Aus: Ausgabe vom 29.05.2018, Seite 2 / Inland

»Deutschland ist Europameister in sozialer Auslese«

Bologna-Prozess sollte Hochschulen des Kontinents im globalen Wettbewerb stärken. Das Ergebnis wirkt ernüchternd. Ein Gespräch mit Andreas Keiler

Interview: Ralf Wurzbacher
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Am Donnerstag und am Freitag tagte in Paris die neunte Bolo­gna-Folgekonferenz, dort, wo vor 20 Jahren mit der Sorbonne-Erklärung der Startschuss für die Schaffung eines »europäischen Hochschulraums« fiel. Haben Sie damals geahnt, dass dies vor allem ein neoliberales Projekt werden soll?

Ich sehe den Bologna-Prozess nicht per se als ein neoliberales Projekt. Richtig ist, dass es eine zentrale Zielsetzung war, den Hochschulstandort Europa im globalen Wettbewerb mit anderen Regionen zu stärken. Ziele wie Vergleichbarkeit der Hochschulabschlüsse, einheitliche Qualitätsstandards und die Förderung der Mobilität liegen aber durchaus im Interesse der Studierenden. Insofern liegt Bologna eine widersprüchliche Agenda zugrunde, was auch Interventionsmöglichkeiten für eine fortschrittliche Bildungspolitik eröffnet.

Aber bisher überwiegen eindeutig die Nachteile, oder?

In Deutschland wurde Bologna genutzt, um das Studium zu verkürzen, zu verschulen und zu verdichten. Tatsächlich möchten viel mehr junge Menschen nach dem Bachelor weiterstudieren, als dies der Hochschulpakt 2020 vorsieht. Die Folge: Es fehlen Masterstudienplätze, vielerorts gibt es Eignungsprüfungen oder einen Numerus clausus. Fatal ist das insbesondere, wenn der Bachelor nicht wirklich berufsqualifizierend, ist wie im Lehramtsbereich. Ohne Masterplatz steht man dann mit einem halbfertigen Studium da.

Was wurde aus dem Versprechen der grenzenlosen Mobilität?

Die Mobilität wurde zwar innerhalb Europas erleichtert, innerhalb Deutschlands sind die Hürden aber höher geworden. Wer von Potsdam nach Berlin wechseln möchte, womöglich von einer FH an eine Uni, hat massive Anerkennungs- und Zulassungsprobleme. Das liegt auch daran, dass in Deutschland Bolo­gna der Türöffner für eine wettbewerbsorientierte Profilierung der Hochschulen war. Man studiert heute nicht mehr einfach Betriebswirtschaftslehre, sondern Business Administration, Finance and Accounting oder International Management.

Wollen sich die 48 beteiligten Staaten der Probleme annehmen?

Dass nicht alles reibungsfrei läuft, haben die Ministerinnen und Minister in Paris durchaus erkannt. Die Umsetzung der Bologna-Ziele soll künftig besser überwacht werden. Außerdem wurden die soziale Spaltung, der wachsende Populismus und Angriffe auf die akademische Freiheit als Probleme benannt, denen man sich stellen will. Das ist eine klare Botschaft des Pariser Kommuniqués.

Inwieweit sehen Sie speziell Deutschland in der Bringschuld?

Deutschland ist Europameister in sozialer Auslese, nach wie vor. Fast nirgendwo ist der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängig wie hier. Wir brauchen daher eine schnelle und wirksame BAföG-Reform und mehr individuelle Unterstützung der Studierenden, insbesondere durch die Verbesserung der Betreuungsrelationen, also die Einstellung von mehr Lehrenden, und zwar unbefristet. Letztere müssen auch besser unterstützt werden, etwa durch Fort- und Weiterbildung auf Inklusion und Diversität, digitale Bildung und innovative Lehrkonzepte vorbereitet werden. Auch hierauf hat sich die Konferenz auf Vorschlag der europäischen Bildungsgewerkschaften verständigt.

Der Chef der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Horst Hippler, hat sich gegen die Ausrichtung des Studiums »auf die unmittelbare Verwertbarkeit für den Arbeitsmarkt« ausgesprochen. Erstaunt Sie das?

Einerseits nein, weil der HRK-Chef den Unmut an seiner Basis nicht komplett ignorieren kann. Andererseits sehe ich einen Widerspruch zu seinem überschwenglichen Lob für Macrons Initiative für »europäische Universitäten«.

Was hat es damit auf sich?

Details sind noch nicht bekannt, aber im Kern geht es um einen europäischen Wettbewerb, an dessen Ende 20 bis 30 Hochschulen oder Hochschulnetzwerke als »europäische Universitäten« gefördert werden sollen. Ich fürchte, dass für diese Idee die deutsche »Exzellenzinitiative« Pate stand, die ich kritisch sehe, weil sie den Grundansatz von Bologna unterminiert, eine gute Qualität, Durchlässigkeit und Mobilität im ganzen europäischen Hochschulraum zu gewährleisten und nicht nur in einem exklusiven Klub von Eliteunis.

Andreas Keller ist Vizechef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung


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