Aus: Ausgabe vom 24.05.2018, Seite 2 / Inland

»Sie beteiligt sich am nuklearen Wettrüsten«

Deutsche Bank hält Hauptversammlung ab. Kritische Aktionäre kritisieren Anlageverhalten der Investoren. Ein Gespräch mit Christian Russau

Interview: Gitta Düperthal
Schriftzug_Deutsche_57394249.jpg
Putzen hilft bei schmutzigen Geschäften auch nichts mehr

Heute lädt die Deutsche Bank in Frankfurt am Main zur Hauptversammlung. Sie beantragen, den Vorstand nicht zu entlasten, weil das Geldhaus in verschiedene schmutzige Geschäfte involviert ist – unter anderem auch in Waffendeals. Was werfen Sie den Bankern vor?

Wir kritisieren, dass die Deutsche Bank die Finanzierung von und Beteiligungen an Atomwaffenherstellern nicht kategorisch ausschließt. Sie beteiligt sich am nuklearen Wettrüsten. Laut einer Untersuchung der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) und der niederländischen Friedensorganisation Pax unterhält die Deutsche Bank aktuell zu zwölf von 20 untersuchten Atomwaffenproduzenten Geschäftsbeziehungen im Gesamtwert von 6,6 Milliarden US-Dollar. Die Deutsche Bank sollte keine Kredite an solche Unternehmen vergeben, keine Anleihen dort vornehmen und keine Aktien an ihnen besitzen.

Wie hält es die Deutsche Bank mit Waffenlieferungen in Kriegsgebiete?

Sie macht Geschäfte mit BAE-Systems, Rheinmetall oder MTU Aero Engines, obwohl diese Rüstungskonzerne etwa Bestandteile für den Eurofighter an die Länder der Golf-Allianz liefern, die damit seit drei Jahren einen brutalen Krieg in Jemen führen. Wir fordern die Deutsche Bank auf, diesen Unternehmen den Geldhahn abzudrehen. Sie sollte eine umfassende Rüstungsrichtlinie in Kraft setzen, die eine Finanzierung für Waffensysteme in Krisengebiete oder deren Beteiligung an solchen Unternehmen ausschließt.

Bei der diesjährigen Hauptversammlung werden Sie auch die Kreditvergabe der Deutschen Bank an Konzerne kritisieren, die Menschenrechte missachten und Umweltzerstörung verursachen. Worum geht es?

Die Deutsche Bank investiert mit Aktien im Wert von fast zehn Millionen Euro beim mexikanischen Bergbaukonzern Grupo México. Der Konzern hat in mehreren Fällen den Tod von Arbeitern zu verantworten. Er hat die natürlichen Lebensgrundlagen von Gemeinden im Umfeld der Kupfermine Buenavista del Cobre zerstört. Am 6. August 2014 traten 40 Millionen Liter Sulfatsäure aus einem Leck der Mine aus und verschmutzten den Sonora-Fluss. Grupo México versprach nach dem ökologischen Desaster Wiedergutmachung, hat aber tatsächlich nie Verantwortung dafür übernommen.

Gibt es ein weiteres Beispiel dafür, dass die Deutsche Bank dem Bekenntnis des Aufsichtsrats zur Einhaltung der Menschenrechte keine Folge leistete?

Wir haben eine Betroffene des Giftschlammskandals der Firma Samarco aus Brasilien eingeladen. Sie hat den Dammbruch im Bergwerk des Unternehmens überlebt, der sich dort am 5. November 2015 in der Nähe der Stadt Mariana im Bundesstaat Minas Gerais ereignete. Eine giftige Schlammlawine begrub den kleinen Ort Bento Rodrigues unter sich. 19 Menschen wurden durch die Katastrophe getötet, mehr als 300 Familien obdachlos, Tausende Fischer verloren ihre Einkommensgrundlage entlang des Flusses Rio Doce. Viele wurden von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Der giftige Schlamm ergoss sich später an der Atlantikküste ins Meer. Angemessene Entschädigungen gab es nicht. Vale und BHP Billiton, Eigentümer des Konzerns Samarco, die für all dies verantwortlich sind, erhielten weiterhin Kredite und Anleihen von der Deutschen Bank. Sie hält Aktien an beiden Unternehmen von 283 Millionen Euro. Wider alle Warnungen von Nichtregierungsorganisationen setzt die Deutsche Bank ihre skandalöse Geschäftspolitik fort.

Die Deutsche Bank ist bekanntermaßen in viele Rechtsstreitigkeiten verwickelt. Können Sie noch den Überblick über die Skandale behalten?

Das ist in der Tat schwer. Klar ist, die Deutsche Bank hat deshalb keine gute Zeit, ihr Aktienkurs fällt derzeit. Wegen der Rückstellungen für die dadurch möglichen Verluste, die sie vornehmen musste, hat sie in den vergangenen Jahren kaum Gewinne gemacht.

Sie protestieren seit mehr als 30 Jahren alljährlich und beantragen, die Vorstandsmitglieder nicht zu entlasten. Was bringt das?

Wir erreichen eine gewisse Öffentlichkeit. Kleinaktionäre stimmen mitunter mit uns. Aber wenn ein Großkonzern mit 500 Millionen Aktien an der Deutschen Bank anders stimmt, zeigt sich, wie gering unser Einfluss ist. Die Schnecke kriecht langsam. So machen wir es auch, wir werden weiterhin unseren Widerstand in die Öffentlichkeit tragen.

Christian Russau ist Vorstandsmitglied vom Dachverband der Kritischen Aktionäre und konzernkritischer Aktivist

Der richtige Begleiter für den Sommer im Marx-Jahr!

Unser Aktionsabo der gedruckten Ausgabe (62 Euro statt 115,20 Euro): Sechs Tage in der Woche, mit vielen Hintergründen und Analysen, mit thematischen Beilagen und am Wochenende acht Seiten extra. Das Abo endet nach drei Monaten automatisch. Als Zugabe gibt es das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Teufelszeug Für eine Welt ohne Atomwaffen

Ähnliche:

Mehr aus: Inland