Aus: Ausgabe vom 26.05.2018, Seite 12 / Thema

Flachweltler und Geheimagenten

Wie man wissen kann, was von Verschwörungstheorien zu halten ist

Von Kai Köhler
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Endliche Vorstellungskraft. Die Karte der eckigen und ruhenden Erde (»Map of the square and stationary earth«) eines gewissen Professor Orlando Ferguson aus dem Jahr 1893

Was ist eine Verschwörung? Eine Gruppe von Leuten tut sich im geheimen zusammen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Ihre Mittel sind häufig illegal; auf jeden Fall sind sie derart, dass die Öffentlichkeit nicht von ihnen erfahren darf. Gleiches gilt oft für das Ziel. Gibt es Verschwörungen? Zweifellos. Sie können die Bewahrung oder die Veränderung von Verhältnissen zum Zweck haben.

Was ist eine Verschwörungstheorie? Eine Theorie, die aus bestimmten Anzeichen das Vorhandensein einer Verschwörung schließt, oder dies mindestens vorgibt. Verschwörungstheorien können zutreffen, teilweise zutreffen oder völlig falsch sein. Sie können die Veränderung oder die Bewahrung von Verhältnissen zum Zweck haben.

An dieser Stelle könnte der Artikel zu Ende sein, hätte nicht das Wort »Verschwörungstheorie« eine weitere Bedeutung. Auf dieser zweiten Ebene bedeutet es mindestens: hirnverwirrter Unfug, damit Ablenkung von wirklichen Problemen. Oft lautet der Vorwurf: Gesellschaftliche Vorgänge werden nicht verstanden, weil der Blick auf angeblich handelnde Personen verkürzt ist und diese Personen nach einem Gut-Böse-Schema moralisch gewertet werden. Im ernstesten Fall ist von Antisemitismus die Rede; in der Logik der antisemitischen Propaganda verkörpern Juden die Probleme, die tatsächlich dem Kapitalismus zuzuschreiben sind.

Wer hat ein Interesse daran, abwertend von »Verschwörungstheorien« zu reden? Zum einen natürlich Verschwörer. Ihnen muss daran gelegen sein, dass jeder, der ihnen auf die Schliche kommt, umstandslos als lächerlich gilt und Hinweise auf ihre Verschwörung gar nicht erst geprüft werden. Zum anderen aber treten Personen auf, die, von historischer Erfahrung gestützt, berechtigte Sorgen über die Wirkung mancher Verschwörungstheorien haben. Sie können sich nicht darauf einlassen, die Argumente ihrer Gegner einzeln zu prüfen. Wer mit einem Nazi diskutiert, ob die Familie Rothschild wirklich die Welt beherrscht, hat schon verloren. Es hieße, Hetze in den Rang einer ernsthaften These zu erheben.

Das Problem

Es gibt also sowohl prüfenswerte Behauptungen über mögliche Verschwörungen als auch Unfug und Hetze. Damit haben wir den Ansatz für eine Unterscheidung. Abgesehen von unseren Meinungen fehlt uns jedoch ein Kriterium, einzelne Verschwörungstheorien zuzuordnen. Des einen Unfug ist zunächst noch des anderen Wahrheit. Lassen sich nun – noch vor einer Prüfung im Detail – Merkmale nennen, die eine Einteilung der Verschwörungstheorien erlauben?

Wer sich mit dieser Frage im Internet umtut, stößt vermutlich auf die Flachweltler. Sie sind nicht so selten, wie man hoffen würde, und meinen, dass die Erde eine Scheibe sei, an deren Rändern sich Eislandschaften befänden. Ihr Hauptfeind ist die NASA, die auf der Kugelform der Erde beharrt und nicht wahrhaben möchte, dass in lediglich 57 Kilometern Höhe eine Kuppel … Das sollte reichen. Diese Verschwörungstheorie jedenfalls brachte eine zweite hervor, derzufolge die CIA die »Flacherd«-Bewegung initiiert habe, um Verschwörungstheorien überhaupt ins Lächerliche zu rücken und so besser verdeckt operieren zu können.

