätte man aber Decken und Geschirr selber mitbringen müssen. Nur waren unsere Decken schon beschlagnahmt. Die anwesenden Polizisten sagten mir: Ja, dann haben sie eben keine Decke. Wir haben gesagt, dass wir das Angebot nicht annehmen. So eine scheinheilige Hilfe von denen, die diese Misere mitverursacht haben, wollen wir nicht.

Angekündigt wurde diese Zwangsräumung nicht?

Nein, gar nicht. Bis Sonntag hatte es eine Frist der Eigentümerin gegeben, dass man sich bei ihr mit einem Angebot melden soll. Das haben wir auch gemacht. 15 Stunden später wurden dann die Wohnungen geräumt, das war also offenbar schon länger geplant. Wir hatten angeboten, dass wir für die Wohnungen etwa 650 und 700 Euro Miete zahlen. Eine Antwort bekamen wir nicht, dafür gab es dann das riesige Polizeiaufgebot vor dem Haus.

Am Montag demonstrierten gut 500 Menschen gegen die Zwangsräumung. Im Vorfeld hatte es bereits Aktionen des Bündnisses »Recht auf Wohnen« gegeben. Am 14. Juni ist eine Kundgebung vor dem Stuttgarter Rathaus geplant. Sie haben sich offenbar gut vernetzt?

Ja. Uns war sehr wichtig, unser Problem nicht als individuelles darzustellen. Ein Großteil der Bevölkerung hat mit steigenden Mieten zu kämpfen, das wollten wir mit der Aktion aufgreifen. Die Probleme am Wohnungsmarkt sind systembedingt. Wir haben unter anderem eine große Podiumsdiskussion in unserem Viertel gemacht, da waren mehr als 100 Leute aus der Nachbarschaft da. Es war echt schön, es hat eine sehr lebhafte Diskussion gegeben. Da sind Leute aufgestanden, die nicht unbedingt aus linken Zusammenhängen kommen, die gesagt haben: Ich laufe jeden Tag an einem leerstehenden Haus vorbei, lasst uns das auch besetzen. Auch, wenn sich durch die Räumung unser individuelles Problem nicht gelöst hat, haben wir für die Sache viel gewonnen. So viele Leute haben sich mit uns und unserer etwas grenzüberschreitenden Aktion solidarisch gezeigt. Das ist ein Gewinn, den uns niemand nehmen kann.

Wen genau machen Sie für die Situation verantwortlich?

Das Problem liegt im System. Der Kapitalismus funktioniert eben so, indem der Profit einiger weniger immer weiter steigt, und das auf unseren Kosten. Der Abstand zwischen reich und arm wird ja bekanntlich immer größer und das sieht man auch beim Thema Wohnen. Leute spekulieren, legen ihr Kapital auf dem Wohnungsmarkt an und wir, die nicht zu den Besitzenden gehören, tragen die Auswirkungen dieser Entwicklung. Es geht also ganz klar auch um die Eigentumsverhältnisse. Meiner Meinung nach wird sich die Wohnungsfrage nicht innerhalb des Kapitalismus lösen lassen. Deswegen strebe ich eine Gesellschaft an, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Wir müssen also weiter aktiv bleiben, die Verursacher der Probleme benennen und uns zusammenschließen. Hätten wir nicht die ganze Solidarität der Nachbarschaft hier gehabt, wäre unsere Aktion auch nicht so erfolgreich gewesen. Das hat gezeigt, wie wichtig es ist, das gemeinsam zu machen.


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