Aus: Ausgabe vom 28.05.2018, Seite 1 / Titel

Lautstarke Mehrheit

Berlin: Zehntausende protestierten gegen eine Kundgebung der AfD – mit Demos, Blockaden und einem Bootskorso

Von Lothar Bassermann
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Mehr als 25.000 Menschen gingen am Sonntag gegen die AfD in Berlin auf die Straße

Der Protest war ohrenbetäubend, bunt, vielfältig. Am Sonntag waren in Berlin Zehntausende Menschen auf den Straßen, um gegen einen Aufzug der rechten AfD zu protestieren – mit friedlichen Demonstrationen, mit Lärm, subversiven Aktionen, Sitzblockaden und nicht zuletzt mit einem Korso zu Wasser mit mehr als 20 Schiffen, Booten und Flößen.

An der Veranstaltung der AfD beteiligten sich rund 5.000 Personen. Ursprünglich hatte die Partei 10.000 Teilnehmer angemeldet. Mindestens 25.000 Menschen – so die Angabe der Polizei – kamen zu den insgesamt 13 Gegenveranstaltungen unter dem Motto »Stoppt den Hass«, die schon am Morgen begannen. Die Staatsschützer waren mit rund 2.000 Beamten im Einsatz. Die AfD-Anhänger versammelten sich am Mittag am Hauptbahnhof und zogen von dort zum Brandenburger Tor.

Die Polizei hatte angekündigt, das Versammlungsrecht der Rechten durchzusetzen. Dies bekamen insbesondere jene rund 500 Menschen zu spüren, denen es gelungen war, Polizeiabsperrungen zu überwinden, um die AfD-Demo mit Sitzblockaden aufzuhalten. Sie wurden schnell von Beamten eingekesselt und anschließend gewaltsam von der Straße geholt, wobei Augenzeugenberichten zufolge Betroffene erheblich verletzt wurden. Gegen einige von ihnen setzten Polizisten Pfefferspray ein.

Auf der Abschlusskundgebung der AfD-Anhänger klagte der Bundesvorsitzende der Partei, Jörg Meuthen, mit der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) werde »Deutschland buchstäblich hergeschenkt«. Der Kovorsitzende Alexander Gauland hetzte, die etablierten Parteien »lieben die Fremden, nicht uns, nicht euch, nicht die Deutschen«. Vorstandsmitglied Beatrix von Storch sprach von der »Herrschaft des Islam«, die in Deutschland nichts anderes sei als die »Herrschaft des Bösen«. Aus den Reihen der AfD-Anhänger, offenbar viele aus dem islamfeindlichen Pegida-Bündnis und Mitglieder der »Identitären Bewegung«, wurden immer wieder ausländerfeindliche Parolen gerufen.

Die Polizei hatte den Platz abgeriegelt, Gegendemonstranten aber bis in Sichtweite vorgelassen. Mit Technobeats, Trommeln und anderen Perkussionsinstrumenten ließen sie die rechte Kundgebung zeitweilig im Lärm versinken. Zur Beschallung trug maßgeblich ein von der Berliner Clubszene organisierter Umzug von rund 30 Musikwagen bei, an dem sich nach Angaben der Veranstalter allein rund 10.000 Menschen beteiligten.

Noch vor Beginn der AfD-Versammlung forderte die Polizei auf Anweisung der Veranstalter die Aktivistin Irmela Mensah-Schramm zum Verlassen des Platzes auf. Die 73jährige stand allein unter den Rechten und hielt ein Schild mit der Aufschrift »A bartig, F ies, D ämlich« hoch. Ein Polizeisprecher bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, eine Frau sei in Handschellen abgeführt worden, da sie sich geweigert hatte, den Platz zu verlassen. Dies sei zur Gewährleistung des ungestörten Ablaufs der Kundgebung nötig gewesen.

Künstler hatten eine »Glänzende Demonstration« gegen rechts zum Brandenburger Tor organisiert. Auch die Teilnehmer des Bootskorsos störten den AfD-Aufzug lautstark. Sie hielten sich u. a. an einer Brücke auf, die die Rechten passieren mussten. Das Bündnis »Chaos statt AfD« hatte am Sonntag morgen diverse militante Aktionen gegen AfD-nahe Einrichtungen veranstaltet. Nach seinen Angaben wurden u. a. mindestens zwei Büros »entglast«, die »Bibliothek des Konservatismus« wurde »mit Farbe eingetüncht«.


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