Aus: Ausgabe vom 29.05.2018, Seite 8 / Ausland

»Kolumbien ist ein sozial ungerechtes Land«

Buenaventura: Ein Jahr nach beigelegtem Generalstreik wurde nur ein Zehntel der Vereinbarungen umgesetzt. Gespräch mit Jhon Reyna

Interview: Von Jan Schwab, Bogotá
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Könnten Sie uns Ihr Streikkomitee und seine Agenda für Buenaventura kurz vorstellen?

Das Komitee entstand im Jahr 2013, als sich die verschiedenen in unserer Stadt arbeitenden Initiativen zusammensetzten, um über die Möglichkeit eines Generalstreiks zu beraten. Es versteht sich als Plattform zur Koordinierung sozialer Bewegungen. Unsere Aktivisten sind Teil des Kleinunternehmertums, der Gewerkschaften, der kommunalen Initiativen, der Indigenenverbände und der verschiedenen konfessionellen Gemeinden. Wir sind also eine breit aufgestellte Bewegung, und ebenso breit aufgestellt sind unsere Forderungen zum Beispiel hinsichtlich der Infrastruktur, der Bildung, der Kultur und der Basisversorgung.

Was sind denn die drängendsten Probleme Ihrer Stadt?

Buenaventura wird seit vielen Jahren vom kolumbianischen Staat im Stich gelassen. Es gibt hier gravierende strukturelle Probleme. Der Zustand unserer Gesundheitsversorgung ist mit nur einem Krankenhaus für knapp 400.000 Einwohner dramatisch. Die Bildungseinrichtungen sind mehrheitlich in so schlechtem Zustand, dass viele Schüler nicht zur Schule gehen können. Zugleich ist aufgrund von mangelhafter Sicherheit ein hohes Gewaltniveau im Alltag präsent. Wenn wir uns das politökonomische Panorama in Kolumbien ansehen, stellt Buenaventura wegen seines Hafens einen Schlüsselstandort dar. Folglich flossen auch alle Investitionen ausnahmslos in den Hafen. Deshalb sagen wir heute: Der Hafen, das sind nicht wir!

Warum tut der Staat aus Ihrer Sicht so wenig für die Menschen der Stadt?

Kolumbien ist ein sozial ungerechtes Land. Vetternwirtschaft und Korruption sind allgegenwärtig. Die Unternehmerschaft interessiert sich nur für den Profit und agiert nicht im Interesse der Menschen. Die Ursache der Ungleichbehandlung im Staatshaushalt liegt genau in diesen politischen und ökonomischen Interessen. Der Regierung und den Unternehmern sind die Menschen in Buenaventura egal. Das, was sie hier interessiert, ist die strategische Lage, um Geschäfte zu machen.

Und deshalb der Generalstreik vor einem Jahr?

Wir hatten uns zuvor oft mit der Regierung getroffen, um unsere Probleme zu lösen, aber es gab von Seiten Bogotás jahrelang keine Initiativen. Die Idee entstand durch die alltägliche Erniedrigung, die die Menschen hier erleben müssen, und damit die Regierung uns endlich zuhört. Der Erfolg unserer ersten Mobilisierungen 2014 übertraf mit bis zu 50.000 Teilnehmern weit unsere Erwartungen. Die Regierung reagierte darauf mit einem Sofortplan, an den sie sich jedoch nicht hielt. Es gab also genug Gründe für den Streik.

Wie reagierte die Regierung auf den Streik?

Zuerst schickten sie die Aufstandsbekämpfungseinheit ESMAD, um uns ruhigzustellen. Sie behandelten uns wie im Kriegszustand. Durch die Gewalt der ESMAD gab es unzählige Verletzte und leider auch zwei Tote. Obwohl es von keiner Seite beabsichtigt war, starben ein Demonstrant und ein Polizist. Zum Glück gab es nicht noch mehr Tote, auch weil die Bevölkerung hier gezeigt hat, dass es ihr um einen friedlichen Protest geht.

Kam es schließlich zu einer Einigung zwischen Ihnen und der Regierung?

Wir haben Vereinbarungen ausgehandelt. Heute, ein Jahr später, stellen wir fest, dass lediglich zehn Prozent davon umgesetzt wurden. Aber ein enormer Erfolg für uns ist, dass der Protest zur Ausarbeitung eines staatlichen Gesetzes geführt hat, das in Kürze verabschiedet wird. Es geht hier um das Aufstellen eines Entwicklungsfonds für unsere Stadt, unter Mitverwaltung der kommunalen Initiativen.

Und wenn die Regierung ihr Versprechen nicht einhalten sollte?

Gerade läuft unsere dreiwöchige Veranstaltungsreihe zum Jahrestag des Generalstreiks 2017. Wir hoffen gerade, dass die Regierung sich diesmal an die Abmachungen hält, obwohl alle bisherigen Erfahrungen uns das Gegenteil sagen. Sollte die Regierung uns erneut übers Ohr hauen, werden wir einen erneuten Generalstreik ausrufen.

Jhon Reyna ist Direktor der sozialen Fürsorge der katholischen Kirche in Buenaventura. Er begleitet die kommunalen Initiativen der südkolumbianischen Hafenstadt und ist Teil des örtlichen Generalstreikkomitees

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