Vergleicht man die beiden möglichen Verschwörungen, so fällt auf, dass die erste einen erheblich größeren Aufwand erfordert, sie zu verbergen. Es reicht ja nicht, dass die zahlreichen NASA-Mitarbeiter jahrzehntelang dichthalten. Auch andere Raumfahrtorganisationen müssten sich beteiligen, Satellitenbetreiber bewusst nutzlosen Schrott herstellen, zahlreiche technische Geräte vom GPS bis zum Handyempfang anders als behauptet funktionieren, Piloten wären eingeweiht … Man braucht also kein naturwissenschaftliches Argument, um zu sehen, dass eine solche Verschwörung unmöglich durchzuführen wäre, man es also mit Unfug zu tun hat. Dagegen bräuchte es nur eine kleine Arbeitsgruppe der CIA, um mit einer einmaligen Aktion die Flacherd-Theorie in Umlauf zu bringen. An Idioten, sie weiterzuverbreiten, dürfte kein Mangel sein.

Das ist zwar kein Beweis; an Idioten fehlt es auch dort nicht, wo die CIA keine Finger im Spiel hat. Aber als erstes Resultat lässt sich festhalten: Je weniger Beteiligte notwendig sind, je klarer die behauptete Verschwörung auf ein punktuelles Ereignis zielt, desto eher hat man es mit einer überprüfenswerten Theorie zu tun. Wo der Kreis der Eingeweihten groß sein müsste oder über Jahrzehnte hinweg ein Plan verfolgt wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit stark.

Letzteres betrifft alle Behauptungen über eine geheime jüdische Weltherrschaft, aber auch die unter Linken gängigere Skepsis gegen die »Bilderberger«. Man kann es undemokratisch finden, dass eine eingeladene selbsternannte Elite auf regelmäßigen Konferenzen Einfluss ausübt; man kann es andererseits in Zeiten imperialistischer Spannungen besser finden, dass da Leute miteinander Standpunkte austauschen, statt sich mit Raketen zu beschießen. Die Annahme, dass Vertreter gegensätzlicher Interessen über viele Jahre hinweg die »neue Weltordnung« repräsentierten, ist jedenfalls allzu harmonisierend.

Als Unfug können ferner ohne weitere Prüfung alle Ansätze abgetan werden, die sich auf die Entschlüsselung geheimer Zeichen berufen. Dem Verfasser wurden einmal zwei Bilder vorgelegt. Das eine zeigte Hitler mit hellem Hut vor dunklem Hintergrund, das andere den Saturn mit seinen Ringen. Die optische Ähnlichkeit der Zufallsaufnahme mit dem astronomischen Bild bestand tatsächlich, doch hätte der Verfasser sich sogar dann der Aufforderung widersetzt, sich bei der jW-Redaktion für die Veröffentlichung zu verwenden, wenn er verstanden hätte, wie Hitler und der Saturn zusammenhängen sollten. Die Analogie war zwar in der frühneuzeitlichen Wissenschaft ein anerkanntes Beweismittel; mit der Moderne ist dies aber zum Glück überwunden.

Beliebt ist auch die Merkel-Raute, die mit verschiedenen Verschwörungstheorien (Illuminaten, verborgene Herrschaft außerirdischer Reptilien) in Verbindung gebracht wird. Es fragt sich nur, weshalb die Verschwörerin sogar auf Wahlplakaten vorzeigen sollte, dass sie eine ist. Wer das Zeichen nicht kennt, versteht es nicht; und wer an der Verschwörung teilhat, braucht es nicht. Eine Funktion ist nur auf einer ganz anderen Ebene erkennbar: Der Verschwörungstheoretiker, der das Zeichen entschlüsselt, setzt sich als Wissender in Szene. Er ist dem gewöhnlichen Wahlvolk überlegen, hat eine Universalerklärung für alle Misslichkeiten – und wenn es gut läuft, gewinnt er bei seinen Gläubigen an Ansehen und kassiert via Buchverkauf und Vorträgen deren Geld. Die Anhänger wiederum, wenn sie auch entsprechend Geld verlieren, gewinnen doch eine Welterklärung, die dazu taugt, die schwer verständlichen Ereignisse zu ordnen.

Das Menschenbild

Spätestens hier wäre Protest möglich, und dieser nicht ganz ohne Berechtigung. Wer mit guten Gründen die britische Version anzweifelt, die Skripals seien auf Putins Befehl vergiftet worden, wird als Verschwörungstheoretiker denunziert – und dies, obwohl die offizielle Version ebenfalls eine Verschwörung, nur eben mit anderen Tätern, behauptet. Und da kommt der Verfasser mit der lächerlichen Theorie über in Hohlräumen des Weltinneren hausende Reptilien, die Angela Merkel steuern!

