Aus: Ausgabe vom 26.05.2018, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen

Neue Hoffnung, alte Sorgen

Die Schließungspläne für die Siemens-Werke in Görlitz und Leipzig sind vom Tisch. Für einige Beschäftigte ist die Ungewissheit trotzdem nicht verschwunden. Ein Ortsbesuch

Von Von Thomas Fritz
Protestaktion vor dem Siemens-Werk im ­Leipziger Stadtteil ­Plagwitz am 31.1.18
Diplomingenieur ­Andreas Löper vor dem Siemens-Werk in Görlitz
»Blühende Landschaften«: Straßenszene in der Nähe des Siemens-Werkes in Görlitz
Siemens-Arbeiter Uwe Roth vor dem Werk in Plagwitz (Leipzig)
Siemens-Arbeiter in Leipzig bei einer Protestaktion gegen die drohende Werksschließung, 31.1.18

Leipzig. Uwe Roth neigt seinen Kopf zur Seite und stützt ihn auf der linken Hand ab, als ob die Gedanken zu schwer wären, um sie ohne Hilfe zu tragen. Seit Monaten macht sich der Siemens-Arbeiter, tiefe Stirnfalten, braune Augen, Sorgen um seinen Job. Und auch nach der Ankündigung des Weltkonzerns vom 8. Mai 2018, von der Schließung des Verdichterwerks in Leipzig-Plagwitz abzusehen und es statt dessen zu verkaufen, hat sich keine große Erleichterung eingestellt. »Das Gute ist, dass die Schließung vom Tisch ist«, sagt der Zerspanungsmechaniker. »Aber wie es genau weitergeht, wissen wir ja noch gar nicht.« Roth hofft, dass der Betrieb als Ganzes erhalten bleibt und Personalabbau vermieden wird. Aufgrund des schrumpfenden Marktes in der Kraftwerks- und der Antriebssparte gab Siemens im November 2017 bekannt, weltweit 6.900 Arbeitsplätze zu streichen. Darunter 720 in Görlitz, wo Industriedampfturbinen gefertigt werden, und 270 Leipzig. Dass der Konzern wenige Wochen zuvor Rekordgewinne von 6,2 Milliarden Euro verkündet hatte, kam bei den Betroffenen gar nicht gut an. In zähen Verhandlungen zwischen Betriebsräten, IG Metall und der Konzernleitung konnte das Aus nun abgewendet werden. An einigen Standorten dürfte ein Teil der Beschäftigten trotzdem seine Jobs verlieren. Das Werk in Offenbach soll ganz aufgegeben werden.

»Das hat mich echt geplättet«

Andreas Löper atmete tief auf, als er von der Rücknahme der Schließungspläne erfuhr. Er arbeitet als Ingenieur am Standort Görlitz. »Die Erleichterung war schon groß«, sagt der 55jährige, »denn wir wussten ja bis zuletzt nicht, ob wir mit unseren Argumenten bei Siemens Gehör finden würden.« Görlitz soll künftig als weltweite Zentrale für Industriedampfturbinen fungieren. Im März sah die Lage noch ganz anders aus. Löper sitzt in Jimmys Restaurant in der Südstadt. 700 Meter vom Werkseingang und etwa genausoweit von seiner Wohnung entfernt. Die Wände sind blütenweiß, auf dem Tisch stehen frische Tulpen. Am Nachbartisch spielen drei ältere Herren Skat. Ab und zu schimpft einer der Senioren lautstark. Löper, kumpelhafte Art, leicht berlinernd, schimpft nicht. Er faltet die Hände wie zum Gebet, wenn er über die Zukunft von Siemens spricht. »Hoffnung«, sagt er und atmet tief ein. Er pustet die Luft hinaus und wiederholt das Wort nach einigen Sekunden. »Hoffnung macht mir, dass wir in Görlitz gute Arbeit machen und ein Produkt herstellen, das gefragt und konkurrenzfähig ist.«

Löper lernte von 1980 bis 1982 im Siemens-Vorgängerbetrieb Görlitzer Maschinenbau den Beruf des Maschinen- und Anlagenmonteurs. Danach studierte er in Odessa fünf Jahre Kraftwerkstechnik, kehrte 1988 in die Heimat zurück. 1992 übernahm Siemens den Betrieb. Seit zehn Jahren ist der Diplomingenieur für die Produktsicherheit der ausgelieferten Dampfturbinenanlagen zuständig, weltweit. Letzten Oktober schrumpft die Welt auf einen ­kleinen Büroraum zusammen. Löper öffnet am Computer eine E-Mail. Er schüttelt mit dem Kopf, als er die Nachricht wieder liest. »Das hat mich echt geplättet. Ich dachte mir: Die können mein schönes Werk doch nicht dichtmachen.«

Der letzte seines Jahrgangs

Uwe Roth gehört ebenfalls zur alten Garde. Der 54jährige absolvierte seine Lehre von 1980 bis 1982 im VEB Pumpen- und Gebläsewerk. Den Namen verwenden die alten Kollegen noch heute, Siemens sagt kaum einer. Drehen, fräsen, schleifen, bohren: Roth bearbeitet Gehäuse und Laufräder. Früher mehr mit den eigenen Händen, heute fast nur noch mit Maschinen. »Ich bin der letzte aus meinem Jahrgang«, sagt er. Es klingt stolz, aber auch ein wenig traurig. Es gibt Familien, bei denen drei Generationen im Betrieb tätig sind bzw. waren. Trägerkonzerne kamen und gingen, das Werk ist geblieben. An den großen Schock vom letzten Herbst erinnert er sich nicht gerne. Die Sorgen legten sich über seine ganze Familie wie ein dunkler Rußfilm.

Andreas Löper ging es ähnlich. Ihm halfen Gespräche mit der Frau; der Sohn (17) und die Tochter gaben ebenfalls Halt. Die 30jährige lernte in Görlitz und arbeitet nun am Siemens-Standort Erlangen. Der Jüngste fragte: Papa, ziehst du um? Löper schlief ein paar Tage schlecht. Heute scheint es sicher: Ein Umzug zu einem anderen Standort bleibt ihm erspart. »Ich wollte nicht weg, niemand wollte weg«, sagt er. Weil Siemens-Boss Josef Käser (»Joe Kaeser«) schon zu Jahresbeginn versprach, Görlitz nicht vor 2023 zu schließen, war die Lage ohnehin nicht so angespannt wie in Leipzig.

Uwe Roth sitzt im dunklen Jogginganzug in einer Gaststätte unweit des Werks und nippt nach Feierabend an einem Kaffee. Wie geht es für ihn weiter? »In meinem Alter und in meiner Branche ist es ganz schwierig«, sagt er und verschränkt die Arme. Er hofft, dass er seinen Job auch nach dem geplanten Verkauf behalten kann. Seine Frau ist berufstätig, die Kinder stehen auf eigenen Beinen: Das mindert die Zukunftsängste ein wenig. 20 Meter neben ihm steht eine ausrangierte Iljuschin IL-18 auf dem Dach des Oldtimermuseums. »Es gibt Momente«, sagt er, »da möchte man gerne wegfliegen.« Er schöpft wieder Hoffnung, aber die Ungewissheit ist noch lange nicht verschwunden.


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