Aus: Ausgabe vom 25.05.2018, Seite 2 / Inland

»Normalzustand für zahllose Familien in Berlin«

Eltern verzweifeln auf der Suche nach Betreuungsplätzen. Ihr Protest wird lauter. Ein Gespräch mit Ann-Mirja Böhm

Interview: Interview: Ralf Wurzbacher
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Auch in Hamburg gab es 2015 Aktionen für den Ausbau der Kitas (Archivbild)

Sie arbeiten als TV-Journalistin, sind Mutter einer Tochter und haben lange einen Betreuungsplatz gesucht. Welchen Aufwand haben Sie betrieben?

Los ging es ein paar Wochen vor der Geburt meiner Tochter und mit einer Liste mit rund 20 Kitas. Allerdings erhielt ich keinerlei Rückmeldung, und mir wurde klar, dass das Ganze ein ziemlich harter Brocken ist. Wochen- und monatelang tat sich praktisch gar nichts, während meine Liste länger und länger wurde. Ziemlich verzweifelt war ich dann, als sich mein zweites Kind ankündigte. Mein Freund und ich haben uns das zwar gewünscht. Aber was passiert, wenn wir bis zur Geburt nicht einmal eine Betreuung für unser erstes Kind gefunden haben?

Es kam zum Glück anders ...

Alles in allem habe ich bei über 50 Kitas und 150 Tagesmüttern angefragt. Dass es am Ende geklappt hat, war ein Glücksfall, weil eine Mutter auf den letzten Drücker abgesprungen ist. Jetzt haben wir eine wunderbare Tagesmutter, die aber weit weg in einem anderen Bezirk wohnt. Von Tür zu Tür dauert der Weg eineinhalb bis zwei Stunden.

Also eine Notlösung?

Man muss einfach nehmen, was man kriegen kann. Persönliche Vorlieben und Bedürfnisse oder spezielle Ansprüche, was Konzeption und Qualität der Betreuung angeht, kann man sich abschminken.

Mussten Sie wegen der lange erfolglosen Suche beruflich zurückstecken?

Das war für mich nicht das Problem. Viele andere Mütter, gerade alleinerziehende, geraten aber in existentielle Nöte. Ohne Kitaplatz können sie nicht arbeiten und bekommen vielfach auch kein Arbeitslosengeld, weil sie ohne Betreuungsplatz dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Andere müssen ihren Job aufgeben oder Einnahmeausfälle hinnehmen, weil sich die Betreuungseinrichtung so weit weg vom Wohnort befindet. Dazu kommt die nervliche und psychische Belastung: Es kann doch nicht sein, dass praktisch alle Eltern durch die Hölle gehen müssen, um ihr Kind unterzubringen. Ich habe mich zwei Tage pro Woche einzig darum gekümmert, einen Kitaplatz aufzutreiben. Für meine Tochter, also fürs Fördern, Spielen, Vorlesen, hatte ich faktisch keine Zeit.

Und der Frust darüber hat Sie dazu gebracht, gegen die Zustände anzukämpfen?

Ja, auch weil ich gesehen habe, dass das der Normalzustand für zahllose Familien in Berlin ist. Die Initiative für unser Netzwerk ging von der US-Amerikanerin Elise Hanrahan aus, die zuerst auf Facebook nach Gleichgesinnten gesucht hat. Wir sind inzwischen zehn Aktive, unser Unterstützerkreis ist aber viel größer. Zu unseren Partnern zählen die Gewerkschaften GEW und Verdi sowie der Landeselternausschuss LEAK. Ohne ihre Hilfe könnten wir eine Demo wie die kommende gar nicht auf die Beine stellen.

Wie groß ist der Mangel an Kapazitäten in Berlin?

Nach einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft fehlen mindestens 13.000 Plätze. Allein 10.000 können nicht besetzt werden, weil Personal fehlt. Nur zwischen 2005 und 2015 sind 52.000 Kinder zugezogen, dazu kommt ein nie dagewesener Geburtenboom. Es ist ja nicht so, dass die Politik in den letzten Jahren völlig untätig war. Aber das, was gemacht wurde, reicht einfach bei weitem nicht. Vor allem kann es nicht die Lösung sein, noch mehr Kinder in eine Einrichtung zu stopfen, indem man mal eben den Betreuungsschlüssel auflöst. 15 bis 30 Kinder von einer Kraft betreuen zu lassen, das ist doppelt fahrlässig: gegenüber den Kindern wie den Erzieherinnen und Erziehern. Denn mit steigenden Belastungen vergrault man noch mehr Menschen aus dem Beruf.

Wie lauten Ihre Forderungen?

Erzieherinnen und Erzieher müssen deutlich besser bezahlt, ihr Beruf aufgewertet und ihre Arbeitsbedingungen verbessert werden. Das heißt, es braucht hochwertige Kitaplätze, kleine Gruppen, ein Ende der Überbelegung und dazu viel mehr Räumlichkeiten. Das geht nur mit staatlicher Förderung bei Neubau und Erweiterung. Außerdem fordern wir ein zentrales Vergabesystem für Betreuungsplätze.

Demo am Samstag, 26. Mai, 10 Uhr, Start vom Dorothea-Schlegel-Platz in Berlin-Mitte

Ann-Mirja Böhm ist Sprecherin des Berliner Elternnetzwerks »Kita-Krise«, das für Sonnabend zu einer Demonstration gegen den Mangel an Kinderbetreuungsplätzen aufruft (www.kitakriseberlin.org)


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