Doch Geduld. Es geht hier auch um den Fall Skripal. Doch nicht auf der Ebene eines Whodoneit, die in anderem Zusammenhang wichtig ist, sondern mit der Frage: Wie können wir erkennen, welche Argumente sinnvoll sind? Und dazu hieß es bislang, um zum Hauptstrang der Argumentation zurückzukehren: Verschwörungstheorien sind umso unwahrscheinlicher, je mehr Beteiligte sie voraussetzen, je gleichgültiger sie gegenüber unterschiedlichen Interessen der Beteiligten sind, je mehr sie langfristige Planungen voraussetzen. Prüfenswert sind deshalb meist solche Verschwörungstheorien, die sich auf ein einzelnes Ereignis beziehen.

Eine Verschwörung durchzuführen bedeutet, an die Planbarkeit menschlichen Tuns zu glauben. Die gelungene Verschwörung ist wie ein gut konstruiertes Drama, in dem es einen – wie auch immer vermittelten – Handlungszusammenhang von Ursache und Wirkung gibt. In der Realität heißt das für Verschwörer allerdings, von möglichst wenigen Voraussetzungen auszugehen, denn jede weitere Bedingung verringert die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs.

Nehmen wir zum Fall Skripal zwei Verschwörungstheorien an. Nummer 1: Der russische Geheimdienst vergiftet den Exagenten am 4. März mit einer denkbar auffälligen Methode, um eine internationale Konfrontation herbeizuführen, die dann am 18. März Putin als Beschützer der Nation einen besonders hohen Wahlsieg sichert. Nummer 2: Der britische Geheimdienst vergiftet den Exagenten mit einer denkbar auffälligen Methode, um eine internationale Konfrontation herbeizuführen, die von den Nöten der britischen Regierung bei den »Brexit«-Verhandlungen ablenkt.

Der Vergleich zeigt schnell den Nachteil der Version Nummer eins. Ihr Erfolg ist davon abhängig, dass der Gegner mitspielt. Würde die britische Regierung nur zwei Wochen lang behaupten, in alle Richtungen zu ermitteln, und erst am Montag oder ein wenig unauffälliger am Mittwoch nach der russischen Wahl in die Konfrontation gehen, wäre der Plan durchkreuzt. Dagegen funktioniert Nummer zwei relativ voraussetzungslos. Ausführende und Nutznießer können sich aufeinander verlassen, ohne eine dritte Partei zwischenzuschalten.

Damit ist nicht bewiesen, welches die realen Hintergründe des Attentats sind. Das Wahrscheinliche muss nicht das Wahre sein. Angesichts dessen, dass Verschwörungen stets vom Scheitern bedroht sind und Verschwörer dies auch wissen dürften, ist allerdings die Frage nach der Zahl der fürs Gelingen nötigen Voraussetzungen sinnvoll.

Hier kommt ein kürzlich im Suhrkamp Verlag erschienenes Buch des Amerikanisten Michael Butter ins Spiel. »Nichts ist, wie es scheint« – das Zitat, das dem Buch seinen Titel gibt, soll die Sichtweise von Verschwörungstheoretikern und ihren Anhängern kennzeichnen. Hinter dem Offensichtlichen gebe es stets eine versteckte Wahrheit.

Man kann die Publikation durchaus mit Gewinn lesen. Butters Einteilungen erleichtern die gedankliche Orientierung: Angebliche Verschwörungen gibt es von »unten« (z. B. Kommunisten) oder von oben (Regierungen oder ihre Geheimdienste), von innen oder von außen, und zwar in allen möglichen Kombinationen. Gelungen ist der Abschnitt über die Geschichte antisemitischer Verschwörungstheorien. Interessant sind auch Butters Überlegungen zu den medialen Voraussetzungen, unter denen Verschwörungstheorien verbreitet werden, und damit zu ihrem Wandel in neuester Zeit. Zu den fußnotenüberladenen dicken Büchern, deren Verfasser umso eifriger ihre Seriosität herauskehren, je unsinniger ihre vermeintlichen Entdeckungen sind, kamen kurz vor der Jahrtausendwende Filme fürs Internet, die immer professioneller gemacht werden. Solche Versuche, eine bestimmte Verschwörung zu belegen, haben immer noch ihr Publikum. Doch treten ihnen nun Youtube-Filmchen an die Seite, die mit beschleunigtem Schnitt und drohender Musik suggerieren, dass irgendeine finstere Macht im Hintergrund ihr Unwesen treibt, aber auf eine argumentative Entfaltung, wer sich zu welchem Zweck verschworen hat, verzichten.

