Aus: Ausgabe vom 28.05.2018, Seite 10 / Feuilleton

Am Ende einer Eiszeit

Wenn im Manga die Welt auftaut: Jiro Taniguchis »Ice Age Chronicle of the Earth«

Von Michael Streitberg
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»Die Natur ist mächtiger als der Mensch. Sie wird es uns ein weiteres Mal beweisen«

Im Februar 2017 verstarb mit Jiro Taniguchi einer der weltweit bekanntesten Mangazeichner. Seine Werke fanden Anklang in der Comic-Gemeinde und den Feuilletons der großen Tageszeitungen. Während der Carlsen-Verlag sich vor allem seinen späteren »Autorenmangas« widmet, veröffentlicht der Verlag Schreiber & Leser hauptsächlich Taniguchis Genrewerke aus den 80er und frühen 90er Jahren. Diese Krimis, Thriller und Abenteuergeschichten kommen im besten Sinne ungeschliffen daher, sie zeichnen sich durch mehr Dynamik, mehr Action und Lust am Experimentieren aus.

Über die 1988/89 entstandene »Ice Age Chronicle of the Earth« (Eiszeit-Chronik der Erde) sagte der Meister, sie sei für ihn »der Königsweg zum Comic« gewesen. Bei vielen seiner früheren Werke suchte er die Zusammenarbeit mit anderen Autoren, diese zweibändige Science-Fiction-Geschichte hat er allein geschrieben. Versatzstücke verschiedener Genres vermischen sich hier mit existentiellen Fragen nach der Natur des Menschen und seinem Platz auf der Welt, die das Spätwerk prägen.

Die »Ice Age Chronicle« spielt in einer künftigen Eiszeit, die die Erde in einen lebensfeindlichen Ort verwandelt hat. Um die Städte mit Energie zu versorgen, werden der Natur die letzten Bodenschätze abgetrotzt. Auch in der Mine Nunatak in der arktischen Region Tarpa, die unter Verwaltungshoheit der Metropole Abyss steht. Die Arbeiter und Ingenieure trotzen dem ewigen Eis und dem Verfall ihrer Maschinenfestung, der die Verantwortlichen in Abyss kaum zu interessieren scheint.

»Die Natur ist mächtiger als der Mensch. Sie wird es uns ein weiteres Mal beweisen« sagt einer, der die Station und ihre Umwelt schon lange kennt, und er soll Recht behalten. Viel früher als vorhergesagt, schickt der arktische Winter Eisstürme über die Station am Felsengrund. Die Vorräte sind knapp, nach Wintereinbruch wäre man von der Außenwelt abgeschnitten, ein eingeplanter Frachter aus Abyss wird nicht rechtzeitig eintreffen. Um Hilfe zu holen, bricht ein Trupp unter Führung von Takeru auf, dem Sohn des Direktors des Bergbauunternehmens. Plötzlich fängt es an zu tauen – die Frauen und Männer befinden sich auf einmal inmitten eines epochalen Umbruchs, eines Wiedererwachens der Erde.

Die Visualisierung dieses Umbruchs ist geprägt von Motiven des New Age beziehungsweise der Esoterik. Jahrtausendealte Prophezeiungen treffen auf einen sensiblen Supercomputer namens »Große Mutter«. Dann sind da unter anderem noch ein magischer Armreif, ein Mann mit Dreadlocks beziehungsweise Gott im Eis, eine Schamanin im Widderfell und Tengri, Gott des blauen Himmels. In den besten Momenten seiner Geschichte verhandelt Taniguchi anhand dieses kosmischen Reigens das Verhältnis des Menschen zu einer Natur, die er zu beherrschen glaubt. In den schwächsten Momenten wirkt alles einfach zu dick aufgetragen.

Dafür entschädigt eine über jeden Zweifel erhabene Zeichenkunst. Sprechende Erzsuchroboter mit Spinnenbeinen, retrofuturistische Drachenfluganzüge, Steinwale, die aus dem Felsboden brechen, und Wälder, die Tiere, Menschen und Maschinen verschlingen, fügen sich zu einer faszinierenden Szenerie zusammen. Auch das mitunter holprige Wandern zwischen den Genres entfaltet seinen ganz eigenen Reiz: Manches in der Chronik erinnert an die Science-Fiction-Comics des französischen Zeichners Jean Giraud alias Moebius, manches an Jules Verne – Einflüsse, die der Autor selbst nennt.

Das erste Viertel des zweiten Bands erinnert an einen Hollywood-Abenteuerfilm der 80er: Die Helden kämpfen sich in Begleitung eines trinkfreudigen Indiana-Jones-Verschnitts und eines Frettchen-Sidekicks durch einen Zauberwald. Packende Kletterszenen an von Eisstürmen umwehten Steilwänden atmen bereits die Atmosphäre des Bergesteigerepos »Gipfel der Götter«, eine im Jahr 2000 begonnene Serie (ebenfalls Schreiber & Leser).

»Ice Age Chronicle of the Earth« ist nicht Taniguchis bestes Manga, aber mehr als die Summe seiner nicht immer harmonierenden Teile. Wer die New-Age-Überdosis goutieren oder verschmerzen kann, sollte sich das grandios gezeichnete Science-Fiction-Abenteuer nicht entgehen lassen. Für Taniguchi-Fans ist das Frühwerk des begnadeten Autors und Zeichners, in dem sich bereits zentrale Motive seines späteren Schaffens finden, ohnehin Pflicht.

Jiro Taniguchi: Ice Age Chronicle of the Earth. Übersetzt von Marcel Le Comte. 2 Bände, Schreiber & Leser, Hamburg 2017, 276 und 312 Seiten, jeweils 16,95 Euro

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