Aus: Ausgabe vom 24.05.2018, Seite 15 / Medien

Auf Gottes Pfad

Kein Wort, kein Bild zu gleichgeschlechtlicher Liebe: der niederländische Kalvinismus und sein mediales Bollwerk Reformatorisch Dagblad

Von Gerrit Hoekman
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Corpus delicti: Das Bild ging dem Reformatorisch Dagblad zu weit

Das Reformatorisch Dagblad (RD) gilt als das mediale Bollwerk des Calvinismus in den Niederlanden. Stark in der Meinung, unbeirrbar im Glauben. Homosexualität hat in der Gazette keine Existenzberechtigung. »Nach unserer Überzeugung bietet die Bibel nur Platz für eine Liebesbeziehung in einer Ehe zwischen Mann und Frau«, sagte der Geschäftsführer der Tageszeitung, Cees Hovius, vor einigen Tagen bei NPO Radio 1. »Darum mussten wir die Werbeanzeige ablehnen.«

Auftraggeber besagten Inserats war der Aktivist Jasper Klapwijk. Es zeigte zwei lachende Männer, die sich umarmen. Das RD verzichtete auf die 5.000 Euro, die Klapwijk und die Frauenorganisation »Femmes for freedom« durch Crowdfunding innerhalb weniger Stunden im Internet gesammelt hatten. »Das Inserat suggeriert, dass auch intime Liebesbeziehungen zwischen Menschen desselben Geschlechts bestehen können«, erklärte Cees Hovius die Entscheidung.

Ein Flyer, den die Gruppe »Familie in Gefahr« Ende März den 44.000 Exemplaren des RD beigelegt hatte, traf offenbar mehr die Tendenz der Zeitung aus Apeldoorn. »Familie in Gefahr« rief darin zum Protest gegen eine Werbekampagne des niederländischen Herrenausstatters Suitsupply auf, in der sich zwei Männer in schicken Anzügen innig küssen.

»Diese unsittlichen Szenen sind überall auf der Straße zu sehen, auch von kleinen Kindern«, ereiferten sich die fundamentalistischen Protestanten. Das Motiv sei »pornographisch«. In dem Flyer war das Foto der beiden Männer mit zwei dicken, sich kreuzenden roten Balken durchgestrichen. Hinter der Organisation steht vermutlich die erzkonservative Stiftung Civitas Christiana, die sich mit ihrer Kampagne »Cultuur onder Vuur« (Kultur unter Feuer) für die Erhaltung christlicher Werte und niederländischer Traditionen einsetzt.

Der Beileger befeuerte die Debatte zusätzlich. In den Wochen nachdem Suitsupply seine Werbekampagne gestartet hatte, zerstörten Unbekannte Bushaltestellen, weil dort die Plakate zu sehen waren. »Wir hatten schon erwartet, dass es Reaktionen geben wird, aber wir hatten nicht erwartet, dass sie Wartehäuschen kaputtmachen würden. Schon gar nicht in den Niederlanden«, sagte der Gründer von Suitsupply Fokke de Jong gegenüber der Tageszeitung Het Parool.

Das Reformatorisch Dagblad argumentierte, dass es keine Verantwortung für den Inhalt der Flyer trage. »Wenn wir der Zeitung einen Flyer mit Reklame beifügen, zum Beispiel für Möbel, dann sind wir auch nicht für die Produkte verantwortlich«, verglich der Geschäftsführer in einer schriftlichen Erklärung Birnen mit Äpfeln. Die Reaktion der homosexuellen Community? Sie bombardierte RD auf Facebook mit Fotos, die Männer zeigten, die auf die eine oder andere Art zärtlich zueinander sind.

Die Erklärung des Geschäftsführers brachte Klapwijk auf die Idee, bei den Calvinisten ebenfalls eine ganze Seite Werbung zu schalten. »Wenn das RD nicht für den Inhalt von Anzeigen verantwortlich ist, dann sollte dieses Inserat auch möglich sein«, sagte er Het Parool. War es aber nicht. Auch ein Treffen zwischen Klapwijk, Femmes for freedom und dem Chefredakteur des RD, Steef de Bruijn, änderte nichts an der Entscheidung.

Die Zeitung war nur bereit, einen Briefwechsel zwischen De Bruijn und John Lapré, einem der beiden abgebildeten Männer in der Anzeige, zu veröffentlichen. Thema: Homosexualität in calvinistischen Kreisen. Lapré warf dem RD in seinem Beitrag vor, es sei mitschuldig daran, wenn sich Lesben und Schwule nun noch weniger trauen würden, sich zu outen. »Wer beschließt, mit jemandem desselben Geschlechts das Leben zu teilen, muss damit rechnen bei einem großen Teil der reformatorischen Gemeinschaft ›in Ungnade‹ zu fallen«, schrieb Lapré.

Chefredakteur De Bruijn bat in seiner Antwort um Verständnis für die Haltung vieler Reformierter: »Diese Menschen können die Bibel nicht anders interpretieren, als dass Gott diese sexuellen Beziehungen unzweideutig ablehnt, wie auch anderes Verhalten innerhalb und außerhalb der Ehe. Das tun sie nicht aus Hochmut oder Lieblosigkeit gegenüber Homosexuellen, sondern aus Liebe zu Gott.«

Mit einem Teil der gesammelten 5.000 Euro will Klapwijk nun große Werbeplakate drucken lassen, die das Motiv seines abgelehnten Inserats zeigen. Die sollen in der Region um die Gemeinde Staphorst bei Zwolle aufgehängt werden. Die 16.000 Einwohner der Stadt gelten als besonders strenggläubig. In Staphorst ist das Fotografieren am Sonntag verboten, das Fluchen die ganze Woche über. Letzteres ist sogar in der Gemeindeverordnung verankert. Bei Zuwiderhandlung droht ein Bußgeld, das allerdings noch nie verhängt wurde. Das könnte sich ändern, sobald die Plakate von Klapwijk am Straßenrand hängen.


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  • Beitrag von Kalle S. aus H. (24. Mai 2018 um 08:33 Uhr)

    Wird es nicht 'Calvinismus' geschrieben?

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