Man kann Butter auch da zustimmen, wo er die Funktion von Verschwörungstheorien behandelt und damit die kümmerlichen Aussichten, ihre Vertreter argumentativ umzustimmen. Zumindest bei jenen Leuten, die sich ganz in eine bestimmte Erklärung verbissen haben, ist eine solche Diskussion absehbar ergebnislos. Wer glaubt, dass Angela Merkel im Auftrag einer anonymen globalen Finanzelite die »Umvolkung Deutschlands« betreibe, wird davon durch keinerlei Darlegung abzubringen sein. Schließlich dient der Unfug dazu, ein Ordnungsmuster in eine schwer überschaubare Welt zu bringen. Diese Funktion kann er auch als Unfug durchaus erfüllen; für die Anhänger Grund genug, ihn zu verteidigen. Aussichtsreicher, als über die Umvolkungsthese zu streiten, wäre es also, daneben ein anderes Orientierungsmuster aufzubauen.

Problematisch ist, was Butter über die Zusammenhänge zwischen Verschwörungstheorien und Populismus schreibt. Er gesteht zwar zu, dass es sehr unterschiedliche Definitionen von »Populismus« gibt und dass manche »Populisten« ohne Verschwörungstheorien auskommen. Doch konstruiert er eine aus seiner Sicht entscheidende Gemeinsamkeit: Populisten wie Verschwörungstheoretiker würden das politische Feld radikal vereinfachen. Elite versus Volk, Verschwörer versus ihre Opfer – in diesem moralisch aufgeladenen Gegensatz gebe es für Zwischengruppen und differenzierte politische Bewertungen keinen Platz.

Nun muss, wer Verhältnisse kenntlich machen und verändern will, Gegensätze zuspitzen. Eine differenzierte Beschreibung voller Verständnis, wer aus welchen Gründen wie handelt, zeichnet den Wissenschaftler aus und ist für politisches Handeln untauglich. In Butters Populismuskritik deutet sich ein Konservatismus an, der sich bei näherem Hinsehen bestätigt. Für ein Buch, das von Verschwörungstheorien handelt, ist die Frage, was denn eine Verschwörungstheorie sei, erstaunlich leichtfertig abgehandelt. »Offensichtlich haben wir alle ein intuitives Verständnis davon, was eine Verschwörungstheorie ist«, heißt es in der Einleitung, launisch markiert mit dem bekannten Bonmot des US-amerikanischen Richters, der urteilen sollte, ob ein bestimmtes Werk Pornographie sei und als Kriterium anführte: »Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.«

So handelt Butter – nach seinem Selbstverständnis – ausschließlich von unsinnigen Verschwörungstheorien. Manche seiner Beispiele gehören jedoch mit Sicherheit nicht in diese Gruppe. Im Populismus-Abschnitt geht es unter anderem um den »Populisten« Hugo Chávez, der als Präsident von Venezuela zahlreiche Maßnahmen damit gerechtfertigt habe, »dass große Teile des Systems, zum Beispiel das Gesundheitswesen, noch in den Händen der verschwörerischen Eliten seien«. Außerdem habe er, typisch für Verschwörungstheoretiker, eine »Kollaboration zwischen den Eliten im Inneren und mächtigen Feinden außerhalb des Landes behauptet«. Insbesondere habe er die CIA angegriffen, »der aufgrund ihrer unrühmlichen Geschichte von vielen immer (noch) ein (weiteres) Komplott zugetraut wird. In ähnlicher Weise hat sich in Ungarn seit einigen Jahren die rechtspopulistische Fidesz-Partei auf den amerikanischen Investmentbanker und Philanthropen George Soros eingeschossen«.

»Populisten« von links und von rechts erscheinen in dieser Sicht genauso verwechselbar wie CIA-Agenten und Philanthropen. Als echte Verschwörungen, deren Existenz er nicht leugnet, gibt Butter nur zu, was bereits erwiesen ist. Auch er sieht, dass der Krieg gegen den Irak 2003 auf einer Verschwörung beruhte. Alle Thesen über gegenwärtige Verschwörungen, die zu Militärschlägen führen, erkennt er jedoch »intuitiv« als Unsinn.

Handlungen und Konsequenzen

So gerät auch sein historischer Überblick schief. Butter meint, bis in die 1950er Jahre seien Verschwörungstheorien gesellschaftlich anerkannt gewesen und dann erst in die Schmuddelecke abgerutscht. Grundlage dafür ist allerdings, dass er Behauptungen wie: »Die Russen haben die US-Präsidentschaftswahl manipuliert« gar nicht als die Verschwörungstheorie erkennt, die sie ja im Wortsinn ist, sondern vermutlich einfach als Wahrheit akzeptiert.

Hinter der falschen These vom Ansehensverlust der Verschwörungstheorie steckt indessen ein erwägenswertes Argument. Die Ursache sieht Butter in der Verbreitung sozialwissenschaftlichen Wissens zuerst in den USA, dann in anderen westlichen Ländern. Die verbesserte Ausbildung habe ein realistisches Bild gesellschaftlicher Abläufe ins Bewusstsein gerückt. Die moderne Gesellschaft werde seitdem – außer eben von Verschwörungstheoretikern – als das erkannt, was sie sei: eine Ansammlung so zahlreicher Akteure mit so verschiedenen Interessen, dass Handlungen unvorhersehbare Folgen hätten. Einfache Verbindungen von Absicht und Wirkung werden so gestört.

Daran ist etwas Richtiges. Verschwörungstheoretiker schließen oft vom Nutznießer eines Ereignisses auf dessen Urheber. Doch ist dies allenfalls ein Indiz; geschickte Politik schließt die Fertigkeit ein, auch unerwartete Gelegenheiten zu nutzen. Zulässig ist allein die umgekehrte Argumentation: Wer von einem Ereignis keinen Nutzen hat, scheidet als möglicher Urheber mit größter Wahrscheinlichkeit aus; also zum Beispiel die syrische Regierung bei einem Giftgaseinsatz kurz vor ihrem feststehenden Sieg in Duma.

Falsch ist daran das Lob der aktuellen Sozialwissenschaft. So neu ist nämlich die Erkenntnis nicht: Schon die Dramen eines Shakespeare oder Schiller sind voller Verschwörungen, die aufgrund unvorhergesehener Ereignisse zu einem anderen Resultat als dem gewünschten führen. Falsch vor allem ist die implizite Schlussfolgerung. Butter hat darin recht, dass Handlungen oft nicht beabsichtigte Folgen haben. Doch ziehen die Akteure daraus gerade nicht resignativ den Schluss, wahllos irgendwas zu tun, weil die Konsequenzen ohnehin nicht zu überschauen sind. Vielmehr treffen gesellschaftliche Akteure – ob Verschwörer oder nicht – Vorkehrungen, ihr Ziel trotzdem zu erreichen. Kurz: Verschwörungen verschwinden nicht dadurch, dass ihre Folgen nicht mit Sicherheit absehbar sind.

Berechtigt ist freilich Butters Warnung, bei der Behauptung von Zusammenhängen vorsichtig zu sein. Er argumentiert anthropologisch: Der Mensch sei auf das Erkennen von Mustern trainiert, denn nur das Erkennen von Ähnlichkeiten erlaubt es, Erlebtes auf Neues anzuwenden, also Erfahrungen zu sammeln. Das ist grundsätzlich sinnvoll, schießt aber manchmal übers Ziel hinaus. Dann sprechen wir vom Vorurteil, und im schlimmsten Fall passiert so etwas wie die oben geschilderte Gleichsetzung von Hitlers Hut mit den Ringen des Saturn. Doch dürfte dieses Problem die ohnehin unsinnigen Theorien über Langzeitverschwörungen betreffen, nicht die Ereignisverschwörungen, die eine genauere Prüfung verdienen.

Neben dem, was allzugut zu passen scheint, gibt es in Butters Argumentation auch das, was gar nicht passt. Dass der Pass eines der Attentäter vom 11. September 2001 auf einem Bürgersteig nahe des World Trade Centers unbeschädigt gefunden wurde, ist in der Tat seltsam. Wer meint, das Ereignis sei von der US-Regierung inszeniert oder mindestens geduldet worden, um die folgenden Kriege zu legitimieren, findet hier ein gutes Argument.

Butter folgt der offiziellen Verschwörungstheorie, dass Islamisten die Schuldigen seien, und setzt voraus, dass die konkurrierenden Verschwörungstheorien – Organisierung oder Geschehenlassen durch die US-Regierung, eine Fraktion in ihr oder einen der ihr angeschlossenen Geheimdienste – falsch seien. Der schwer erklärbare Pass ist aus seiner Sicht etwas, das Naturwissenschaftler als »Errant data« bezeichnen: etwas, was bei Experimenten nicht passieren sollte, aber doch passiert, was man dann aber »getrost ignorieren kann«.

Nun geschehen, angesichts einer Unzahl von Ereignissen, mit statistischer Wahrscheinlichkeit tatsächlich Dinge, die im Normalfall nicht geschehen dürften. Auch ist ein auf den Gehweg hinabgeschwebtes Dokument derart unglaubwürdig, dass es für ein ernsthaftes Täuschungsmanöver beinahe nicht in Betracht kommt. Nur fragt sich – für Naturwissenschaftler wie für politische Beobachter – welches Maß an Unstimmigkeiten zu vernachlässigen geht.

Schlussfolgerungen

Gibt es ein brauchbares Ergebnis? Wir haben erstens gesehen, wie ein Wissenschaftler den politisch vorgegebenen Meinungen folgt und inwieweit man sich seinen Kriterien dennoch anschließen kann. Wir haben zweitens die begrenzte Reichweite dieser Kriterien gezeigt und auch ein paar eigene Gedanken entwickelt, wie man wahnhafte Verschwörungsphantasien von einem ernsthaft zu prüfenden Verdacht unterscheiden kann. Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen imaginierten geheimen Weltregierungen einerseits, Ereignisverschwörungen andererseits. Wichtig ist auch die Zahl der Beteiligten, also der potentiellen Verräter. Das sind Indizien; eine völlig sichere Unterscheidung ergibt sich daraus nicht.

Wie sollen Linke mit dem Problem umgehen? Wo der Gegner Verschwörungstheorien vertritt, ist es sicherlich sinnvoll, auf deren Unstimmigkeiten hinzuweisen. Eigene Theorien führen selten sehr weit. Man kann ja am Kneipentisch zum 11. September lange streiten, bei welcher Temperatur Stahlbetonträger zu schmelzen beginnen und ob die Aufnahmen vom Ende des Nebengebäudes WTC 7 eine Sprengung beweisen; genauso fruchtlos wäre die Auseinandersetzung darüber, wie Flugzeugtrümmer aussehen müssten, die wirklich von einer Buk-Rakete über der Ostukraine getroffen wurden. Im Regelfall hat keiner der Beteiligten das nötige technische Wissen, um mehr als die Aussagen des nach politischen Kriterien ausgewählten Lieblingsexperten nachzuplappern.

Man verbeißt sich also in Details, statt politische Grundlinien zu klären. Der 11. September, von wem auch immer geplant oder zugelassen, erleichterte eine Kriegserklärung, die der Imperialismus ohnehin brauchte. Schon der Überfall auf den Irak anderthalb Jahre später war mit einer Schlampigkeit begründet, die eine Beleidigung des denkenden Publikums darstellt. Das ist seitdem nicht besser geworden.

Von Verschwörungen zu reden bedeutet die Illusion, es würde besser, könnte man nur die Verschwörer entlarven und ihrer verdienten Strafe zuführen. Zugegebenermaßen ist es verlockend, sich Bush jr. und Anthony Blair angekettet in einem Burgverlies vorzustellen. Doch stehen sie nur für ein politökonomisches System, dessen Problem nicht die Verschwörung ist, sondern der Normalbetrieb.

Michael Butter: »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018, 271 Seiten, 18 Euro

Kai Köhler besprach an dieser Stelle am 3. ­April 2018 den von Heinz Hamm edierten Band mit politischen Schriften von Peter Hacks.

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